Lokales

„Hoffnung und Beständigkeit“

Weihnachten im Eckpunkt – ein festliches Angebot für alle, die „mühselig und beladen“ sind

Zur klassischen Weihnachtsgeschichte gehört es, keinen Raum zu haben und nicht wirklich willkommen zu sein. Es ist sicher keine illustre Gesellschaft, die da im Stall von Bethlehem zusammenkommt. Auch 2000 Jahre später gibt es Menschen, die auf einen solchen „Stall“ angewiesen sind. In Kirchheim gibt es diesen „Stall“ im Café Eckpunkt, wo die Diakonie seit vielen Jahren eine eigene Weihnachtsfeier anbietet.

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Andreas Volz

Kirchheim. Klaus Konzelmann ist einer der Organisatoren der Weihnachtsfeier im Eckpunkt. „An leiblichen Genüssen haben wir keinen Mangel, und auch an Gemeinschaft fehlt es uns nicht“, sagt er zum Auftakt des gemeinsamen Weihnachtsliedersingens am Nachmittag des 24. Dezember. Es ist also alles so, wie es sich für den Heiligabend gehört: In der Mitte der geschmückte Weihnachtsbaum, drumherum ist eine große Familie versammelt, die an festlich gedeckten Tischen Platz nimmt. Unter launigen Gesprächen plätschert der Nachmittag dahin. Alle trinken Kaffee oder Tee, essen Gebäck und Mandarinen. Auf dem Tisch stehen Kerzen.

Um die Vorfreude auf das festliche Abendessen zu erhöhen, singen die Gäste gemeinsam Weihnachtslieder. Es gibt sogar ein Klavier, und ganz kurzfristig ist Doris Brendel als Klavierspielerin eingesprungen. Ihr Hund ist an diesem Heiligabend im Eckpunkt ein adäquater Ersatz für Ochs und Esel. Lammfromm liegt er da und gibt ein Musterbeispiel dafür ab, wie sich an diesem Tag alle Kreatur freuen mag und wie Frieden in alle Gemüter einziehen kann.

Im Lied vom Tannenbaum singen die Gäste, wie der grüne Baum mitten im Winter ein Zeichen von „Hoffnung und Beständigkeit“ ist. Ein Zeichen der Beständigkeit ist zweifellos auch diese Weihnachtsfeier, und Hoffnung ist ebenfalls damit verbunden: die Hoffnung auf ein gutes Essen, das in diesem Fall die Bäckerei Scholderbeck und die Familie Hepperle vom Kirchheimer „Rad“ gestiftet haben. Genauso wichtig ist die Hoffnung auf die Gemeinschaft. Viele Gäste kommen schon seit Jahren, es ist tatsächlich wie in einer großen Familie.

„Was willsch denn au macha, wenn d’ alloi bisch?“ sagt eine Besucherin. „Daheim fällt dir doch nur die Decke auf den Kopf.“ Eigentlich wollte sie Weihnachten mit ihren Kindern feiern – „aber das Geld reicht nicht“. Sie hat keine Arbeit, auch nicht für 400 Euro. Wenn sie irgendwo fragt, wird sie abgewiesen. „Ich bin wohl schon zu alt“, sagt sie resigniert. Und doch freut sie sich gerade jetzt an Heiligabend, hier im Eckpunkt ein wenig „Spaß und Unterhaltung“ zu finden.

Ein Mann am großen Tisch hat seine persönliche Hoffnung. Der Ausblick auf 2009 ist vergleichsweise rosig: „Gott sei Dank, ich hab’s geschafft“, sagt er und berichtet gleich, worauf sich seine Hoffnung gründet: „Am 1. April bin ich Rentner.“ Zehn Jahre lang war er arbeitslos. Sein Betrieb hatte zugemacht, neue Arbeit gab es für ihn nirgends. „Aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen und gehe trotz Hartz IV schuldenfrei in die Rente.“ Anfangs wollten ihm viele Freunde mit Geld unter die Arme greifen, aber er hat immer gesagt: „Das nützt mir nichts, ich muss es ja wieder zurückzahlen.“ Taschengeld hat er sich durch Rasenmähen verdient oder auch durch die Übernahme der Kehrwoche für ältere Menschen. Mit der Rente wird er gut auskommen, das steht für ihn fest: „Ich habe keine großen Ansprüche mehr. Man muss genügsam sein, und das lernt man ziemlich schnell.“

Genügsamkeit legen die Besucher auch beim Angebot im Eckpunkt an den Tag. Natürlich ist dieses Angebot mehr als reichlich: Zum Essen gibt es Suppe, Geschnetzeltes, Spätzle und Gemüse, zum Nachtisch Eis. Aber trotzdem kommen manche nur zum Kaffeetrinken vorbei und gehen vor dem Essen. Eine Frau hat dafür auch einen guten Grund: „Für mich ist es das erste Weihnachten seit zwei Jahren mit meiner Tochter.“ Deshalb will sie am Abend zuhause feiern. Bei einer anderen Frau dagegen sieht es genau umgekehrt aus: Ihre Tochter verbringt Heiligabend in einer anderen Stadt. „Sonst ist niemand mehr da, also komme ich lieber hierher.“

Hoffnung macht bei der Weihnachtsfeier im Eckpunkt nicht nur die Gemeinschaft oder im Einzelfall die Aussicht auf die Rente. Hoffnung machen auch die Weihnachtsgeschichten, die Klaus Konzelmann und seine Kollegin Ilka Babel vorlesen. Da geht es etwa um den mutigen Weihnachtsengel, dem es nichts ausmacht, anders zu sein als die anderen: Er fliegt auf dem Weihnachtsglockenspiel rückwärts und macht dadurch einem kleinen Mädchen Mut, auch absichtlich anders zu sein und sich für einen ausgegrenzten Jungen in ihrer Klasse einzusetzen.

Die zweite Geschichte erzählt von einem Mädchen, das an Weihnachten dem Vater keine Ruhe lässt. Also zerreißt der Vater eine Zeitungsseite und lässt die Tochter puzzeln. Auf der Seite ist eine Weltkarte zu sehen, in der alle aktuellen Katastrophengebiete hervorgehoben sind. Erstaunlich schnell löst das Mädchen die Aufgabe, denn auf der Rückseite ist das Gesicht eines Menschen abgebildet und das Mädchen hat einfach dieses Gesicht wieder zusammengesetzt. Ihr Fazit lautet: „Man muss nur den Menschen in Ordnung bringen, dann stimmt auch die Welt wieder.“

An diesem Tag im Eckpunkt kommen viele Kirchheimer Menschen „in Ordnung“. Zumindest können sie für ein paar Stunden die Nöte und Sorgen des Alltags vergessen – seien es nun finanzielle Schwierigkeiten oder die Einsamkeit. Zum Schluss können sie nicht nur Schokoladenweihnachtsmänner mit nach Hause nehmen, sondern sogar ein Licht. Es ist Licht von einem Licht, das vor wenigen Tagen in der Geburtsgrotte in Bethlehem entzündet worden war. Es kam also vom Stall auf langen Wegen in den Eckpunkt und von dort aus in die Wohnungen derjenigen, „die mühselig und beladen“ sind und die Jahr für Jahr an Heiligabend im Kirchheimer Café Eckpunkt „Hoffnung und Beständigkeit“ suchen.