Lokales

"Herkules" steht hinterm alten Schafstall und träumt vom Frühling

BISSINGEN Alle sind sie putzmunter, nur "Herkules" träumt mit offenen Augen. Ein Jahr alt ist das braun gescheckte Kamerunschaf "und halt etwas anders wie die anderen", meint Schäfer Thomas Lang

Anzeige

RICHARD UMSTADT

verständnisvoll. Während sich Herkules' wollige Geschwister, Vettern und Cousinen dem ersten zarten Grün zuwenden, steht das Träumerle lieber irgendwo hinter dem Schafstall am Bissinger Heerweg und blickt sinnierend in den Frühlingshimmel.

Thomas Langs Herde ist bunt. Da gibt es englische Blaukopfschafe, die scheuen Kamerunschafe, Berberlämmer und widerstandsfähige Tiroler Bergschafe. Über 80 Tiere zählt die blöckende Familie inzwischen. Hinzu kommen 150 Buren- und Deutsche Edelziegen. Die stehen noch bis Mitte Mai im Stall und laben sich an Heuballen und Mais.

Zicklein turnen auf Kisten herum und spielen mit ihren Artgenossen. Auch Lämmer sind darunter. "Die sind von Ziegen aufgezogen worden", erklärt Thomas Lang. "Ihre Mütter haben sie nicht angenommen". Viele säugte er auch mit der Flasche. "Wenn man sich das ganze Jahr über geplagt hat, und die Lämmer werden geboren, ist die ganze Schinderei vergessen. Das ist das Schönste."

70 Zicklein wurden im alten Schafstall in der Weihnachtszeit und um Neujahr geboren. "Die Böckla hab ich verkauft. Die Mädla behalt ich", sagt der Schäfer. Die acht bis zwölf Wochen alten Zicklein und Lämmer finden Abnehmer in der Gastronomie.

Mitte November vergangenen Jahres war für Thomas Langs gemischte Truppe die Freiluftsaison vorüber. Im Schafstall am Heerweg fand sie ein trockenes und zugfreies Winterquartier. Jetzt, nach dieser langen, schneereichen Zeit, sehnen sich die Tiere wieder nach sattem Grün. Deshalb dürfen Lämmer und Schafe tagsüber auf der Wiese hinterm Stall Frühlingsluft schnuppern und sich an den ersten Pflänzlein erfreuen. Für die Ziegen heißt das Motto noch: Geduld, Geduld, bis die Hecken im Naturschutzgebiet Teck ihr erstes Grün austreiben. Dann öffnet sich auch für die Geißen und Zicklein die Stalltür und sie können bis in den späten Herbst hinein am verbuschten Albtrauf ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen dem Fressen. Dann wird auch Eselin "Jule" mit von der Partie sein, die jetzt ebenfalls noch im Stall steht und dem Treiben der Schlupfer und Kitze mit der sprichwörtlichen Eselsgeduld zuschaut.

Eine gute Woche nach Frühlingsbeginn, am 1. April, werden die vierbeinigen Wolllieferanten geschoren. Freilich macht das Haarkleid der Schafe heutzutage keinen Schäfer reich. Im Gegenteil, es ist wie bei den Streuobstwiesen: Der Aufwand ist weit größer als der Ertrag in klingender Münze. "Früher hat mein Großvater für ein Kilo Wolle zwölf Mark bekommen. Heute bekomme ich gerade mal einen Euro dafür", beklagt Thomas Lang die schlechten Zeiten für die Schafhalter. Deshalb wird rasch klar: ohne Idealismus und eine gewisse Liebe zu den vierbeinigen Rasenmähern und Heckenknabberern lässt sich solch ein Job nicht lange durchhalten. Thomas Lang kennt und schätzt jedes einzelne seiner Tiere und diese hören auf ihn. "Peterle, komm, Peterle, ja komm her". Ein schwarz-weiß geschecktes Lamm löst sich aus der Masse der Wollleiber und stackst auf den Schäfer zu. "Das war auch eines der Flaschenkinder, die ich großgezogen hab'".

Die Schafe aus Langs Herde haben alle gelammt. Jetzt sind noch etwa 15 bis 20 Geißen trächtig. Die Kitze kommen an Ostern zur Welt.