Lokales

Hermine sucht Hermes

Eine Neuerung steht an: Das seit vier Jahren an der Familien-Bildungsstätte Kirchheim beheimatete Frauenstudium öffnet sich nun auch für Männer.

KIRCHHEIM In der Familien-Bildungsstätte Kirchheim wurden Schultüten verteilt. Freilich mit einem ungewöhnlichen Inhalt: Da fand sich der Stein der Weisen neben einem lebensrettenden Strohhalm, ein "Nimm zwei"-Bonbon als süßer Hinweis auf die das ganze Mittelalter durchziehende Debatte um die Abendmahlsfeier in beiderlei Gestalt neben einem Zitat des Philosophen Friedrich Nietzsche, das die weiblichen Erstsemester mit einem erstaunten und verständnislosen Lächeln entgegennahmen. "In drei Jahren werdet auch Ihr so weit sein, dass Ihr diesen schwierigen Text versteht", prophezeit die Historikerin Dr. Ulrike Zubal-Findeisen, die zusammen mit ihrem Mann, dem Religionswissenschaftler und freien Mitarbeiter der Zeit Professor Dr. Hans-Volkmar Findeisen, das interkulturelle Erwachsenenbildungsinstitut Koine gegründet hat.

Anzeige

Seit jetzt bereits vier Jahren bieten sie das Herminestudium für Frauen an der FBS an. Irgendwelche schulischen Voraussetzungen sind nicht erforderlich. In sechs Semestern werden die Teilnehmerinnen durch die abendländische Geschichte geschleust und lernen im interdisziplinären Vergleich die Besonderheiten der jeweiligen Zeitepochen kennen. Wie der Mensch zur Zeit der Romanik denkt, wie er fühlt, wie er liebt und dichtet, baut und musiziert, wie er sich politisch streitet, das wird ganzheitlich und auf anschauliche Weise vermittelt.

Nicht nur Frauen interessieren sich für die interdisziplinären Lerninhalte, die eine Spezialität des Dozententeams und als Konzept einer Erwachsenenbildung in Deutschland einzigartig sind. In Waiblingen und Herrenberg und seit diesem Herbst auch in Reutlingen finden an mehreren Wochenenden im Semester Hermes- und Hermine-Kurse statt, die auch Männern offen stehen. Nicht wenige nutzen ihre Chance. "Rund ein Drittel unserer Kursteilnehmer sind Männer und erfreulicherweise ist das Klima in den Seminaren ausgesprochen gut", sagt Ulrike Findeisen. Das beweist nicht zuletzt die hohe Rücklaufquote. Von den je 26 Kursteilnehmern, die vor zwei Jahren angefangen haben, sind heute noch jeweils 24 dabei. In Kirchheim selbst studieren inzwischen ein paar besonders Eifrige bereits im neunten Semester bei Koine.

Jetzt hat sich auch die Familienbildungsstätte Kirchheim entschlossen, dem Trend zu folgen und das Herminestudium Männern zu öffnen. "Wir sind bereits in der Vergangenheit mehrmals von Männern angesprochen worden, die auch gern ein ,Hermes' werden wollten", sagt Andrea Bürker von der FBS. "Und warum eigentlich nicht? Immer mehr Männer haben auch vormittags Zeit, sei es dass sie im Vorruhestand oder Hausmänner sind oder Teilzeit arbeiten. Oft fällt ihnen die Decke auf den Kopf, wie vielen Frauen auch. Hermes und Hermine bietet da die beste Abhilfe", so die Argumentation von Andrea Bürker.

Einige wenige Plätze sind zur Zeit noch frei. Wer sich für das Studium inte-ressiert, kann sich an der Familienbildungsstätte in Kirchheim, Widerholtstraße 4, unter der Telefonnummer 0 70 21/92 00 10, anmelden.

fbs