Lokales

"Hasse die Sünde, liebe den Sünder"

KIRCHHEIM Jeder Mensch hat Vorurteile, auch wenn keiner das für sich selbst eingestehen möchte. Aber jeder urteilt über andere, jeden Tag, positiv oder negativ. Schlimm wird ein Urteil, wenn es festgeklopft wird, wenn aus dem Vor-Urteil eine bleibende Verurteilung wird, bei der der andere keine Chance mehr hat. Solche festgefahrenen Vorurteile gibt es vielfach, gibt es gegenüber dem anderen Geschlecht so sind Männer, so sind Frauen! , gibt es gegenüber Fremden und Ausländern, gibt es gegenüber Menschen, die aus der Bahn ihres Lebens geworfen wurden oder sich schuldig gemacht haben.

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Manche Menschen werden oft ein Leben lang gebrandmarkt. Meist liegt es daran, dass aus der Distanz geurteilt wird, ohne den anderen näher zu kennen. Ein indianisches Sprichwort sagt: "Verurteile niemanden, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist."

Dazu zwei Beispiele: Wenn sich ein Mensch verfehlt hat, wenn er mit seinem Handeln Mitmenschen verletzt hat, ist ein kritisches Urteil, im Extremfall eine Bestrafung selbstverständlich angebracht. Trotzdem sollte man sich ganz im Sinne des indianischen Sprichworts in ihn hineinversetzen und sich die Frage stellen: Warum ist dieser Mensch so weit gegangen? Was stimmt bei ihm nicht? Nur so kann man ihm wieder die Chance eines Neuanfangs geben.

Der heilige Augustinus hat einmal den provokativen Satz gesagt: "Hasse die Sünde, liebe den Sünder!" Ebenso provokativ war die Verhaltensweise Jesu, der Sünder angenommen, ja ihnen verziehen hat und ihnen so eine neue Chance gab. Und an uns gewandt sagt er: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!" (Matthäus 7,1).

Ein zweites Beispiel: Obwohl in den letzten Jahren vieles an Annäherung und Integration erreicht wurde, gibt es immer noch zu viele Vorurteile gegenüber Menschen anderer Kultur und vor allem muslimischer Religion. Ein Beweis dafür ist für mich auch der in Teilen diskriminierende Einbürgerungstest in Baden-Württemberg.

Ängste sind nach mehreren Terroranschlägen zwar verständlich, aber Pauschalurteile völlig fehlt am Platz. Auch hier gilt wieder das indianische Sprichwort. Wer sich mit den Menschen einer anderen Kultur und Religion beschäftigt, wer auf diese Menschen zugeht und sie in durchaus auch hinterfragenden Gesprächen näher kennen lernt, der wird ein anderes Bild bekommen, der wird so manche Vorurteile abbauen können.

Nur so ist ein Miteinander möglich, das Voraussetzung für Integration und letztlich für den Frieden auf dieser Welt ist. Bleibende Vorurteile helfen da nicht weiter im Gegenteil.

Reinhold Jochim

Pastoralreferent der

Katholischen Kirchengemeinde

Sankt Ulrich, Kirchheim