Lokales

Himmlische Erscheinungen beim Kirchenbau

Großprojekt: Martinskirchen in Baden-Württemberg im Fokus des LUG-Seminarkurses

Aus einem etwas anderen Blickwinkel heraus befasst sich der Seminarkurs am Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium (LUG) mit der Martinskirche in Oberlenningen. Mithilfe von Mathematik und Astronomie wollen Schüler und ihr Lehrer dem Entstehungsjahr des Sakralbaus auf die Spur kommen.

Anzeige

Iris Häfner

Lenningen. Wer sich mit Johannes Gantenbein, Abi 2007 am Ludwig-Uhland-Gymnasium, und Martin Kieß, Mathematiklehrer an der gleichen Schule, am Ort des Geschehens trifft, dem fegen ungewöhnliche Fachbegriffe nur so um die Ohren: Azimut, Fußmaß, Meridiankonvergenz, atmosphärische Refraktion, Ephemeriden-Tabellen, Julianischer Kalender, aber vor allem: Orientation. Dies alles klingt kompliziert und ist es auch.

Anhand von vielfältigem Zahlen- und Datenmaterial will Martin Kieß mit seinen Schülern herausfinden, wann genau mit dem Bau einer Kirche begonnen wurde – und zwar nicht nur Sankt Martin in Oberlenningen, sondern sämtliche Kirchen mit mittelalterlichem Ursprung in Baden-Württemberg. Es ist ein ehrgeiziges Projekt, das nicht zuletzt auf Fleiß und Engagement von vielen Schülerinnen und Schülern in Seminarkursen fußt. Von über 1000 Gotteshäusern liegen die Pläne bereits vor, die sämtliche Vermessungsämter im Land zur Verfügung gestellt haben. „Das bedeutet über Jahre hinweg intensive Arbeit, wenn wir die Untersuchung zu einem erfolgreichen Abschluss bringen wollen“, ist sich Martin Kieß bewusst.

Vor allem Johannes Gantenbein, Thomas Reiter und Andreas Wiest haben sich der Erforschung der Sankt-Martins-Kirche in Oberlenningen gewidmet. Dies blieb auch Pfarrer Karlheinz Graf nicht verborgen, denn nicht nur bei den umfangreichen Vermessungsaktionen hat er sie gesehen, sondern auch hin und wieder im Gottesdienst entdeckt.

Der Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen gleich, haben die Schüler begonnen, sämtliche Details zusammenzutragen. Dabei kommt es auf Kleinigkeiten und vor allem auf Genauigkeit an. Geringste Abweichungen können das Ergebnis verfälschen und dadurch die Lösung des Rätsels nahezu unmöglich machen. Grundlage waren die bekannten (Vermessungs-)Daten der Kirche. Sie ist eine dreischiffige Säulenbasilika, die nach Ansicht von Kunsthistorikern im 11. Jahrhundert entstanden ist. Bei Ausgrabungsarbeiten anlässlich der Renovierung im Jahr 1932 kamen Grundmauern eines Vorgängerbaus zum Vorschein. Dessen Grundmauern verlaufen parallel zur Hauptachse der heutigen Martinskirche und dienen dem Seminarkurs als Grundlage. Vier Säulen jener Urkirche wurden in der neuen verwendet. Sie sind den Säulen der Krypta in der Georgskirche auf der Insel Reichenau sehr ähnlich und werden laut zeitgenössischen Quellen auf Ende des 9. Jahrhunderts datiert.

Nun kommt die von Martin Kieß im Zusammenhang mit der Erforschung von Castel del Monte – dem berühmten Staufer-Schloss in Apulien – entwickelte Theorie zum Einsatz. Sie betrifft die Orientation. Dabei handelt es sich um die Ausrichtung des Kirchenschiffs gegenüber den Haupthimmelsrichtungen, sprich die Ausrichtung der Kirche in der Welt, insbesondere des Altars, dem wichtigsten Element eines Gotteshauses. Dazu kommen noch die astronomischen Gegebenheiten zur vermuteten Entstehungszeit. „Die Frage lautete für uns: Lassen sich daraus Schlüsse für die Baugeschichte der Martinskirche und des Vorgängerbaus ziehen“, so Martin Kieß.

Vermessungsämter stellten Daten zur Verfügung

Den Schülern standen nicht nur die Vermessungspläne der Kirche zur Verfügung, sondern auch die Gauss-Krüger-Koordinaten, die die Erdkrümmung – Meridiankonvergenz – berücksichtigen. „Für die Oberlenninger Kirche ergibt sich eine Abweichung von 87,9 Grad gegenüber Norden. Sie weicht also nur um 2,1 Grad in Richtung Norden von der geografischen Ostrichtung ab“, erklärt Johannes Gantenbein. Nicht nur Martin Kieß geht davon aus, dass einst die Kirchen in der Regel in einer bestimmten und nicht zufälligen Richtung – von Ost nach West – erbaut wurden.

Die Ausrichtung des Gotteshauses kombinierten die Schüler mit der Beobachtung des Sonnenaufgangs an demjenigen Tag im Jahreslauf, an dem die Sonne mit einem Azimut – ein nach Himmelsrichtungen orientierter Horizontalwinkel – von 87,9 Grad über dem im Osten der Kirche liegenden Ausläufer der Alb aufgeht. Martin Kieß‘ Theorie besagt, dass die Orientation des Gebäudes bei Sonnenaufgang an einem bestimmten Tag stattfand, und zwar nach einem besonderen, mit der zu erstellenden Kirche verbundenen Heiligentag. „Das erste Licht des Tages kommt aus dem Osten und Jesus nennt sich selbst das Licht der Welt“, begründet der Lehrer seine Annahme.

Die Orientation dürfe jedoch nicht mit der Grundsteinlegung oder Kirchweihe verwechselt werden, sie sei die erste heilige Handlung eines entstehenden Kirchengebäudes gewesen. „Dies waren im Mittelalter drei aufeinanderfolgende Festlichkeiten“, so Martin Kieß. Die ersten beiden Handlungen hätten am gleichen Tag stattfinden können, die Weihe sei jedoch erst nach der Fertigstellung des Baus erfolgt.

„Aus der Orientation einer Kirche kann man zwei Tage im Laufe eines Jahres ableiten, an denen die Sonne genau in der Ost-Richtung des Kirchenschiffes aufgeht“, sagt Johannes Gantenbein. Doch zu Zeiten des Mittelalters gab der Julianische Kalender die Tage vor und nicht der heute geltende, dank Schaltjahr genauere Gregorianische. In seine Überlegungen einbezogen hat Martin Kieß die Form der vier Säulen der Urkirche, die 87,9 Grad, den Erhebungswinkel von 9,08 Grad des im Osten liegenden Albbergs, über dem die Sonne aufgeht und das physikalische Phänomen der atmosphärischen Refraktion, die eine zusätzliche Erhöhung der Sonne um 0,1 Grad ergibt.

„Bei den Berechnungen, die für das Azimut des Sonnenaufgangs auszuführen sind, spielt eine wesentliche Rolle, dass für die Ekliptik-Schiefe nicht der für heute gültige Wert genommen werden kann, sondern mit dem für das Jahr 900 gültigen gerechnet werden muss. Sonst würde sich ein nicht vernachlässigbarer Fehler ergeben“, führt Martin Kieß aus. In seinen Überlegungen spielen jedoch Messfehler durchaus eine Rolle: „Deshalb sehen wir inzwischen für das Azimut des Sonnenaufgangs und den Erhebungswinkel nicht mehr punktgenaue Werte, sondern jeweils einen genauen Wert mit einem kleinen möglichen Unsicherheits-Intervall.“

Daraus ergaben sich die ersten Tage im April und ein Zeitraum Ende August/Anfang September. Den Frühlingstermin schloss der Mathematiklehrer schnell aus, denn dabei könnte es sich nur um Ostern handeln. An diesem höchsten Tag der Christenheit habe jedoch ausschließlich die Auferstehung Christi gefeiert werden dürfen. Am 29. August wird seit alters her die Enthauptung Johannes des Täufers gefeiert. „Die Enthauptung gilt für das Christentum als die eigentliche Geburt des Heiligen“, führt Martin Kieß aus. In den Ephemeriden – Tabellen der Planetenstände – und einer gedachten Messungenauigkeit fanden sich vier Möglichkeiten zwischen den Jahren 921 und 927. Die auffallendste ist für den Mathematiker die stabile Sonne-Vollmond-Achse am 29. August 923, die seiner Ansicht nach auf Christus und Maria hindeutet, was wiederum für das Bauwerk Stabilität und Dauer bedeute.

Hoffnungsvoller Neubeginn mit Millennium

„Es gibt dann noch einen zusätzlichen interessanten Termin kurz vor dem Jahr 1000“, so Martin Kieß. Das Millennium sei damals ein gefürchteter Zeitpunkt für einen möglichen Weltuntergang gewesen. „Vielleicht hat man gerade deshalb am 29. August 999 begonnen, die bestehende Kirche zu vergrößern. Die Orientation wäre erneuert worden, da sich an diesem Tag wieder die Achse Sonne-Mond – dieses Mal noch durch Jupiter verstärkt – gebildet hat“, so sein Lösungsansatz. Dies wäre getreu dem Motto Martin Luthers: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Interessant ist für den Lehrer auch die Tatsache, dass in jener christlich-hellenistischen Zeit das Jahr nicht am 1. Januar begann, sondern am 29. August, dem Tag des Johannes. „Dann wäre in dieser damals noch bestehenden griechischen Tradition die Orientation der Kirche bei Sonnenaufgang am ersten Tag des neuen Jahrtausends vollzogen worden“, fand der Mathematiker heraus. Der Weltuntergang sei verschoben worden und die Oberlenninger Gemeinde habe hoffnungsvoll in die Zukunft geblickt, „auf das neue Jahrtausend, das sie ja mit dem ersten Licht der aufgehenden Sonne feierlich begonnen und in ihrer Kirche für immer verankert haben“, so die Interpretation von Martin Kieß. Und somit würde es sich in Oberlenningen eigentlich um eine Johanneskirche handeln.

„Auch wenn es mit der genauen Datierung unserer Sankt-MartinsKirche nicht so einfach ist, so hat der Kirchengemeinderat den Beschluss gefasst, im sogenannten Christusjahr, also im Jahr 2000, dieses Jubiläum zu feiern“, schrieb Pfarrer Karlheinz Graf damals in der umfangreichen Festschrift – sollte sich die Theorie von Martin Kieß und seinen Schülern bewahrheiten, wäre dies ein wahrhaft treffsicherer Entschluss gewesen.