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Himmlische Boten sind weiß und vermitteln Geborgenheit

Gibt es Engel oder nicht? An dieser Frage mögen sich viele Geister scheiden, in Neidlingen lautet die Antwort derzeit ganz eindeutig "Ja": Das Rathausfoyer ist mit ganzen Heerscharen von Engeln bevölkert, die Kinder aus Deutschland und Tschechien gemalt und gebastelt haben.

ANDREAS VOLZ

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NEIDLINGEN

Kinder sind die größten Experten in Sachen Engel. Das zeigen die vielen Bilder, Collagen, Plastiken und Tonfiguren im Neidlinger Rathaus, und das bewiesen zusätzlich die Sängerinnen der "Lindachspatzen" während der Ausstellungseröffnung am Samstagabend: Sie sangen nicht nur zwei verschiedene Lieder über Engel, sondern bestätigten auch ohne zu zögern die Frage, ob es Engel denn wirklich gebe. Außerdem hatten sie eine genaue Vorstellung davon, wie Engel aussehen: "Weiß".

Damit bekräftigten die Neidlinger Kinder auch die Aussage von Bürgermeister Rolf Kammerlander, dass das Thema "uns Christen, ob erwachsen oder klein, früher oder später im Leben beschäftigt und unsere Fantasie anregt". Ihrer Fantasie freien Lauf gelassen haben in jedem Fall die Kinder, die dem Aufruf der hussitischen Pfarrerin Ivana Dvorakova folgten und ihre persönlichen Vorstellungen von Engeln mit ihren eigenen, altersgerechten Ausdrucksmitteln künstlerisch umsetzten.

In der früheren Neidlinger Kelter ist nur ein Teil der gesamten Ausstellung zu sehen. Dennoch lässt sich Bürgermeister Kammerlander zufolge erahnen, "wie wir uns jene himmlischen Wesen vorstellen können, die als Mittler, Botschafter oder Bewacher zwischen Himmel und Erde auftreten, um uns die frohe Botschaft oder, wie es Ludwig Thoma einmal beschrieb, die göttliche Weisung zu überbringen".

Pfarrerin Sabine Löffler-Adam verwies die Gäste in diesem Zusammenhang auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Engel", das aus dem Griechischen stammt und nichts anderes heißt als "Bote". In der Bibel gebe es eine Fülle von Geschichten und Erzählungen, in denen Engel vorkommen. Und gerade jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, lägen die himmlischen Wesen voll im Trend, meinte die Neidlinger Pfarrerin. Ganz weltlich kommen sie daher: als blaue Engel, die auf umweltfreundliche Produkte hinweisen, oder als gelbe Engel, die bei Fahrzeugpannen oftmals als Retter in der Not erscheinen wie gerufen oder wie ein Engel, den der Himmel schickt. Gerade in der Vorweihnachtszeit treten die Flügelträger besonders häufig auch als Werbeträger auf, die bestimmte Erzeugnisse als himmlisch anpreisen. Trotzdem stellte Sabine Löffler-Adam fest: "Gerade wir aufgeklärten Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit nach Engeln."

Ulrich Hirsch, Geschäftsführer des Gustav-Adolf-Werks der Württembergischen Landeskirche, das evangelische Christen in der Diaspora unterstützt, berichtete darüber, wie die Ausstellung vor drei Jahren entstanden ist: Die junge Pfarrerin Ivana Dvorakova habe ihre "kleine, dunkle Kirche" in der Adventszeit mit Kinderzeichnungen erhellen wollen. Weil sie selbst Mitglied des Gustav-Adolf-Werks ist, kam der Kontakt nach Deutschland zustande, und die Engelsdarstellungen bekamen ihren grenzüberschreitenden Zuschnitt.

Seitdem sind die Engel als Friedensbotschafter unterwegs in ganz Deutschland, nachdem sie zunächst in der "kleinen, dunklen Kirche" im tschechischen Prelouc ausgestellt waren. Prelouc liegt übrigens in der Nähe von Hradec Kralove, das unter dem Namen Königgrätz als Schauplatz der entscheidenden Schlacht im Deutschen Krieg von 1866 in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Auch die Engelausstellung ist bereits in die Annalen eingegangen, und zwar wesentlich friedlicher: In ihrer Art und Größe bislang einmalig, ist sie im Guinness-Buch der Rekorde zu finden. Schon bei dem Teil der Exponate, die in Neidlingen zu sehen sind, beeindruckt die Vielfalt der Darstellungen, der Materialien und der Techniken. "Die Engel schwimmen, springen, klettern, tanzen, musizieren, träumen, schauen von Wolken herunter oder helfen anderen", schilderte Ulrich Hirsch nur einige der Tätigkeiten, denen die vielen Engel nachgehen egal, ob sie nun in der Badehose oder in einer Polizeiuniform stecken, ob sie aussehen wie ein Roboter oder wie Biene Maja.

Aufgelockert werden Bilder und Collagen immer wieder durch kurze Texte, in denen bekannte und weniger bekannte Autoren mit ihren Äußerungen über Engel zu Wort kommen. Sie regen ebenso zum Nachdenken an wie die eigentlichen Ausstellungsstücke oder die musikalischen Darbietungen während der Eröffnung am Samstag. Außer den Liedern der "Lindachspatzen" gehörten dazu eine Vertonung von Psalm 91 sowie der "Abendsegen" aus Engelbert Humperdincks Märchenoper "Hänsel und Gretel".

Pfarrerin Sabine Löffler-Adam bedankte sich abschließend bei den vielen Engeln, die zwar keine Flügel, aber tatkräftige Hände hatten und zum Gelingen der Ausstellung und ihrer Eröffnung beigetragen haben. Die Engel sind noch bis zum 12. Dezember zu den normalen Öffnungszeiten des Neidlinger Rathauses zu sehen sowie an den ersten drei Adventssonntagen von 14 bis 17 Uhr. Unter www.neidlingen.de gibt es außerdem einen speziellen Link zur Engelausstellung in der Reußensteingemeinde.