Lokales

"Hochwasser ist kein lokales Problem"

Wetterkapriolen bekam das ganze Land gestern mit dem Sturmtief Kyrill zu spüren. Einige Unterlenninger Bürger lernten im August 2002 eine andere Naturgewalt kennen: Wie aus dem Nichts stürzte Geröll und Wasser den Albtrauf hinunter und überflutete zahlreiche Keller. Damit solch ein Hochwasser möglichst keine Gefahr mehr darstellt, gab die Gemeinde eine Untersuchung in Auftrag.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Ein Meilenstein für Lenningen in Sachen Hochwasserschutz ist geschafft. Dank neuer und vor allem riesiger Datenmengen für den gesamten Einzugsbereich der Lauter konnte das dritte beauftragte Büro nun eine optimale Lösung für die beiden neuralgischen Punkte in Brucken und Unterlenningen vorlegen.

Detailliert informierte Dr. Hans Göppert vom Ingenieurbüro "Wald + Corbe" den Gemeinderat. Das Hochwasser im August 2002 verursachte teilweise katastrophale Schäden. Dies war Anlass für die Stadt Kirchheim sowie Lenningen und Ohmden, eine Flussgebietsuntersuchung in Auftrag zu geben. "Hochwasser ist kein lokales Problem. Deshalb lohnt sich die Planung nur, wenn wir ein Gesamtgebiet analysieren, um lernen zu können, wie ein Gebiet reagiert", erklärte der Planer. Dazu wurden kartonweise Regenschreiber des Kreisarchivs digitalisiert. Zudem lieferten die Flusspegel wichtige Informationen. "Die Geologie wechselt und damit ist auch das Verhalten des Wassers anders", so Hans Göppert.

Jede Verdolung, jeder Zufluss ist erfasst. Sie gehören ebenfalls zur Grundlage für die Simulationen, auch wenn jedes Hochwasser ein Unikat ist. Außerdem hat das Büro in einem Gewässerprofil hydraulische Wellen eingezeichnet und die Hochwasserschutzkonzeption für den Ehnisbach in Unterlenningen sowie den Krötenbach in Brucken berücksichtigt, zudem den "Lastfall Klimaänderung".

Den großen Rechen, der vor dem Doleneinlauf des Ehnisbach nach dem Hochwasser eingebaut wurde, bezeichnete Hans Göppert als gute und sinnvolle Maßnahme. Um gegen ein 100-jähriges Hochwasser gewappnet zu sein, schlägt er eine zentrale Lösung für den Ehnisbach vor. Im Bereich der Ackergrenze soll vor dem Wohngebiet naturverträglich ein Becken mit überströmbarem Damm und einem Volumen von 14 000 Kubikmeter entstehen. Es soll das Wasser von knapp zwei Quadratkilometern auffangen. Die Kosten belaufen sich auf etwa 1,1 Millionen Euro ohne Grunderwerb und Ausgleichsmaßnahmen.

"Das Warten war im Hinblick auf den Krötenbach im Nachhinein sinnvoll", sagte der Planer. Sein Vorschlag: Der Durchmesser der Verdolung soll auf einer Länge von 415 Meter von 1000 auf 1200 Millimeter vergrößert und der Einlauf umgebaut werden. Dies sei mit etwa 635 000 Euro die kostengünstigste und sinnvollste Lösung.

"Das nächste Hochwasser kommt bestimmt. Durch den Klimawandel verstärkt sich die Gefahr. Ob Lenningen davon betroffen ist, weiß niemand. Die nun vorliegende Untersuchung zeigt jedoch, dass wir goldrichtig gehandelt haben", urteilte Lenningens Bürgermeister Schlecht. Hans Göppert war sich der Skepsis der Gemeinderäte bewusst, warum ausgerechnet das dritte Ingenieurbüro die richtige Planung vorlegt ebenso darüber, dass sie auch über die Kostenschätzung von etwa 1,8 Millionen Euro nicht erfreut sind. Allerdings gibt es voraussichtlich eine Förderung durch das Land für den Krötenbach von 73 Euro je Einwohner, was 54 Prozent der Maßnahme entspricht, und den Ehnisbach von 126 Euro, was 65 Prozent entspricht.

Einige Gemeinderäte taten sich zunächst schwer, eine Entscheidung zu treffen, obwohl allen klar war, dass nach fünf Jahren Planungszeit dringender Handlungsbedarf besteht. "Erst jetzt liegen konkrete Zahlen vor, auf deren Basis ein Entwurf geplant werden kann", warb Michael Schlecht für eine Entscheidung. "Die Flussgebietsuntersuchung ist das genaueste, was man in dieser Phase machen kann", ergänzte der Planer.

Kurt Hiller wollte die Zahlen über den Abend hinaus auf sich wirken lassen, bevor er eine Entscheidung trifft und Karl Boßler forderte ein Gesamtkonzept. Beide fanden jedoch keine Mitstreiter. "Irgendwo müssen wir anfangen. Diese zwei Wasserläufe haben bereits Probleme bereitet, deshalb ist es richtig, hier zu beginnen", erklärte Falk Kazmaier. Gleicher Ansicht war auch Georg Zwingmann: "Wir haben uns in dieser Sache stark selbst verpflichtet und deshalb den Gewässerentwicklungsplan in Auftrag gegeben. Die Präsentation war aufgrund der Daten plausibel." Auch Jürgen Rau stellte klar: "Das müssen wir heute entscheiden." Roland Sailer, dem es wichtig war, dass die gesammelten Daten für die gesamte Gemeinde Lenningen verwendet werden können, wollte ebenfalls "keinen Bremsklotz reinhauen", und sprach sich dafür aus, den zweiten Schritt der Planung in Angriff zu nehmen.

"Die Steillagensituation unserer Gemeinde gibt Anlass zur Sorge. Zwei hauptgefährdete Gebiete haben wir deshalb herausgeholt. Die jetzige Planung zeigt, dass eine zentrale Lösung naturverträglich möglich ist", so Michael Schlecht. Bei zwei Gegenstimmen wurde das Büro "Wald + Corbe" mit der weiteren Detailplanung beauftragt. Außerdem soll die Mauer beziehungsweise Verwallung am Verdolungseinlauf des Krötenbachs mit Kosten von etwa 15 000 Euro schnellstmöglich entweder vom Bauhof oder einer Fachfirma realisiert werden.