Lokales

Hast du mich lieb?

Gestern wurde er zu Grabe getragen, Johannes Paul II., einer der bedeutendsten Päpste der Geschichte. Über der Stelle im Petersdom, wo der Oberhirte der römischen Kirche zu Lebzeiten viele, viele Messen gelesen hat und wo zuletzt sein Leichnam aufgebahrt lag, ist mit goldenen Buchstaben ein Bibelwort in die Kuppel geschrieben. Es ist ein Wort Jesu aus dem letzten Kapitel des Johannesevangeliums. Dort wird erzählt, wie sich Jesus und Petrus zum letzten Mal auf Erden begegnen. Also eine Abschiedsszene. Man könnte erwarten, dass Jesus bei dieser letzten Begegnung dem Petrus auf die Schultern klopft und sagt: "Mach's gut alter Junge! Es war nicht immer leicht mit dir, aber es war trotz allem 'ne gute Zeit. Auf Wiedersehen im Himmelreich."

Aber so verabschiedet sich Jesus nicht. Er zeigt Petrus auch nicht die kalte Schulter, obwohl er nach dem, was sich Petrus in der Nacht zum Karfreitag geleistet hatte, allen Grund dazu gehabt hätte. Stattdessen stellt Jesus dem Petrus eine Frage. Sie lautet schlicht und einfach: "Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?" Dieses Abschiedswort ist so merkwürdig, dass Petrus zunächst gar nicht versteht, was Jesus damit meint. Es ist ihm fast peinlich. Deswegen fragt Jesus seinen ersten Jünger noch einmal und dann sogar noch ein drittes Mal dieses eine und entscheidende: "Hast du mich lieb?" Denn das ist die Frage, die zum Schluss bleibt. Für Petrus und für alle, denen er im Glauben an Jesus Christus vorangegangen ist.

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Es ist die Frage, die Jesus jedem von uns stellt und an der unser Leben eines Tages gemessen wird. Ob Papst oder Pfarrer, ob Mann oder Frau, ob katholisch oder evangelisch, es ist ein und dieselbe Frage, die wir lebenslang und jeden Tag neu beantworten müssen: Hast du mich lieb? Mit ihr verbindet Jesus auch den Auftrag, den er einst Petrus gegeben hat und der natürlich ebenfalls in goldenen Lettern an der Kuppel des Petersdomes angebracht ist: Weide meine Schafe. Nicht Klugheit oder Geschick, nicht Ehre oder Einfluss, nicht Macht oder Geld prädestinieren Petrus für seine große Leitungsaufgabe, sondern allein die Liebe zu Jesus. Und wiederum ist der erste Jünger Vorbild für alle Christen: Jede kleine oder große Aufgabe, mit der Jesus uns heute beauftragt, steht und fällt mit unserer Antwort auf die Frage: Hast du mich lieb?

Andreas Taut

Pfarrer der Evangelischen

Kirchengemeinde Holzmaden