Lokales

Hauptschullehrer aus Kirchheim kritisieren die „Mittlere Reife light“

Im „Kirchheimer Forum Hauptschule“ trifft sich jede Woche ein Pädagogen-Arbeitskreis zur Diskussion über das Konzept der Werkrealschule

Die neue Werkrealschule steht zur Diskussion. An der Basis löst das Modell keinerlei Begeisterung aus. Es stößt vielmehr auf Ablehnung. Hauptschullehrer aus Kirchheim treffen sich seit einigen Wochen regelmäßig an der Alleenschule zum Erfahrungsaustausch im „Kirch­heimer Forum Hauptschule“. Diese Woche war auch der Teckbote zur Gesprächsrunde eingeladen.

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Andreas Volz

Kirchheim. Zwei „alte Hasen“, die sich eigentlich gar nicht um das Thema zu kümmern bräuchten, weil es sie nicht mehr betreffen wird, wehren sich besonders stark gegen das neue Konzept der Werkrealschule. „Wir lehnen es ab“, sagt Hartmut Schallenmüller kategorisch, und sein Kollege Hartmut Schmid ergänzt: „Das Modell als Ganzes lehnen wir ab. Es ist widersprüchlich und nicht zu verwirklichen. Dadurch wird nicht unsere Not an der Hauptschule angegangen.“ Die eigentliche Not hätten nämlich „nicht die Schüler, die zur Mittleren Reife geführt werden sollen“. Für diese gebe es jetzt schon gangbare Wege, die an die Berufsschulen führen. Allerdings werde es immer einen Anteil an Schülern geben, die keinen mittleren Schulabschluss erreichen.

Für Hartmut Schallenmüller wird dadurch der Hauptschulabschluss noch weiter abgewertet: „Unsere schlechteren Schüler bekommen nochmals eine Niederlage verpasst. Sie gehören nicht zu denen, die in der 10. Klasse weitermachen können. Aber das Weitermachen soll der Normalfall werden.“ Seine Kollegin Dorothea Lage beschreibt die befürchtete Misere noch drastischer: „Auch wenn unsere Hauptschüler dann den bisherigen Hauptschulabschluss in der Tasche haben, werden sie zu Schulabbrechern – sie brechen die Werkrealschule ab.“ Reformbedarf bestehe vor allem zur Förderung schwächerer Schüler. „Die sind es, die nachher Geld vom Staat brauchen, das bestätigt uns auch die Arbeitsagentur“, sagt Dorothea Lage.

Aber auch für Werkrealschüler, die nach dem neuen Modell ihre Mittlere Reife an der Hauptschule ablegen können, sei dieser Abschluss nicht zu vergleichen mit dem „normalen“ Realschulabschluss oder mit der Mittleren Reife nach der zweijährigen Berufsfachschule. „Da gibt es dann zwei verschiedene Schulabschlüsse, die vergleichbar sein sollen, aber nicht zu vergleichen sind“, meint Dorothea Lage. Hartmut Schallenmüller bringt diese Aussage auf den Punkt, indem er den künftigen Abschluss der zehnten Hauptschulklasse als „Mittlere Reife light“ bezeichnet.

Margit Block-Busselmaier von der Raunerschule sieht auch den Abschluss der bestehenden „alten“ Werkrealschule durchaus kritisch: „Schon den bisherigen Werkrealschulabschluss akzeptiert die Industrie nicht. Und jetzt sollen noch mehr Schüler eine zweitklassige Mittlere Reife ablegen. Was soll das Ganze? Das hilft unseren Schülern pädagogisch nicht weiter.“ Als Hauptschullehrerin müsse sie ihren Schülern weiterhin empfehlen, dass sie nach der Hauptschule an eine Berufsschule gehen und dort einen „akzeptierten Abschluss“ machen sollen.

Die Frage ist allerdings, ob Eltern und Schüler dieser Empfehlung folgen werden. Zu sehr reizen sie der Begriff „Realschule“ am neuen Namen „Werkrealschule“ und die Aussicht auf die Mittlere Reife nach dem zehnten Schuljahr an der Hauptschule. „Den Eltern wird das als große Hoffnung verkauft“, fürchtet Hedy Müller. Sie hat bereits die Erfahrung gemacht, dass ihre jetzigen Sechstklässler, für die das neue Werkrealschul-Modell bereits greifen soll, begeistert sind: „Die freuen sich schon und sagen: Toll, wir haben hinterher die Mittlere Reife‘.“ Unter Hinweis auf die bereits erwähnte „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ bei der Mittleren Reife ergänzt Hartmut Schallenmüller in diesem Fall: „Da wird den Eltern Sand in die Augen gestreut.“

Ein Problem sei bereits die Qualifizierung der Lehrer, meint Hedy Müller: „Wir sind eigentlich nicht für den Mittleren Bildungsabschluss ausgebildet. Wir unterrichten viel fachfremd, und das sollen wir jetzt bis zur Mittleren Reife so weiterbetreiben.“ Auch für Hartmut Schallenmüller ist das ein Unding: „Das zehnte Schuljahr ist recht anspruchsvoll. Auch als Lehrer muss man sich da lange und intensiv einarbeiten.“

Organisatorisch halten die Hauptschul-Experten von der Basis das Modell Werkrealschule ebenfalls für unausgereift. Einerseits soll es durchgehend sechs Schuljahre an der Hauptschule geben, die pädagogisch sinnvoll zusammenhängen müssen. Andrerseits soll das Modell ab dem Schuljahr 2010/2011 für die Klassen 5 bis 8 beginnen. Was die künftigen „Achter“ betrifft, fragt sich nicht nur Hedy Müller: „Wo sind die drei Jahre, die denen fehlen?“

Das 10. Schuljahr wiederum sieht drei Wochentage an der Werkrealschule vor und zwei an einer beruflichen Schule. Dadurch werden die Werkrealschüler ständig in neue Klassenverbände aufgeteilt. Und auch die Möglichkeit, einzügige Hauptschulen als Außenstellen einer Werkrealschule – bis zur 7. Klasse – zu erhalten, bringt Schul- und Klassenwechsel mit sich, was die Pädagogen kritisieren. Die berufliche Orientierung wiederum gehe zu sehr auf Kosten der Allgemeinbildung, klagen die Lehrer weiter, die sich Hartmut Schmid zufolge als „die einzigen Lobbyisten unserer Hauptschüler“ sehen.

Marianne Erdrich-Sommer, Schulleiterin der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule, nahm an dem Gespräch ebenfalls teil. An ihrer Schule bilden sich viele Schüler weiter, nachdem sie die Hauptschule verlassen haben. Deshalb hält sie es für unverzichtbar, mit den Hauptschullehrern Kontakt zu halten: „Das sind die Experten für die Hauptschule, nicht wir. Wir haben es bisher nur mit dem besten Viertel der Hauptschüler zu tun.“ Auf die beruflichen Schulen sieht sie einen erhöhten organisatorischen Aufwand zukommen, wenn die Werkrealschule eingeführt ist. So können beispielsweise Schüler nach dem Hauptschulabschluss wie bisher die zweijährige Berufsfachschule (BFS) besuchen, die zur Mittleren Reife führt. Andrerseits sollen auch Werkrealschüler noch in das zweite BFS-Jahr einsteigen können. Die Hauptschullehrer bestärkt diese Tatsache in ihrer Kritik an der „Mittlerern Reife light“.

Als Schulleiterin gibt sich Marianne Erdrich-Sommer an diesem Punkt ganz diplomatisch und sagt: „Wenn das pädagogische Konzept stimmt, schaffen wir auch die organisatorische Umsetzung. Schließlich müssen die Schüler und deren Vorteile im Mittelpunkt stehen. “ Wenn aber selbst die Fachleute der Hauptschule das Konzept für fragwürdig halten, dann könnten die beruflichen Schulen sicher gut auf den zusätzlichen Aufwand verzichten. Das sagt die Schulleiterin Marianne Erdrich-Sommer aber nicht so deutlich. Allenfalls als Privatperson oder als Politikerin könnte sie sich zu Kritik an der Werkrealschule hinreißen lassen.

Wie dem auch sei, an einem Punkt sind sich die Fachleute einig: Wenn die Werkrealschule kommt, und wenn dann auch noch die Umlandgemeinden auf diesen Zug aufspringen, dann muss auch Kirchheim mithalten können und eine Werkrealschule im Angebot haben – ob es die Experten vor Ort für sinnvoll halten oder nicht.