Lokales

Hilfe vor Ort: Roland Kilgus und der Lions-Club

Es wird immer mehr zur traurigen Gewissheit: Die bis jetzt noch Vermissten werden wohl auch bald auf der Liste der Toten stehen. Genaue Zahlen, wie viele Menschen aus dem Kreis Esslingen vermisst werden, sind allerdings bei den Behörden noch nicht zu erfahren. So enorm wie die Katastrophe war, ist jetzt aber auch die Hilfs- und Spendenbereitschaft im Land.

RUDOLF STÄBLER

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KREIS ESSLINGEN Auch bis zum gestrigen Abend gab es nach der verheerenden Flutkatastrophe keine konkreten Zahlen über Vermisste aus den einzelnen Landkreisen im Regierungsbezirk. Inzwischen hat das Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart die Zuständigkeit für jegliche Auskünfte bei der Katatstrophe getöteten oder vermissten Menschen an sich gezogen, wie von der Pressestelle der Polizeidirektion in Esslingen zu erfahren war. Um "die Persönlichkeitsrechte von Opfern und Angehörigen zu schützen", so argumentierte die Pressestelle des LKA, werden die Zahlen nur noch den einzelnen Regierungsbezirken zugeordnet genannt. Sollte aber jemand Verwandte oder Bekannte vermissen, können diese weiterhin beim zuständigen Polizeirevier gemeldet werden. Diese Dienststellen der Polizei reichen diese Meldungen dann an das LKA in Stuttgart weiter.

Nach den jüngsten Zahlen des LKA wurden bisher in Baden-Württemberg 104 Personen als vermisst gemeldet. Die dortigen Beamten gehen zwar von einer deutlich höheren Zahl aus, in der Statistik werden allerdings nur die gesicherten Fälle erfasst. So wurden bisher im Regierungsbezirk Stuttgart, zu dem auch der Kreis Esslingen gehört, 38 Personen vermisst. 13 Meldungen liegen für den Regierungsbezirk Freiburg vor, 27 im Regierungsbezirk Tübingen und 26 im Regierungsbezirk Karlsruhe. Lediglich in vier Fällen haben die Beamten des LKA gesicherte Erkenntnisse, dass die vermissten Menschen tot sind.

Der Lions-Club Nürtingen-Kirchheim hat in Zusammenarbeit mit anderen Clubs eine Hilfsaktion ins Leben gerufen, die sich zum Ziel gesetzt hat, Flutopfern in der Nähe von Colombo längerfristig beim Wiederaufbau von einfachen Häusern zu helfen. Auch der Lions-Club Ulm/Neu-Ulm-Schwaben beteiligt sich an diesem Projekt.

Der Motor dieser Hilfsaktion ist der ehemalige Rektor der Gewerbeschule Metzingen Roland Kilgus. Für ihn ist Sri Lanka mehr als ein Urlaubsparadies im Indischen Ozean. Die Tropeninsel mit ihren Sandstränden, Tempeln und Teeplantagen ist mehr als ein exotisches Reiseziel sie ist fast eine zweite Heimat für die Familie Kilgus. Von 1970 bis 1976 lebte das Paar mit seinen beiden Kindern auf der Insel.

Nahe Colombo, der Hauptstadt von Sri Lanka, hatte Roland Kilgus die Weichen gestellt für die Partnerschaft zwischen der Metzinger Gewerbeschule und dem "Ceylon German Technical Istitute", kurz "German Training." Er entwickelte das "Metzinger Modell", eine produktionsorientierte Ausbildung für Kfz-Mechaniker. Kilgus erinnert sich: "Wir haben jedes Jahr ein neues Projekt auf die Füße gestellt." Nach einer längeren Pause ist der Rektor a. D. seit 1985 wieder regelmäßig "auf Besuch" in Sri Lanka, kümmert sich um seine Schützlinge.

Kilgus: "Die Bande zu den Menschen dort sind einfach geblieben." So zieht es den 67-Jährigen immer wieder nach Sri Lanka, der letzte Besuch auf der Insel liegt gerade sechs Wochen zurück. "Sofort Kontakte zu Bekannten aufnehmen" das war der erste Gedanke, als dem ehemaligen Schulleiter das Ausmaß der Katastrophe klar wurde.

Aber er sollte sich mehr als zwei Tage gedulden müssen, bis er ein Lebenszeichen aus den Tropen vernimmt. Nach Tagen des Bangens endlich das erste Telefongespräch mit dem Leiter des einst von Roland Kilgus gegründeten "German Training": Die Partnerschule der Metzinger blieb verschont. Sie liegt im Landesinneren, weit ab der Küstenregionen, die die Fluten unter sich begraben haben. Das Ehepaar Kilgus kann aufatmen. Noch sind keine Todesfälle aus dem Freundeskreis des Neckartenzlingers bekannt. Ein Lehrer der Partnerschule wird vermisst. "Dort sind Ferien. Wir wissen einfach nicht wo er steckt", sagt Dieter Kuhn, Leiter der Gewerblichen Schule in Metzingen und Nachfolger von Roland Kilgus.

Die beiden Männer haben nicht lange gewartet. Schnell war klar, dass sie eine Hilfsaktion für die Menschen auf Sri Lanka aufziehen wollen. Eine Idee aus der Partnerschule kam da gerade recht: Die Singhalesen selbst haben vorgeschlagen, gemeinsam mit Lehrlingen und Lehrern des "German Training" einfache Wohnhäuser wieder aufzubauen. Für dieses Ziel machen sich Roland Kilgus und Dieter Kuhn jetzt auf die Suche nach Spendern. Bereits gewonnen haben sie den Lions-Club Nürtingen-Kirchheim um den derzeitigen Vorsitzenden Hans Dieter Gommel, der die Sache der beiden Lehrer unterstützen wird. Kilgus will auch den Lions-Club Ermstal ins Boot holen, außerdem soll die Spendensammlung über die Kontakte zu weiteren wohltätigen Vereinen auf eine breitere Basis gestellt werden.

In naher Zukunft will Roland Kilgus erneut nach Sri Lanka reisen, dort Wiederaufbauhilfe leisten. Das Know-how sei diesmal zwar vorhanden in der Partnerschule, sagt er. Was fehlt ist allerdings jemand, der das Projekt managt, der das Geld verteilt. Die Spenden sollen auch dort ankommen, wo sie gebraucht werden dafür wird der Neckartenzlinger selbst sorgen. "Das gibt eine 1:1-Hilfe ohne Kosten für Verwaltung".

INFORMATIONDer Lions-Club Nürtingen-Kirchheim hat ein Konto für die Opfer der Flutkatastrophe auf Sri Lanka eingerichtet. Spenden können über die Kontonummer 7 408 935 bei der Kreissparkasse Esslingen (Bankleitzahl 611 500 20) einbezahlt werden. Es werden auch Spendenbescheinigungen ausgestellt.