Lokales

„Hier haben die Pferde gesoffen“

Kommunalpolitik gestern und heute – Ein Gespräch mit Kirchheims Ex-OB Peter Jakob

Der Kommunalwahlkampf läuft auf Hochtouren. In einer Serie geht der Teckbote dem Wandel in der Kommunalpolitik im vergangenen Vierteljahrhundert nach. Die Gesprächspartner sind ausgewiesene Politprofis. Heute: Peter Jakob, ehemals Oberbürgermeister von Kirchheim.

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irene strifler

Kirchheim. „Das Stadtratsamt macht ganz offensichtlich Spaß“, sagt Peter Jakob. Mit listigem Lächeln ergänzt er: „Wie sonst könnte es sein, dass von Kirchheims derzeitigen Stadträten mit einer einzigen Ausnahme alle erneut antreten?“ Listenproblematik hin oder her: „Wenn die Liste einmal steht, erwacht bei vielen der Jagdinstinkt“, weiß der Ex-OB, der die Geschicke Kirchheims von 1988 bis 2004 lenkte und zuvor neun Jahre hier Bürgermeister war, aus langjähriger Erfahrung. Für die Verwaltung ist Konstanz im Rat ein klarer Vorteil. Die Vernetzung aller Themen ist den alten Hasen bekannt, man kann mit der Arbeit anknüpfen, wo man aufgehört hat. Doch Visionen könnten (zu) kurz kommen: „Wenn wirklich alle wieder reinkommen, die jetzt schon im Rund sitzen, ist eine Chance vertan“, sagt Jakob.

Vor einer Zunahme der Gruppierungen wäre dem ehemaligen Stadtchef, unter dessen Ägide noch keine CIK und keine Frauenliste existierte, nicht bang. Er sieht darin den Ausdruck des pluralen Lebensstils und der abnehmenden Bindungskraft der großen Parteien. In seinen Anfängen waren es die Grünen, die erste Gehversuche auf kommunalem Parkett unternahmen. „Die haben sich stets an die Spielregeln gehalten und sich gegebenenfalls als gute Verlierer gezeigt“, zeigt Jakob, dass Newcomer im Rat eine Bereicherung sein können. Sachlichkeit müsse keineswegs unter Vielfalt leiden: Ein Gemeinderat sei schließlich kein Bundestag. „Die Räte einer Fraktion verbindet kein Gerüst von konkreten politischen Zielen“, kommentiert er die oft überraschenden „Koalitionen“ verschiedenster Gruppen.

Ob das Päckchen des neuen Ratsgremiums thematisch besonders schwer wiegt, darüber mag Jakob kein Urteil abgeben. „Wohl jeder scheidende OB geht davon aus, dass es in seiner Stadt eigentlich nichts mehr zu tun gibt, sondern alles bestens bestellt ist“, grübelt er. Doch politische und gesellschaftliche Entwicklungen sorgen manchmal unerwartet für neue Herausforderungen. Der Ex-OB nennt beispielhaft die gestiegene Übergangsquote der Grundschüler in Kirchheim und im Umland auf die hiesigen Gymnasien. Mit süffisantem Lächeln spricht er von einer „unvorhersehbaren Begabungsexplosion“ des Nachwuchses. In den 90er-Jahren bewusst aufs dritte Gymnasium verzichtet zu haben, beurteilt er auch heute nicht als Fehler und verweist auf die Möglichkeiten, die große Schulen bieten.

Prägten denn auch gemeinderätliche Fehlentscheidungen der 90er- Jahre die Stadtentwicklung? Das verneint der Ex-OB klar. Bedenken und Bürokratie hätten allerdings hier und da für die Verschleppung wichtiger Themen gesorgt. So habe sich IKEA einfach so lange hingezogen, bis der Elch in Sindelfingen sein Zuhause fand.

Auch vieles andere, das schon vor 20 Jahren diskutiert wurde, schwelt heute noch. So erinnert sich Jakob an die zwangsweise halbseitige Sperrung der Unteren Max-Eyth-Straße während der Bauarbeiten für die Kreissparkasse. Die Verwaltung schlug vergeblich vor, einfach eine Spur weiterhin geschlossen zu lassen. – Bekanntlich ist die Verengung dieser Straße auch jetzt wieder hochaktuell. Als Jakob im Jahr 1979 sein Amt als Erster Beigeordneter von OB Hauser antrat, floss der Verkehr noch ums Rathaus, nur ein Stück Marktstraße war Fußgängerzone. Sukzessive wurde diese erweitert. Fast schon „Bürgerkrieg“ habe geherrscht, als auch die Dettinger Straße einbezogen wurde. „Viele Händler glaubten, auf Gedeih und Verderb von den Autofahrern abhängig zu sein.“

An ein Abklingen des Individualverkehrs glaubt der ÖPNV-Fan trotz allem auch in Zukunft nicht und sieht hier auch Aufgaben für einen künftigen Gemeinderat: „Die Tangente muss kommen.“ Auch die ersehnte S-Bahn werde dem Binnenverkehr sogar noch einen Schub versetzen: Während Arbeitnehmer ihre Arbeitsplätze via S-Bahn ansteuern, kann die Familie den Pkw zu Hause umso intensiver nutzen. Was die Tangente anbelangt, sieht Jakob jüngst die größte Chance verspielt. Mit einer Planfeststellung in der Tasche hätten vielleicht Chancen auf Aufnahme ins Konjunkturprogramm II bestanden, mutmaßt er mit Blick auf Reutlingen.

Was lässt sich daraus lernen? Zum einen: Der Einfluss des Gemeinderats auf die Geschicke einer Stadt ist nicht zu unterschätzen. Zum anderen: Es lohnt sich, politisch immer Gewehr bei Fuß zu stehen. Das gilt auch für die Erschließung von Gewerbegebieten. „Wenn ein Unternehmer anklopft, muss eine Fläche bereitstehen“, betont Jakob. Den Wegfall von Arbeitsplätzen in Kirchheim beobachtet er mit Sorge. In den 80er-Jahren habe sich im Rat niemand mit der Sicherung von Arbeitsplätzen befasst. Warum auch? „In Kirchheim, da haben die Pferde so richtig gesoffen“, verweist Kirchheim auf große Arbeitgeber wie MBB oder die Trafo-Union. Die Stadt boomte.

1980 hatte Kirchheim gerade mal 32 000 Einwohner, 2004, in Jakobs Abschieds-Jahr 39 000. Aus dieser Entwicklung ergaben sich die Hauptaufgaben des Gemeinderats: Es ging darum, Baugebiete zu erschließen und die Infrastruktur für das Wachstum zu schaffen. „Heute geht es um den Bestand der Stadt“, schildert der Ex-OB die Unterschiede.

Auch die Boom-Zeit verlief nicht ohne Tiefen. „1994 stand erstmals in der Kirchheimer Geschichte nach dem Krieg ein Nachtragshaushalt an“, erinnert sich Jakob an ein extrem mulmiges Gefühl und beobachtet gespannt die aktuelle Entwicklung. Im Ratsrund beschloss man damals einen strikten Sparkurs, sogar den Vereinen wurde das Warmwasser zum Duschen abgestellt. Auch die Reduzierung des Betreuungsschlüssels im Kindergarten auf 1,5 Kräfte pro Gruppe hat ihre Wurzeln in diesen Jahren. Das ist längst Geschichte. „Heute stehen die weichen Themen absolut im Vordergrund der Gemeinderatsarbeit“, betont Jakob.

Wenn auch die lokalpolitischen Sujets im Grunde gleich bleiben, so verschieben sich Prioritäten, Inhalte entwickeln sich weiter. Nach wie vor gilt, dass sich der Wähler die Vertreter seiner Belange aussucht: „Bei Kommunalwahlen schauen die Wähler: Wer vertritt meine Interessen?“ bringt es Jakob auf den Punkt. Dass sich daraus wieder ein sinnvolles Ganzes ergibt, steht für Jakob außer Frage. Gelassen rät er zu „Vertrauen in die Vernunft von Mehrheiten“. Fotos: Jean-Luc Jacques