Lokales

Heidengraben als Leuchtturm

Gemeinsame Bürgerversammlung zur Machbarkeitsstudie des Tourismuskonzepts

Neuland betreten die drei Gemeinden Erkenbrechtsweiler, Grabenstetten und Hülben. Gemeinsam wollen sie den Heidengraben als Leuchtturmprojekt im neuen Biosphärengebiet Schwäbische Alb fest verankern.

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Iris Häfner

Hülben. „Vor den Toren unserer Gemeinden liegt das größte Oppidum der Kelten. Es war die größte befestigte Siedlung der Eisenzeit“, sagt Siegmund Ganser, Bürgermeister in Hülben und Gastgeber der Pressekonferenz. Weil die Rathauschefs das „Tourismuskonzept Heidengraben“ nur gemeinsam mit den Bürgern von Erkenbrechtsweiler, Grabenstetten und Hülben in Angriff nehmen wollen, findet dazu am morgigen Donnerstag, 5. Februar, um 19.30 Uhr in der Falkensteinhalle in Grabenstetten eine Bürgerversammlung statt.

Unter dem Begriff Oppidum versteht der Fachmann eine stadtähnliche, befestigte Großsiedlung der späten Kelten des zweiten und ersten Jahrhunderts vor Christus in Mitteleuropa. Somit können Asterix und Obelix nicht für das Projekt Pate stehen, denn an eine geruhsame Wildschweinjagd in den Albwäldern ringsumher war zur damaligen Zeit nicht zu denken. „Das war eine richtige Stadt“, verdeutlicht Frank Schmitt vom Büro Maichle-Schmitt, das die Machbarkeitsstudie für das Projekt Heidengraben erstellte. „Das Oppidum hatte damals die Bedeutung wie sie heute Stuttgart zukommt“, ergänzt Roman Weiß, Bürgermeister von Erkenbrechtsweiler.

Auch wenn die Ära der Kelten längst Vergangenheit ist, so sind ihre Spuren nach über 2000 Jahren immer noch deutlich in der Landschaft sichtbar. Prägend – nicht nur im Ortsnamen von Grabenstetten – ist der Wall und um den Burrenhof zeugen viele Grabhügel von den Bestattungsriten dieses untergegangenen Volkes. Insgesamt umfasst der Heidengraben eine Fläche von knapp 1 662 Hektar. Archäologen schätzen, dass damals etwa 10 000 Menschen auf dieser Berghalbinsel gelebt haben. Heute kommen Erkenbrechtsweiler, Hülben und Grabenstetten gemeinsam auf knapp 6 480.

All diese Besonderheiten sollen den Besuchern der Schwäbischen Alb nun nähergebracht werden. „An schönen Sonntagen kommen mehrere Tausend Besucher hier in diesen Teil der Alb. Punkt Sonnenuntergang verlassen sie uns wieder, ohne dass die Bevölkerung von diesen Ausflüglern profitiert“, sagt Siegmund Ganser. Dies soll nun anders werden. In Zeiten des demografischen Wandels und der zunehmenden Schwierigkeiten Bauland auszuweisen, wollen die Bür­germeister neue Einkommensquellen für sich und ihre Bürger schaffen. „Es geht um den Erhalt der dörflichen Infrastruktur, die Wahrung regionaler Identität“, sagt Frank Schmitt. Den Menschen solle bewusst werden, welche Schätze und Besonderheiten sie vor Ort haben. „Das können Natur, Kunst, Handwerk, Geschichte oder besondere Tierarten wie der Uhu sein“, erläutert Frank Schmitt und erinnert in diesem Zusammenhang an die Albbüffel. Allerdings geht es den Bürgermeistern nicht um Massentourismus, sie setzen auf die sanfte Tour. „Einen Disneyland-Heidengraben wird es nicht geben“, stellt auch Frank Schmitt klar.

Der erste Schritt ist nun mit der Machbarkeitsstudie getan, den die Beteiligten als Arbeitspapier betrachten. Am Donnerstag fällt dann der Startschuss mit der gemeinsamen Bürgerversammlung in Grabenstetten. „Das wird spannend. Wir betreten komplettes Neuland“, ist sich Siegmund Ganser im Klaren. Jeder kann sich in das Projekt Heidengraben einbringen: Gewerbetreibende, Vereine, sämtliche Institutionen – aber auch jeder Einzelne. „Wir wollen den Heidengraben aus seinem Dornröschenschlaf wachküssen“, so der Schultes weiter. Eine wichtige Stütze sei dabei der För­derverein Heidengraben, der für das Vorhaben „unschätzbare Arbeit“ geleistet habe, nun aber an seine Grenzen gestoßen sei.

Als weiterer Schritt soll eine Kompetenzrunde ins Leben gerufen werden, deren Mitglieder als Multiplikatoren wirken sollen. „Wir wollen nichts verordnen“, so Frank Schmitt. Ein Jahr will er die Treffen moderieren, dann die ersten Ergebnisse vorstellen. Der ganze Prozess wird seiner Einschätzung nach etwa drei bis fünf Jahre dauern.

Schon jetzt kann das Projekt mit einem Novum aufwarten, geht es doch um grenzüberschreitende Entwicklungen. Es ziehen nicht nur drei Gemeinden an einem Strang, auch zwei Landkreise – Esslingen und Reutlingen – und zwei Regierungspräsidien – Stuttgart und Tübingen – sind mit im Boot. Alle Beteiligten erhoffen sich vom Heidengraben eine Strahlkraft für das gesamte Biosphärengebiet Schwäbische Alb. „Wir müssen uns bewusst machen, in welche Riege wir nun weltweit aufgestiegen sind: Galapagos, Yellowstone, Schwäbische Alb“, so Frank Schmitt.

Archäologisch ist gerade einmal ein gutes Prozent der Gesamtfläche „erschlossen“. Die Wissenschaftler erhoffen sich durch das Projekt auch Finanzierungsmöglichkeiten für weitere Forschungen, damit mehr Licht ins Dunkel der keltischen Kultur auf der Berghalbinsel kommt. „Bis heute ist nicht geklärt, warum sie hier gesiedelt haben“, sagt Roman Weiß. Weinamphoren wurden gefunden, die ei­nen Handel mit dem Mittelmeerraum belegen. Ob dafür mit Bohnerz oder mit Sklaven bezahlt wurde, ist ebenfalls unbekannt. „Der Heidengraben ist nichts anderes als ein Limes – wie es der klein strukturierten Bevölkerungsgruppe der Kelten entspricht. Somit ist er auch ein Weltkulturerbe“, sagt Roman Weiß selbstbewusst.