Lokales

Helfer gesucht, die Flüchtlinge begleiten

Das Übergangswohnheim in der Kirchheimer Charlottenstraße beherbergte lange Zeit ausschließlich Spätaussiedler und jüdische Emigranten. Seit einem halben Jahr jedoch leben dort auch Flüchtlinge, die in ihren Heimatländern politisch oder ethnisch verfolgt werden. Der AK Asyl und die AWO sind jetzt auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die diese Menschen begleiten, besuchen und unterstützen.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM Egab Elias Darwisch wiegt seinen kleinen Sohn in den Armen und füttert ihn mit Milch aus dem Fläschchen. Ebenso wie seine Zwillingsschwester wurde der drei Monate alte Spross der Darwischs in Deutschland geboren gerade mal eine Woche, nachdem die Familie dort eingetroffen war. Die strapaziöse Flucht der Eltern und vier Geschwister aus dem Irak haben die Zwillinge noch im Bauch ihrer Mutter miterlebt: Drei Monate lang war die Familie unterwegs gewesen zum Teil flach auf dem Rücken in einem Lkw liegend.

In ihrer Heimat konnten die Darwischs nicht bleiben weil sie Christen sind und in dem muslimischen, vom Krieg gebeutelten Land ihrer Religion wegen verfolgt wurden. Sie gaben ihr Weingeschäft auf, ließen ihre Verwandten zurück und kehrten dem Irak den Rücken. Jetzt hoffen sie auf einen guten Neuanfang in Deutschland ebenso wie rund 70 andere Flüchtlinge, die derzeit in der neu eingerichteten "staatlichen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtinge" in Kirchheim leben.

Bis vor Kurzem hatten die zehn Gebäude am Ende der Charlottenstraße ausschließlich als Übergangswohnheim für Spätaussiedler und jüdische Emigranten gedient. Weil im Kreis Esslingen jedoch ebenso wie in ganz Deutschland die Zahlen der Spätaussiedler und Flüchtlinge massiv zurückgegangen sind, bot sich eine Neuorganisation an: Drei der Gebäude wurden in eine Flüchtlingsunterkunft umgewandelt. Jetzt leben in der Charlottenstraße neben den Spätaussiedlern und Emigranten auch rund 75 Flüchtlinge, die in ihrer Heimat aus politischen oder religiösen Gründen um Leib und Leben fürchten mussten und in Deutschland Asyl suchen. Diese neue Situation stellt auch die Mitarbeiter des Kirchheimer Arbeitskreises Asyl und des Sozialdienstes für Flüchtlinge der Arbeiterwohlfahrt (AWO) vor Herausforderungen wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

"Für uns ist die Arbeit mit sogenannten staatlichen Flüchtingen völlig neu", sagt Renate Hirsch vom Kirchheimer AK Asyl. Bislang hatten sich die Mitarbeiter des Arbeitskreises nur um kommunal untergebrachte Flüchtlinge gekümmert, die schon längere Zeit in Deutschland waren, nicht jedoch um Menschen, die gerade erst eingetroffen sind. Für die neuen Aufgaben sucht der AK Asyl nun weitere ehrenamtliche Helfer, die sich mit den Flüchtlingen beschäftigen, sich mit ihnen unterhalten und ihnen Aktivitäten anbieten: Ausflüge zum Beispiel, Schach spielen, Kochen oder einfach nur Kaffee trinken. "Wir sind ein sehr kleiner Haufen", sagt Renate Hirsch vom AK Asyl. Im Moment gelingt es ihr und ihren Mitstreitern nur einmal im Monat, eine Kaffeerunde anzubieten. "Das ist zu selten", weiß sie zumal die Menschen in der Flüchlingsunterkunft die Angebote begeistert besuchen. Bereits etabliert hat sich etwa ein wöchentlicher Deutschkurs. "Der wird sehr gut angenommen", berichtet Renate Hirsch.

Hilfe in KrisensituationenDie Arbeit mit Flüchtlingen ist für Julie Hoffmann und Monika Keibl-Zitt vom AWO-Sozialdienst nicht neu wohl aber der Standort. Bis Juli 2007 waren die beiden Frauen in der staatlichen Flüchtlingunterkunft in Nürtingen tätig gewesen. Als diese geschlossen und nach Kirchheim verlegt wurde, siedelten die Sozial-Pädagoginnen mit über. "In Nürtingen hatten wir bereits ein Netzwerk", erzählt Julie Hoffmann. In Kirchheim gilt es jetzt, ein neues aufzubauen. Ganz besonders am Herzen liegt den AWO-Mitarbeiterinnen die Gründung einer sogenannten "Karibuni"-Gruppe, die Krisenbegleitung für traumatisierte und suizidgefährdete Flüchtlinge bietet. In Nürtingen besteht schon eine solche Gruppe die nach dem Kisuaheli-Wort für "Willkommen" benannt ist als Kooperationsprojekt des Arbeitskreises Leben und des AK Asyl. Julie Hoffmann wünscht sich, dass sich auch in Kirchheim eine ähnliche Gruppe mit Ehrenamtlichen etabliert. Der AK Asyl Kirchheim bietet sich als Koordinations- und Anlaufstelle an, der AKL hat ebenfalls seine Unterstützung angeboten. "Die Nürtinger Karibuni-Gruppe wäre zudem bereit, uns Starthilfe zu geben", so Hoffmann.

Spezielles Wissen oder besondere Fähigkeiten müssen die Ehrenamtlichen nicht mitbringen. "Sie sollten lediglich Freude am Umgang mit Menschen haben", so Hoffmann. Auch Kenntnisse des Asylrechts sind nicht nötig. Für alle Neulinge, die einsteigen möchten, hält Julie Hoffmann den Zeitpunkt für sehr gut geeignet: "Jetzt ist alles noch im Aufbau", ermuntert sie Interessierte.

Wer sich entschließt, beim AK Asyl mitzuarbeiten, wird die Familie Darwisch möglicherweise nicht mehr treffen. Denn über ihren Asylantrag innerhalb kürzester Zeit ist positiv entschieden worden: Das Ehepaar darf zu seiner Freude in Deutschland bleiben und mit seinen Kindern die Flüchtlingsunterkunft verlassen.

INFOWer Lust hat, Flüchtlinge in Kirchheim zu begleiten, oder wer mithelfen möchte, eine "Karibuni"-Gruppe aufzubauen, kann sich bei Renate Hirsch vom AK Asyl unter der Telefonnummer 0 70 21/5 93 26 melden.