Lokales

Hilfe für Zwillingsbruder

Mit vier wuchtigen Messerstichen soll ein 29-jähriger Bürohelfer am 1. Juni dieses Jahres an einer Bushaltestelle im Kirchheimer Stadtteil Nabern einen anderen Mann schwer verletzt haben. Nun ist er wegen versuchten Totschlags angeklagt und verteidigt sich vor der Stuttgarter Schwurgerichtskammer mit dem Argument, das Opfer habe zuerst seinen Zwillingsbruder und dann ihn selbst angegriffen.

BERND S. WINCKLER

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KIRCHHEIM Die Anklageschrift gegen den 29-Jährigen, körperlich behinderten Mann vor der 1. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts ist relativ kurz: Gegen 21.30 Uhr an jenem 1. Juni dieses Jahres soll er sich an der Bushaltestelle "Neue Straße" in Nabern in einen verbalen Streit zwischen seinem Zwillingsbruder und einem anderen Mann eingemischt und dann schließlich sein Messer gezückt haben.

Vier Mal habe er das Messer gegen den Mann eingesetzt und ihm dabei bis zu acht Zentimeter tiefe Stiche im Schlüsselbein, im Rücken, der Brust und am Arm zugefügt. Der Schwerverletzte musste hinterher im Kreiskrankenhaus Kirchheim ambulant behandelt und dann stationär versorgt werden.

Doch der Angeklagte schilderte am gestrigen ersten Verhandlungstag den Hintergrund und den Ablauf des Geschehens anders, als bisher offensichtlich ermittelt wurde. Demnach habe er seinen Zwillingsbruder, der seiner Meinung nach ständig Haschisch rauchte, an jenem 1. Juni-Abend an der Naberner Bushaltestelle abholen wollen. Dort habe er dann gesehen, wie sich sein Bruder mit einem anderen Mann schlägt. Der Mann habe brutal auf den Bruder eingeschlagen und da habe er sich eingemischt. Er habe die beiden allerdings nur trennen wollen.

Dann habe das spätere Opfer plötzlich auf ihn selbst eingeschlagen, berichtet der Angeklagte weiter. Und erst als er selbst am Boden lag, sozusagen fast wehrlos war, habe er zu seinem Messer gegriffen und auf den Angreifer eingestochen, der seinerseits trotz seiner Stichverletzungen dem Bruder erneute Schläge verabreicht habe. Dann plötzlich habe man sich beruhigt, und jeder sei mit seinem Fahrzeug weggefahren. Einen Tag später wurde der 29-Jährige in seiner Kirchheimer Wohnung festgenommen.

Der wegen versuchten Totschlags Beschuldigte selbst ist gebürtiger Pole, lebt aber seit 1988 mit seiner Familie in Kirchheim. Er ist zu 70 Prozent spastisch körperlich behindert und leidet an Epilepsie. Sein Zwillingsbruder, mit dem er zusammen lebte, ist vollkommen gesund, soll nach seiner Aussage aber drogensüchtig sein. Ob sich der Zwillingsbruder an jenem 1. Juni in Nabern mit einem Rauschgiftlieferant getroffen hat, ist unklar. Im Laufe des weiteren Verfahrens dürfte dies aber noch zur Sprache kommen.

Die richterliche Frage, ob er für seinen Bruder auch Rauschgift besorgt habe, als er einmal aus den Niederlanden für 7 200 Euro Marihuana einkaufte, wies der 29-Jährige energisch zurück. Die Droge habe er nur deshalb gekauft, um sich mit dem Absatz-Gewinn sich eine selbstständige Tätigkeit als Internet-Anbieter aufbauen zu können. Bei der Einfuhr des Rauschgifts war er geschnappt und zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Zur Tatzeit (1. Juni) stand er noch unter Bewährung.

Der Prozess, zu dem zehn Zeugen und zwei Sachverständige geladen sind, ist auf fünf Verhandlungstage terminiert.