Lokales

Historische Städte und Natur gemeinsam erfahren

Einer Tradition folgend, veranstaltete die Evangelische Gesamtkirchengemeinde eine Radtour, die auf dem Lahntalradweg von der Quelle bis zur Mündung führte. Diakon Wolfgang Burlein und Organisatorin Martha Bernecker führten die Fahrt mit 75 Teilnehmern in drei Gruppen durch. Zwei wurden von Wolfgang Burlein angeführt, die dritte von Hermann Stephan aus Wendlingen, während Martha Bernecker für den Gepäcktransport sorgte.

KIRCHHEIM Der Ausgangspunkt der Tour, das Forsthaus Lahnquelle, war nach vierstündiger Bus- und einer kurzen Radfahrt erreicht, so stand noch genügend Zeit zur Verfügung, das Quellgebiet zu erkunden. Es liegt östlich des Mittelrheins im Rothaargebirge, dem höchsten Teil des Rheinischen Schiefergebirges zu. Die angebliche Lahnquelle, ein runder Tümpel neben dem Forsthaus ohne erkennbaren Abfluss, wollte nicht so recht überzeugen.

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Nach einer Waldabfahrt am Morgen des nächsten Tages war der Flusslauf der jungen Lahn erreicht. Bald nach Überschreiten der hessischen Grenze lud die Kurstadt Bad Laasphe zu einem kurzen Rundgang ein. Während fein herausgeputzte Fachwerkhäuser das Zentrum zieren, thront hoch über der Stadt Burg Wittgenstein, Stammburg der Grafen von Sayn-Wittgenstein und Namensgeberin des umliegenden Wittgensteiner Landes.

Bald rollte die lange Fahrradschlange weiter in Richtung Marburg. Der gut ausgebaute Radweg schlängelt sich auf der immer breiter werdenden Talsohle meist durch Wiesen und Felder. Die Mittagspause im Biergarten in Caldern bot Gelegenheit zum Verschnaufen. Das zweite Nachtquartier in Cappel, einem Vorort von Marburg, wurde so zeitig erreicht, dass noch Zeit blieb, die alte hessische Residenzstadt am steilen Westhang des Lahntales mit dem prachtvollen Landgrafenschloss an der Spitze zu durchstreifen. Hier hat die heilige Elisabeth als junge Witwe ihr kurzes, heiligmäßiges Leben geführt und hier hat Landgraf Philipp von Hessen die erste evangelische Universität der Welt gegründet, nachdem er die Reformation in Hessen eingeführt hatte. Dies und vieles mehr erfuhren die Teilnehmer bei er Stadtführung des Marburger Nachtwächters.

Eine recht abwechslungsreiche Landschaft erwartete die Radlergruppe am dritten Tag der Tour im Tal der Lahn. Wiesen und Felder wechseln mit Baumwiesen, Pferdekoppeln und Auwaldresten, die teils als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind. Von Gießen, der zweiten Universitätsstadt Hessens, sahen die Radler nur die ausgedehnten, gepflegten Gartenanlagen am Ufer der Lahn. In Wetzlar beeindruckten bei der Stadtführung vor allem der oberhalb der alten Lahnbrücke gelegene unvollendete Dom und die Hinterlassenschaften des Reichskammergerichtes, das hier über ein Jahrhundert tagte. Kein Geringerer als Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe absolvierte hier ein vierteljähriges Praktikum. In seinem Briefroman "Die Leiden des jungen Werther", verarbeitete er diese Zeit. Erinnerungen an diesen kurzen Aufenthalt und die Gestalten seines Romans sind noch heute der Stolz der Stadt.

Weitere Highlights warteten am nächsten Tag bei schönstem Wetter auf den Radlertrupp. Dazu gehörte auch ein Heiltrunk aus dem Getrudisbrunnen in Leun-Biskirchen, benannt nach der jüngsten Tochter der heiligen Elisabeth, die dem nahegelegenen Kloster Altenburg fast ein halbes Jahrhundert als Äbtissin vorstand. Der Stadt Weilburg, größtenteils innerhalb einer Lahntalschlinge auf hohem Felsen gelegen, galt der nächste Aufenthalt. Höhepunkt des Stadtrundgangs bildete das Renaissance- und Barockschloss mit der Schlosskirche und einem Park, der herrliche Ausblicke auf das viel tiefer gelegene Umland bietet. Hier residierte einst eine Linie des weit verzweigten Geschlechtes der Grafen von Nassau, dem auch Kirchheims Herzogin Henriette angehörte.

In dem immer steiler, enger und romantischer werdenden Lahntal unterhalb Weilburgs findet meist nur noch der Fluss, die Eisenbahntrasse und der Radweg Platz. Dicht vor Limburg thront auf steiler Felsenspitze die doppeltürmige romanische Lubentiuskirche des ehemaligen Kollegiatsstifts Dietkirchen wie zur Einstimmung auf das, was im Ziel der vierten Etappe, auf die Radler wartete. Hier bietet ein siebentürmiger Dom hoch über einer alten Lahntalbrücke ein grandioses Bild.

Diesem Wahrzeichen der Stadt galt eine besondere Führung am Abend. Da unterhalb Limburgs das Lahntal so eng wird, dass der Radweg keinen Platz mehr darin findet, wurde die Strecke bis Obernhof mit der Eisenbahn zurückgelegt. Nach dem erneuten Wechsel auf den Fahrradsattel galt ein kurzer Besuch der viertürmigen romanischen Kirche des Klosters Arnstein. Es thront hoch über der Lahnbiegung von Obernhof und war erstes Hauskloster und erste Grablege der Grafen von Nassau.

An der Laurenburg und der Stadt Nassau führte der Weg leider vorbei. In Bad Ems, der nächsten Station, zeugen prächtige Bauten am Ufer der Lahn von vergangenen großartigen Zeiten, als Kaiser, Könige, Staatmänner, Geistesgrößen, Künstler und Glücksritter aus aller Herren Länder hier kurten; allen voran König Wilhelm von Preußen, der den Ort 20 Sommer lang beehrte und hier die berühmte "Emser Depesche" verfasste. Nach Bad Ems war die Mündung der Lahn in Lahnstein bald erreicht. Hier trennten sich die Wege, nachdem das Quartier in Oberlahnstein bezogen worden war.

Während die eine Gruppe auf dem Schiff an den Burgen und Städten des Mittelrheins vorbeischipperte, radelte die andere rheinabwärts nach Koblenz, um dort die Festung Ehrenbreitstein zu besichtigen und den großartigen Blick auf die Stadt mit dem Deutschen Eck an der Moselmündung zu genießen. Mit der Rückfahrt im Bus am sechsten Tag endete eine Tour, die zur großen Zufriedenheit aller das hielt, was in der Ausschreibung versprochen worden war, nämlich gemeinsam historische Städte und die Natur erleben, neue Kontakte knüpfen und mit alten Bekannten zusammensein.

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