Lokales

Herbert Kreil – ein Maler und Träumer

Lenningen. Die Bilderwelt von Herbert Kreil fasziniert: Sie ist bezaubernd – verwunschen – traumverloren. Heute, am Sankt-Michaels-Tag, hätte der Münchner Maler seinen 80. Geburtstag feiern können. Nun feiern seine Bilder im Oberlenninger Schlössle den früh verstorbenen „Maler und Träumer“ mit seinen weit angereisten Verwandten, der Herbert-Kreil-Gesellschaft und vielen Gästen

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Erika Hillegaart

Klänge des Owener Klarinetten-Quartetts begleiten bei der Vernissage am Freitagabend das Erinnerungsfest. Sigrid Keil weckte bei ihrer Würdigung die luftig-leichten und die dunklen, ahnungsschweren Träume aus der Werkstatt ihres Schwagers. Dazu ließ die Schweizer Puppenspielerin Aladin aus dem Märchenland einfliegen. Der erzählte von Herbert Kreils Großmutter, sie sei in Ägypten geboren und der böhmische Wind habe sie der Liebe wegen von dort fortgetragen. Jetzt könne er, Aladin, hier im Schlössle in die zeitlosen Märchen ihres Enkels hineingehen: „Denn Herbert lebt in seinen Bildern“.

Die Bücherei Lenningen und der Förderkreis Schlössle laden ein zu ihrer traditionellen Herbstausstellung. Herbert Kreil war jahrzehntelang heimatlich mit Oberlenningen verbunden, da seine Familie nach Krieg und Vertreibung hier lebte. Künstlerische Impulse bekam er durch die erfolgreiche Teilnahme an Ausstellungen des „Kunstkreises Kirchheim“. Er studierte in der Weikersheimer Malschule, später an der Münchner Akademie der Bildenden Künste und unternahm Kunstreisen nach Italien, Jugoslawien und Griechenland. Als junger Maler hatte er bereits eine große Einzelausstellung im Münchner Haus der Kunst. Vor genau 50 Jahren beteiligte er sich an der Ausstellung „München 1869 bis 1958 – Aufbruch zur Moderne“. Mit seinen Bildern voll träumerischer Pracht und reichem Farbenspiel gehörte er zu der Gruppe der „Münchner Fantasten“. Im Jahr 1964 schaffte Herbert Kreil den künstlerischen Durchbruch mit einem Preis des Münchner Herbstsalons für sein Bild „Italienische Landschaft“. Es ist „ein in allseitiges magisches Licht getauchtes, architektonisches Stillleben“, schreibt Gisela Fischer in der Monografie über Herbert Kreil.

Die Ausstellung im Schlössle zeigt einen Entwicklungs-Querschnitt seines umfangreichen Werkes. „Ich male, weil mich die Welt in Erstaunen versetzt“, schreibt der Maler in einem seiner Tagebücher. Die frühen Landschaftsbilder zeigen sein Staunen über die Schönheit der Schwäbischen Alb – etwa das ausdrucksstarke Ölbild vom Wielandstein, in unmittelbarer Nähe hinter dem elterlichen Wohnhaus. Vom Staunen über die Entdeckung tieferer Schichten des eigenen Ichs – dessen Symbol das Haus ist – sind seine architektonischen Landschaften: Einzelne Häuser, kubistisch verformt, stehen in dunkelfarbener Einöde. „Doch die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit treibt ihn, kühnere Lösungen zu suchen. Bewegung mischt sich mit Starrem, menschliche Gesichter treffen auf Masken und gespenstische Wesen“, beschreibt Sigrid Kreil den künstlerischen Weg. Immer weiter dringt der „Maler, Träumer und Poet“ dazu in die Gärten der Gegenwelt zur erlebten Härte in seiner Jugend. Mit 16 Jahren kriegstauglich erklärt, wurde er an die Front geschickt; als Kriegsgefangener floh er zwei Jahre später vor dem Transport nach Afrika aus der französischen Gefangenschaft. Er erlebte den Verlust der Heimat und den Tod von Geschwistern. Auf seinem Bildungsweg musste er wie die damalige junge Generation mühevoll manche Hindernisse bewältigen. Staunend fällt er immer tiefer in den Brunnen und findet sich auf der blühenden Wiese seiner Fantasie: Mythen, Märchen und Musik wecken in ihm die Abenteuer der „Tagwandler-Nachtschwärmer-Träumer“. Die großformatigen, farbintensiven Bilder erzählen von der Reise zwischen Nacht und Morgen. Deren Gestalten kehren gelassen in den Tag. Die Eile der Uhr ersetzt der Maler durch den Trommelschlag eines mittelalterlichen Herolds, Flugzeuge durch das Spiel des Windes, die uniforme Kleidung durch Gustav Klimt‘sche üppig-prächtige Kostüme, die Akkuratesse durch Arabesken. Schemenhaft umrissen sackt in einer Bildecke ein Soldat in die Knie. Doch strahlend kommen die mandeläugigen jungen Nackten aus der türkisblauen Tausendundeiner Nacht, geschmückt mit byzantinischem Geschmeide. Die gefiederten Schnabelmenschen und Maskenträger haben die venezianischen Ballsäle verlassen. Im Schlosswald begegnen sich Geister und Menschen. „Stilislierte Naturformen und ikonenhaft überhöhte Figuren quellen über vor Ornamentik. Mit subtiler Ironie macht er das Schwere leicht“, beschreibt Sigrid Kreil die fantastische Welt des Malers: „Aber auch auf dieser Stufe bleibt Kreil nicht seiner Formenwelt verhaftet. Er geht weiter, vereinfacht, übermalt große Flächen, fasst in reiner Farbe zusammen oder versiegelt Bilder mit einem reinen Weiß.“

„Dieses Fachwerkhaus ist so eigen – sinnig, dass es eigentlich keine Bilder braucht“, bewundert ein Gast das alte Oberlenninger Fachwerkhaus. Jetzt verstärkt das geschätzte Schlössle-Ambiente doppel – sinnig diese Bildteppiche. Sie sind gemalte Musik aus Träumen, Wünschen und Gedanken, an denen der Betrachter weiterweben kann.

Ein Ausschnitt aus Haro Senfts preisgekröntem Film „Ein Tag mit dem Wind“ gewährt einen Blick in Herbert Kreils wahrhaft malerisches Atelier in der Hohenzollernstraße. Zwei Kinder bestaunen das ausgemalte turmartige Treppenhaus und sie bekommen vom Künstler den Rat: Selber entdecken ist schöner als kaufen. In diesen Räumen haben sich Kreils Musikfreunde zum gemeinsamen Konzertieren getroffen. Hier ist er am letzten Tag 1990 nach jahrelangem Leiden gestorben. In den Schlössle-Vitrinen liegen Kreils Tagebücher voller Skizzen und poetisch-kritischer Aphorismen. Die Monografie über den Künstler liegt in der Bibliothek auf.

Mit Mozarts „Kleinen Nachtmusik“ entließen die Owener Klarinettisten (Daniela Hofmann, Maike Köppel, Marc Kovacic und Helga Kraus) die Kunstfreunde in die Märchenwälder, Figurenlandschaften und Prinzessinnenporträts des Malers. Ev Dörsam und Wolfgang Guse, die Vertreter der Veranstalter, zeigten sich erfreut über die Grenzerweiterung der Lenninger Kulturgeschichte durch diese Ausstellung. Nicht nur die Oberlenninger sind eingeladen, das Werk jenes freundlichen und nachdenklichen Mannes kennenzulernen, der einst auf der Schwäbischen Alb manchem Kirchheimer Maler über die Schulter geschaut hat. Die Ausstellung ist bis zum 25. Oktober zu den Öffnungszeiten der Bücherei und an den Sonntagen von 14 bis 17 Uhr zu sehen.