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Hellblauer Marmor von der Alb fürs Königliche Schloss Ludwigsburg

BISSINGEN Wen in den vergangenen Wochen die Teilsperrungen und Ampelschaltungen auf der Ochsenwanger Steige in Rage versetzten, den beruhigt wohl kaum ein Blick zurück an die Anfänge des 19. Jahrhunderts. Dennoch ist es interessant,

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RICHARD UMSTADT

einen Blick in die Zeiten zu werfen, in denen es für die Fuhrleute ein Abenteuer war, per Ochsenkarren den Höhenunterschied zwischen der Albhochfläche und dem Bissinger Tal zu überwinden. Und wer nicht mit dem Viehwagen unterwegs war, kam auf des Schusters Rappen nicht weniger beschwerlich daher. Die Ochsenwanger konnten davon zu jenen Zeiten so manches Klagelied singen.

Da die Königlich-Württembergische Finanzkammer des Donaukreises, wozu das Oberamt Kirchheim zählte, ein großes Interesse an einer kurzen und wohl auch sicheren Verbindung zwischen der Schopflocher Torfgrube sowie dem Ochsenwanger Marmorsteinbruch und dem Neckar hatte, wurde im Jahre 1810/11 eine Steige gebaut und "in einen brauchbaren Zustand versetzt". Die Kosten beliefen sich auf 1765 Gulden. Die Staatskasse trug zwei Drittel und die Bissinger und Ochsenwanger Gemeinden zusammen ein Drittel der Ausgaben. Bereits 1770 war der besagte Marmorsteinbruch am Rauberhang erschlossen worden. Einen anderen gab es auf dem Hörnle.

Der damals regierende Herzog Karl Eugen war sehr interessiert an der Ausnützung der Bodenschätze Württembergs. Durch seine Gunst und Hilfe gelang es der Familie Merkle, in Bissingen eine Marmorindustrie aufzubauen. Regelmäßige Lieferungen an den herzoglichen Hof machten den gelblichen Bissinger Marmor im ganzen Lande sehr begehrt. Auch Herzog Karl Eugens Nachfolger, König Friedrich I., bezog den Marmor für sein Ludwigsburger Schloss von der Alb. Er ließ dort den Speisesaal mit gelbrotem und hellblauem Ochsenwanger Marmor ausstatten.

Ein weiterer Grund, von Ochsenwang ins Tal eine neue "Staig" zu bauen, war der Torfstich in der Schopflocher Torfgrube. War der Transport des Brennmaterials im Sommer auf der alten Steige von Ochsenwang gen Tal schon beschwerlich genug, so war er im Winter unmöglich. Er wurde deshalb für die Winterzeit im Bissinger Magazin eingelagert. Allerdings fand der Torf als Brennmaterial in den umliegenden Orten in der Bevölkerung nur wenig Anklang. Torf war fast gleich teuer wie Holz, entwickelte aber beim Verbrennen wesentlich mehr Rauch. Einziger Großabnehmer mit 300 000 Stück Torf jährlich war damals das im Kloster Denkendorf untergebrachte Seminar. 1806 übernahm Obertorfinspektor Heinrich Klett die Aufsicht über die Torfgrube. Im Oktober 1806 regte er an, den Torf billiger zu verkaufen. Außerdem sollten die Kommunen in der näheren Umgebung verpflichtet werden, die öffentlichen Gebäude, wie Rat- und Schulhäuser, mit Torf zu heizen. Um die Torfgrube rentabel betreiben zu können, schlug Klett vor, dass wenigstens eine Million Stück Torf im Jahr gestochen werden sollten. Und diese mussten natürlich gen Tal befördert werden.

Doch es kam wie es kommen musste: jede gut befahrene Straße nimmt einmal Schaden. Das war auch bei der "Ochsenwanger Staig", die schließlich "ohne Leib- und Lebensgefahr" nicht mehr befahren werden konnte, nicht anders. Am 31. März 1847 teilte das Kirchheimer Amts- und Intelligenz-Blatt mit: "Wegen der bereits angefangenen Correktion der Ochsenwanger Steige wird dieselbe von jetzt an bis zur Wiederbekanntmachung der Öffnung für alles Fuhrwesen gesperrt". So stand's einen Tag später auch im Schwäbischen Merkur.

Die Trassenführung war schon Anfang März von Johann Pfänder, Oberamtsbaumeister Distelbart und Oberamtsgeometer Eisele vermessen worden.

Am 24. September 1847, der Bau der Straße war in vollem Gange, teilte schließlich das Königliche Oberamt der Amtsversammlung mit, dass Stadt und Amt geneigt seien, für die Steigencorrektion Opfer zu bringen. Die Sanierung sei aufgrund der Beschäftigungsmöglichkeit vieler Menschen vorteilhaft. Hier waren Taglöhner aus allen umliegenden Ortschaften am Werk und wurden so in Brot und Arbeit gesetzt.

Wenige Tage zuvor, am 18. September, wurde "morgens um 10 Uhr auf dem Rathaus in Ochsenwang die Felssprengung an der Wendeplatte der Ochsenwanger Steige mit ungefähr 260 Schachtruthen verakkordiert". So stand's ebenfalls im Kirchheimer Amts- und Intelligenz-Blatt, und weiter: "Die Ortsvorstände haben dies sogleich den Maurern und Steinhauern oder andern hiezu tauglichen Personen unter dem Anfügen bekannt zu machen, dass der Entrepreneur für die richtige Ausführung seiner Arbeit zwei tüchtige Bürgen zu stellen habe. Königl. Oberamt. Knapp." Aus dieser Zeit befinden sich noch zahlreiche Verdienstzettel von Wagnermeister, Küblermeister, Flaschnermeister, Schmiedemeister und Zimmermeister, aber auch Reparaturrechnungen zum Beispiel vom Mechanicus und Opticus Carl Geiger in Stuttgart im Esslinger Kreisarchiv.

Inzwischen sind diese Tage längst gezählt. Die Korrektion von 1847 gehört ebenso der Vergangenheit an wie übrigens auch die damalige Trassenführung. Mündete die Ochsenwanger Steige als Landstraße Mitte des 20. Jahrhunderts bei den drei Linden in die jetzige alte Weilheimer Straße, so wurde sie in den 1960er-Jahren bis zur heutigen Verbindungsstraße Nabern Weilheim weitergebaut. Dafür war der Kreis Nürtingen zuständig, der für den Ausbau der Straße von Dettingen bis zur Torfgrube und von der Gießnaugemeinde bis zur Limburgstadt insgesamt 6,3 Millionen Euro verbuddelte.

Nicht ganz so tief muss der Landkreis Esslingen in die Tasche greifen. Rund eine Million Euro kostet ihn die derzeitige Sanierung der "Lebensader" zwischen Albhochfläche und Tal. Damit wird einmal mehr die Bedeutung dieser Verbindung unterstrichen, die vor allem für die Pendler enorm wichtig ist. Doch nicht nur für sie.

An schönen Wochenenden schieben sich die Blechkarossen der Ausflügler die "Staig" hinauf, und so mancher Einheimische wendet sich mit Grausen ab, weil er befürchtet, "die dabbet no d' Alb na".