Lokales

Herausforderungen der Stadtentwicklung

Mit ihrem Impulsreferat zum aktuellen Thema "Demografischer Wandel und soziale Infrastruktur" sorgte Dr. Gisela Meister-Scheufelen, Präsidentin des Statistischen Landesamts, am Mittwochabend in der Kirchheimer Alleenschule für einen interessanten Auftakt der Veranstaltungsreihe "Herausforderungen der Stadtentwicklung".

WOLF-DIETER TRUPPAT

Anzeige

KIRCHHEIM Als durchaus ungewöhnlich bezeichnete es Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker, dass ein Stadtentwicklungsprozess mit einem breit angelegten Dialog beginnt. Da besondere Fragestellungen aber auch einer besonderen Herangehensweise bedürfen, sieht sie das Ziel der insgesamt fünf Stadtforen darin, Wissen von außen zu holen und den berühmten Blick über den Tellerrand hinaus zu richten.

"Die aktuelle Herausforderung des demografischen Wandels bedarf neuer Ideen", stellte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker einleitend fest. "Verwaltung und Gemeinderat sind gefordert, ganzheitliche strategische Steuerungen zu erarbeiten und danach zu handeln." Da die Gesellschaft zunehmend kleiner, älter, dafür aber auch bunter werde, gelte es, die Städte im sozialen, im ökologischen und im wirtschaftlichen Sektor zu modernisieren.

Auch wenn eine aktuelle Umfrage unter Bürgermeistern belege, dass mehr als 70 Prozent die Beschäftigung mit dem Problem der Bewältigung der Folgen des demografischen Wandels als "sehr bedeutend" bewerten, würden sich tatsächlich aber nur ein Drittel aller Kommunen konkret mit diesem Thema beschäftigen.

Paul McCartney habe schon 1967 voller Sorge in die Zukunft geblickt und musikalisch nachgefragt: "Will you still need me, will you still feed me, when I'm sixty-four?" Als ganz besonders kompetente Referentin darüber, wie Deutschland altert und wie der Doppeltrend aus Geburtenrückgang und steigender Lebenserwartung das Land verändern wird, konnte sie Dr. Gisela Meister-Scheufelen begrüßen, die die in sie gesetzten hohen Erwartungen überzeugend erfüllte.

Im stets kontrollierten Galopp durch keinesfalls trockenes statistisches Zahlengestrüpp und über Grafiken und Säulentürme hinweg, konnte sie kompetent, kurzweilig und höchst informativ durch ein brandaktuelles Thema führen, das tatsächlich fast so alt ist, wie das von Angelika Matt-Heidecker angesprochene Beatles-Album.

Mit einem Bevölkerungszuwachs von knapp 64 Prozent in der Zeit zwischen 1950 und 2000 sei Baden-Württemberg das Zuwanderungsland Deutschlands, das das zweitplatzierte Hessen mit seinen gerade 40 Prozent weit hinter sich lasse. Wichtiger als die Bevölkerungsentwicklung ist Dr. Gisela Meister-Scheufelen aber der zunehmende Alterungsprozess. Während 1900 noch fast jeder Zweite in der Bevölkerung unter 20 Jahre alt war, sei dies heute nur noch jeder Fünfte und 2050 werde es nur noch jeder Sechste sein, während mehr als jeder Dritte zu den über 60-Jährigen gehören wird. Das Durchschnittsalter werde sich von heute 41 auf fast 49 Jahre erhöhen.

Wie kein anderes Land der Welt habe Deutschland seit den 60er-Jahren einen Geburtenrückgang zu verzeichnen und schon seit Mitte der 70er-Jahre zu wenig Geburten als nötig wären, um den Bevölkerungsstand ohne nennenswerte Zuwanderung zu erhalten. Dass die Geburtenrate in Baden-Württemberg mit 1,36 Kindern pro Frau leicht über dem Wert von Deutschland mit 1,34 liegt, begründete Dr. Gisela Meister-Scheufelen mit der hier größeren Zuwanderungsrate und der Erfahrung, dass die Zuwandernden in der Regel zehn Jahre jünger sind als die einheimische Bevölkerung. Ganz wichtig war ihr in diesem Zusammenhang aber die Feststellung, dass Zuwanderung im Einzelfall zwar Fachkräftemangel, nicht aber demografische Probleme lösen könne.

Die niedrige Geburtenrate wäre weniger problematisch, wenn weltweit die gleiche Entwicklung zukonstatieren wäre. In den USA, dem wichtigsten Absatzmarkt Baden-Württembergs, liege die Geburtenrate aber bei bevölkerungserhaltenden 2,1 Kindern pro Frau, in Frankreich als wichtigstem Absatzmarkt für deutsche Waren mit 1,9 ebenfalls weit über dem statistischen Wert in Deutschland. Von der drittgrößten Geburtenrate Europas im Deutschen Reich mit über fünf Kindern pro Frau im Jahre 1890 habe Deutschland heute mit 134 von 100 Frauen geborenen Kindern die viertniedrigste Geburtenrate der Europäischen Union.

Eine schon lange anhaltende Entwicklung habe inzwischen für entscheidende demografische Zäsuren gesorgt, denen sich auch die Kommunen inzwischen in weit stärkerem Maße zuwenden müssen. Im Jahr 2000 gab es erstmals mehr 60-Jährige und ältere Menschen als unter 20-Jährige. 2002 gab es erstmals einen längerfristigen deutlichen Rückgang der Kinder im Kindergartenalter. Im Vorjahr war erstmals die Zahl der Erwerbspersonen über 40 Jahren höher als die Zahl derselben Gruppe unter 40 Jahren. Für die Jahre 2006/2007 wird erstmals auch ein Rückgang der Schulkinder in den allgemeinbildenden Schulen prognostiziert, resümmierte die Präsidentin des Statistischen Landesamts.

Dass diese Entwicklungen in Kirchheim auch die Leitlinien der Stadtplanung maßgeblich bestimmen und bereits in die Kindergarten- und Schulentwicklungsplanung eingeflossen sind, erläuterten anschließend Planungsamtsleiter Dr. Hermann-Lambert Oediger und der Leiter des Amtes für Bildung, Kultur und Sport, Steffen Weigel.

Auch wenn nicht alle aktuellen Belegungszahlen sofort auch mit entsprechenden Tabellen visualisiert werden konnten, wurden die einzelnen Veränderungen deutlich. Im Kindergartenbereich gehen dabei die Tendenzen dahin, bei rückläufigen Kinderzahlen das Angebot qualitativ noch auszubauen und zusätzliche Angebote für unter Dreijährige einzurichten. Dass einzelne Kindergartengruppen geschlossen werden müssen, sei nicht auszuschließen, doch sollen die städtischen Einrichtungen nach Möglichkeit erhalten und gegebenenfalls temporär teilweise anders genutzt werden.