Lokales

Hoffnungsschimmer in Sachen Natur

Jenny Helber und Johannes Reiss sehen Risiken und Chancen für den Umweltschutz

Kreis Esslingen. Wenn Johannes Reiss an Natur denkt, dann meint er British Columbia. Geht‘s nicht auch etwas näher? Ja, vielleicht noch die unbesiedelten Höhenzüge des Nordschwarzwalds. Jenny Helber muss

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Hans-Joachim Hirrlinger

lange nachdenken. „Selbst Skandinavien ist schon Nutzwald.“ Aber dann wird auch sie näher fündig: „Ich find‘s immer wunderschön, wenn ich am Albtrauf die Streuobstwiesen blühen sehe. Da geht mir das Herz auf.“ Es gibt sie also noch: halbwegs intakte Natur im Landkreis Esslingen. Aber die beiden sind vielleicht auch überkritisch, weil Fachleute: Sie Geologin und Kreisgeschäftsführerin des Naturschutzbundes Esslingen, er Biologe und Leiter des Büros am Fluss. Natur im ursprünglichen Sinn sehen sie beide hier nicht mehr: „Wir haben überall Natur aus zweiter Hand, Kulturlandschaft eben.“ Selbst den Bannwald auf dem Schurwald lassen sie – noch – nicht gelten. Bis der sich zum Urwald zurückentwickelt hat, werden 100 bis 150 Jahre vergehen. Natur und Umwelt sind für Helber und Reiss ein Reparaturbetrieb, dem sie ihre Arbeitsplätze verdanken.

Beispiel Neckar: „Das größte Defizit des Neckars ist, dass 70 Prozent stehen, wegen der Kanalisierung ab Plochingen flussabwärts und aufwärts wegen der Nutzung der Wasserkraft.“ Nur zwischen Wendlingen und Plochingen fließe der Neckar noch, sagt Reiss, aber auch im Kanal. Das sei nicht umkehrbar, resigniert er, denn auf Schifffahrt und Wasserkraft könne man nicht mehr verzichten. Hier beginnt der Reparaturbetrieb auf kleinen Flächen.

Beispielsweise mit einer Fischtreppe im Heinrich-Mayer-Park in Altbach. „Das Neckarpark-Projekt hat ja viele solcher einzelner Projekte, vielleicht ist das die einzige Option, die wir noch haben.“ Die Fischtreppe ist laut Reiss seit einem halben Jahr genehmigt, aber bisher fehlen die Mittel von 750 000 Euro, „obwohl es daneben eine große Firma gibt, die eigentlich dafür verantwortlich ist“. Kleine Reparaturen ver­schlin­gen große Mittel, wie der Erblehensee bei Wernau zeigt, eine ehemalige Flussschlaufe, die für 875 000 Euro wieder mit dem Neckar verbunden wurde. Die­se Renaturierung ist nach Angaben des NABU Wernau „ein voller Erfolg“: Fluss­regenpfeifer brüten wieder hier, Zwergtaucher und Graugänse wurden gesehen. Seltene Krick- und Schnatterenten schät­zen eine neu gebildete Schlamm­bank. Als besondere Rarität sichteten die Naturschützer vier Schwarzkopfmöven, ein Thorshühnchen im auffälligen Brutkleid, einen Seiden- und 15 Silberreiher. „Man darf eben nicht aufgeben“, verweist Reiss auf die kleinen Erfolge, „da entsteht eine ökologische Nische, ein Trittsteinbiotop.“ Überhaupt, die Wernauer Baggerseen: Sie seien einmalig in der Region. „Da muss man weit gehen, bis man etwas vergleichbares findet.“

Auch die Fils hat Nachholbedarf in Sachen Natur. Der Reichenbach mün­det im Rohr in die Fils und der Lützelbach mit einer ungeeigneten Fischtreppe, meint Helber. Und am Hochwasserpegel der Fils wird das Flüsschen durch einen ein Meter hohen Absturz komplett abgehängt. Laut Reiss ist das auch ein Problem am Neckar: dass die Zuflüsse vom Fluss abgeschnitten sind. Ähnliches gilt für die Aich. Wenige Meter vor der Mündung sei der Rückbau eines Wehrs längst überfällig. „So ein Bauwerk schneidet das ganze Einzugsgebiet ab.“ Das könne man umbauen, sodass die Fische wieder hoch kommen. Fischtreppen fehlen noch an vier Wasserkraftwerken am Neckar: in Neckartenzlingen, Nürtingen, Unterboihingen und Wendlingen.

Ulrich Salm, der Vorsitzende des NABU Kemnat, hat im Hochwasserschutzprogramm für die Körsch Konfliktpotenzial entdeckt: In den 30 Jah­ren seit der Begradigung habe sich ein alter, teilweise aufgefüll­ter Flussarm an zwei Stellen zu hochwertigen Biotopen entwickelt. Dort blüht beispielsweise der seltene Blaustern. Diese Biotope mit ihren Buschzonen und Weidenbeständen wären gefährdet, wenn die Pläne der Stadt Ostfildern realisiert würden, den Altarm für den Hochwasserschutz wieder flutbar zu machen. Salm hält es für sinnvoller, den alten Mühlkanal vom Ramsbach zur Kemnater Neumühle dafür zu nützen.

Es sind oft kleine Dinge die helfen könnten, die Natur zu schützen. Helber erzählt vom Krötenzug durchs Reichenbacher Freibad im Frühjahr. Da fielen die Tiere ins Schwimmbecken und fanden nicht mehr heraus. Doch Bürgermeister Bernhard Richter habe es dem NABU nicht erlaubt, die Kröten zu retten. „Das war eine schlimme Geschichte.“ Bernd Bitterlich vom NABU Plochingen-Reichenbach beklagt, dass überall in den Streuobstwiesen nördlich der Plochinger Bebauung teilweise bebaute und eingezäunte Gartengrundstücke entstanden seien. „Praktisch alle Flächen sind Landschaftsschutzgebiet.“ Dort dürften gar keine Gärten, Hütten oder Zäune entstehen. Laut Bitterlich unternimmt die Stadt nichts gegen neue „Gartenfestungen“, sondern leitet Meldungen einfach ans Landratsamt als untere Naturschutzbehörde weiter, wo sie dann wegen Personalman­gels versanden. Helber erinnert an Bolzplätze in Neuhausen, die im Landschaftsschutzgebiet entstanden seien und ans Schutzgebiet der Holz­wiesen im Scharn­hauser Park, wo immer noch Verbotsschilder fehlten und die Windsurver auf ihren rollenden Brettern über die Wiesen fahren. Nützliche Flächen sieht sie unter den Brücken am Umweltzentrum in Plochingen. „Das ist alles verlorene Fläche, dort könnte man mit Wildpflanzen viel, viel mehr machen.“

„Die Akzeptanz in der Bevölkerung schützt die Natur am besten“, sagt sie, „man muss die Menschen dafür gewinnen, erst dann ändert sich auch in der Politik etwas.“ Das versucht das Umweltzentrum auf vielen Ebenen, auch mit dem Grünen Klassenzimmer und der Ausbildung von Jugendbegleitern.