Lokales

Hilfe für die "Heartkids" Kinder zwischen Traum und Trauma

KIRCHHEIM "Die Kinder lieben die Schule. Sie sind wissbegierig und wollen was lernen." Was Judith Retz über "ihre" Kinder im indischen

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ANDREAS VOLZ

Bundesstaat Tamil Nadu erzählt, das gilt an diesem Tag auch für die Schülerinnen und Schüler des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums, die mit größtem Interesse zuhören und mehr Fragen zu stellen haben, als Judith Retz im Laufe einer Schulstunde beantworten kann.

Vor zwei Jahren war die Freiburger Studentin nach Südindien gegangen, um Hilfe für arme Kinder zu leisten in Tiruvannamalai, am Fuß des heiligen Berges Arunachala. Dann kam die Tsunami-Katastrophe am 26. Dezember 2004, und mit einem Schlag hatte sich alles geändert: Judith Retz fuhr schon am nächsten Tag die 100 Kilometer ans Meer, um zu schauen, wie sich vor Ort helfen lässt. Sie organisierte Hilfstransporte und gründete in einem Fischerdorf im Distrikt Cuddalore ein Kinder- und Jugendzentrum.

Bei ihren Vorträgen, die sie immer wieder durch ganz Deutschland führen, zeigt Judith Retz Bilder aus Indien, mit Musik unterlegt. Meistens sind darauf fröhliche Kinder zu sehen. Sie baden im Meer, sie tanzen oder sie bilden Herzen mit Blumenblüten und mit Teelichtern, zur Erinnerung an die Tsunami-Opfer. Andererseits ist das Herz das wichtigste Symbol des Vereins "Heartkids", den Judith Retz vor zwei Jahren gegründet hat, noch vor der vernichtenden Flutwelle.

Durch den Tsunami haben 1 744 Kinder in Tamil Nadu ihre Eltern verloren. Solche Informationen finden sich immer wieder in den Lichtbildvorträgen der engagierten Vereinsgründerin, die in Kürze ihr Diplom als Sozialarbeiterin erhalten soll. Ans Ludwig-Uhland-Gymnasium nach Kirchheim kam sie, weil die heutige Klasse 6b ebenfalls direkt vom Tsunami betroffen ist: Die Klasse hat eine Mitschülerin verloren, hält die Erinnerung an sie aber immer noch wach. Eine Ecke des Klassenzimmers ist speziell dem Erinnern gewidmet. Außerdem haben die Sechstklässler im Winter Kuchen in der Stadt und in der Schule verkauft, in der "Lugeria" haben sie selbstgepressten Orangensaft angeboten. Insgesamt hat die 6b mit ihren Aktionen 1 200 Euro eingenommen.

Das Geld kam dem Verein "Heartkids" zugute. Am eigentlichen Standort des Hilfsprojekts in Tiruvannamalai hat Judith Retz mit ihren Mitarbeitern bereits zwei Häuser für Waisen- und Straßenkinder gebaut. "Wir träumen davon, dass es mal sieben Häuser werden", verriet Judith Retz der Klasse 6b. Der Bau eines Hauses koste ungefähr 5 000 Euro, berichtet sie dann und zeigt den Kirchheimer Schülern damit auf, was sie bereits geleistet haben: "Ihr habt das Geld für ein Fünftel Haus gesammelt."

Die Klasse hat aber noch mehr vor: Klassenlehrer Wolfgang Hintz und die beiden Klassensprecher sagen der "Mutter" der indischen Herzenskinder die Übernahme einer Patenschaft zu, die 120 Euro im Jahr kostet. Judith Retz stärkt der Klasse erst einmal den Rücken: "Das trau' ich euch zu, dass ihr das schafft. Ihr habt ja schon so viel gesammelt." Dann erklärt sie den Sechstklässlern, warum es sinnvoll ist, wenn sie sich für ein Mädchen als Patenkind entscheiden: "Die Mädchen haben es in Indien nötiger. Die werden immer benachteiligt."

Was dagegen Jungen wie Mädchen gleichermaßen "trifft", das ist die unerbittliche Strenge des Schulsystems. Schläge sind an der Tagesordnung und zwar "richtige" Prügel, mit dem Stock. Ohrfeigen etwa werden gar nicht als Schläge wahrgenommen, so "freigebig" sind die Lehrer damit. Trotzdem gehen die Kinder gerne in die Schule, weil Bildung die einzige Chance ist, eines Tages vielleicht doch der Armut und dem Elend entkommen zu können. Für Judith Retz sind Schläge natürlich tabu. Ob indische Hausmütter oder Nachhilfelehrer, die 29-Jährige aus Deutschland würde im Zweifelsfall kein Pardon kennen: "Wer bei uns im Projekt ein Kind schlagen würde, der wäre seinen Job los."

Wenn Judith Retz auf die weitverbreitete Prügelpädagogik zu sprechen kommt, wird sie nicht nur sehr ernst. Mit ansteckendem Optimismus berichtet sie nämlich zugleich voller Freude vom nächsten Traum der "Herzenskinder": "Wir würden gerne unsere eigene kleine Schule bauen." Die Verwirklichung dieses Traums hängt vom Spendenaufkommen ab. Für alles zusammen, einschließlich Einrichtungsgegenständen, rechnet Judith Renz mit rund 10 000 Euro für die Schule. Bis in zwei Jahren könnte es so weit sein.

Das Trauma der Prügel können die "Heartkids" dann möglicherweise überwinden. Beim Tsunami-Trauma wird das wesentlich schwieriger werden. In acht Zentren für obdachlose Kinder hat der Verein "Heartkids-Days" veranstaltet. Rund 3 000 Kinder hat dieses Angebot zur Traumabewältigung erreicht. Außer Tänzen und Lichterherzen sind Bilder ein wesentlicher Bestandteil des Programms. Malend können die Kinder zum Ausdruck bringen, was sie erlebt haben. Außer Fotos von zerstörten Häusern und verwüsteten Landschaften zeigt Judith Retz auch solche Bilder von Kinderhand.

Eines dieser Bilder würde auf den ersten Blick ganz normal wirken, gäbe es nicht zwei Besonderheiten: Alles, was darauf an Häusern und Gegenständen dargestellt ist, hat eine schlammig-schmutzige, braune Farbe. Außerdem ist das Bild von links oben bis rechts unten mit Blau bekritzelt. Das Wasser hat sich alles geholt. Nur eines konnte sich das Wasser nicht holen: den Lebensmut der Bevölkerung. Als Judith Retz ihre Bilder im Musiksaal des LUG einer größeren Schülergruppe vorführt, erhält sie als erstes folgende Schülerreaktion: "Auch wenn die Kinder nicht viel haben, die lachen immer."

WEB-INFOWer eine Patenschaft bei "Heartkids" übernehmen möchte, dem Verein beitreten will oder einfach nur weitere Informationen sucht, wird unter der Internetadresse www.heartkids.de fündig. Auch die Nummer des Spendenkontos ist dort aufgeführt.