Lokales

Historische Betrachtungen zum Abschluss

BRIGITTE GERSTENBERGER

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KIRCHHEIM In einer anschließenden Diskussion wurden die unterschiedlichen Aspekte des Antisemitismus erläutert. Begleitet von ausdrucksstarken Klezmer-Melodien, vorgetragen von der Kirchheimer Familie Kaznelson, endete ein aufschlussreicher und interessanter Vortragsabend.

Der vom KJR veranstalteten deutsch-polnischen Kulturwoche war ein dreitägiger Besuch in dem polnischen Partnerlandkreis Pruzkow vorausgegangen. Dort hatten Nürtinger und Esslinger Berufsschüler gemeinsam mit Schülern der Stanislaw-Staszic-Schule Numero Eins den verwilderten jüdischen Friedhof saniert. Die feierliche Übergabe nahm die Historikerin Natali Stegmann zum Anlass, ihr Referat mit den Worten des jüdischen Schriftstellers und Journalisten Joseph Roths einzuleiten: "Ich bin ein Ostjude, und wir haben überall dort unsere Heimat, wo wir unsere Toten haben." Diese literarische Äußerung Roths, der von den Nazis seiner Publikationsmöglichkeiten beraubt und ins französische Exil getrieben wurde, fasst nach Professor Dr. Heiko Haumann "die Geschichte der Ostjuden zusammen", so Stegmann.

Da der Roman aber vor der Shoa geschrieben wurde, ist für Stegmann die Identifikation von Judentum und Tod für die Zeit nach dem Holocaust noch weitaus umfassender. "Wenn wir von Mord sprechen, so denken wir dabei an den von deutschen Besatzern, Militärs, Milizen und SS-Leuten durchgeführten Völkermord. Wenn wir von Tod sprechen, so gibt uns das die Chance, das jüdische Leben vor dem Holocaust zu sehen und damit eine zweite Perspektive zu gewinnen."

Vor dem Holocaust lebten Juden über die Jahrhunderte in ostpolnischen Gebieten. Als sie im Mittelalter in Westeuropa immer wieder zu Opfern von Verfolgung und Pogromen wurden, versprachen ihnen die polnischen Herrscher Privilegien. Schon im 13. Jahrhundert galten diese in Großpolen, dem Gebiet um Posen. Angriffe gegen Juden und Ritualmordanschuldigungen standen unter strenger Strafe, wie die Referentin erläuterte. Es war König Kasimir III., genannt der Große, der dieses Statut auf ganz Polen erweiterte.

Bis ins 16. Jahrhundert entfaltete sich die jüdische Gemeindeautonomie in einzigartiger Weise. Von 1581 bis 1764 gab es außerdem eine jüdische Landesvertretung, den Vierländersejm in Lublin, dessen Hauptaufgabe die Rechtssprechung war. Schon damals habe der Klerus gegen die Juden als "Christenmörder" gewettert. Dennoch erschienen die Zustände in Polen vielen europäischen Juden lobenswert.

Die vielfältigen Möglichkeiten der jüdischen Bevölkerung nahmen mit dem Kosakeneinfall 1648 ein jähes Ende. Die Kampfhandlungen zwischen Polen und Kosaken gingen mit Pogromen einher, denen über 100 000 Juden zum Opfer fielen, wie die Referentin ausführte. Dies hatte tief greifende Folgen für die jüdische Gelehrsamkeit, das Handwerk, den Handel und die Kultur. Das einstige bunte Treiben war fortan von Armut geprägt.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde Polen aufgeteilt. Die Gebiete mit der größten jüdischen Bevölkerung waren nunmehr das österreichische Teilgebiet (Galizien) und die russischen Teilgebiete. Mit dem territorialen Zugewinn hatte Russland zugleich eine große Zahl von Juden "erobert", deren Freizügigkeit zum wiederholten Male eingeschränkt wurde. Große Armut veranlasste Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Juden, in den Westen oder nach Übersee auszuwandern.

Unterdessen entwickelte sich im geteilten Polen eine differenzierte Parteienlandschaft. Es formierten sich nationale Parteien, die in den Juden teilweise eine Bedrohung für die Nation sahen. So sammelten sich um die Jahrhundertwende zu den nationalen polnischen Parteien die Zionisten, die in der jüdischen Gemeinschaft eine Nation sahen und für einen jüdischen Staat stritten. Zahlreiche Juden organisierten sich außerdem in sozialistischen Parteien. Als prominentes Beispiel einer "ostjüdischen" Sozialistin nannte Stegmann Rosa Luxemburg.

Von zahlreichen Konflikten zwischen Juden und Polen war die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen geprägt. Nichtsdestoweniger entfaltete sich die jüdische Politik und Kultur in einem unerreichten Ausmaß, so Stegmann, "es gab jiddische und hebräische Zeitungen, Jiddisch war die Sprache des Volkes und mithin der jüdischen Sozialisten, Hebräisch die Sprache der Zionisten. Jüdinnen und Juden prägten auch die Wissenschaft und die Kunst. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es drei Millionen polnische Juden. Sie bildeten zehn Prozent der polnischen Bürger."

1939 schlossen Hitler und Stalin ihren verhängnisvollen Pakt und teilten das polnische Territorium unter sich auf. Die Nationalsozialisten errichteten im polnischen Kerngebiet das Generalgouverment Warschau. Die Ghettoisierung der Juden war zu diesem Zeitpunkt Teil eines gigantischen Umsiedlungsplans im Sinne der Blut-und-Boden-Ideologie, erläuterte Stegmann. "Der faschistische Eroberungsfeldzug ging mit der Ermordung der jüdischen Bevölkerung einher. Gleichzeitig begann der Völkermord in den Vernichtungslagern. Nur wenige der polnischen Juden überlebten den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust."

Zum Gedenken an die ermordeten polnischen Juden las Stegmann zum Abschluss aus dem Gedicht "Ich habe einen Berg gesehen" von Moische Schulstein.