Lokales

Hoffnungszeichen in Israel und Palästina?

Die Schwere der Geschichte, aber auch der aktuellen Politik lag wie bleiern über der Reise, die das Evangelische Schuldekanat Kirchheim-Göppingen während der Faschingsferien mit Lehrerinnen und Pfarrern in Israel/Palästina veranstaltet hatte.

KIRCHHEIM Gleichzeitig seien, so Schuldekan Buchholz, der zusammen mit Martin Lempp aus Bissingen die Gruppe leitete, immer wieder Hoffnungszeichen erlebbar gewesen: So die Begegnung mit Mitarbeiterinnen des Internationalen Versöhnungszentrum in Bethlehem; mit jungen Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), die in Behindertenheimen und Einrichtungen arbeiten, wo ehemals verfolgte Juden betreut werden; mit Jeremy Milgrom, einem Rabbiner, der sich für die Menschenrechte der Beduinen im Staatsgebiet Israels einsetzt; mit Amos Kwirtz im Kibbuz Shefayim (Tel Aviv), der in der israelischen Friedensbewegung mitarbeitet; mit Propst Martin Reiher, der aus Württemberg stammend die evangelischen Gemeinden im Nahen Osten repräsentiert; mit dem Reutlinger Ehepaar Henne, das die freundliche Oase des Lutherischen Hospizes mitten in der Altstadt von Jerusalem leitet; mit dem Benediktinerbruder Samuel, der in Tabga am See Genezareth eine Begegnungsstätte für Behinderte und Nichtbehinderte aufgebaut hat; mit älteren und jüngeren Menschen jüdischen Glaubens, die in der von Schalom Ben Chorin vor 40 Jahren aufgebauten reformierten Har El-Synagoge den Sabbat (und die Gäste aus dem Ausland) begrüßten; mit Georg Rössler, der seit langem verheiratet mit einer jüdischen Frau in Jerusalem lebt; mit Yehuda Bacon, dem in Mähren geborenen Künstler, der als Kind Theresienstadt und Auschwitz überlebt hat und der wichtigster Zeuge im Eichmann-Prozess und im Frankfurter Auschwitz-Prozess war und der in den vergangenen Jahren für ein deutsches religionspädagogisches Werk hervorragende Meditationsbilder erstellt hat; mit einem älteren Synagogenbesucher, der als Kind die letzten Rettungstransporte nach England erlebt hat.

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Hoffnungszeichen waren auch die vielen kulturellen, religiösen und geografischen Zeugnisse, die über den Tag hinausweisen so die biblischen Stätten wie etwa der Berg der Seligpreisungen in Galiläa, die großartigen Bilder von Marc Chagall in der Hadassa-Klinik in Jerusalem, die blühende Wüste Judäas nach einem langen Regen, die goldene Kuppel des islamischen Felsendoms auf dem Tempelberg Anders und äußerst gegensätzlich die Eindrücke bei den Touren durch die Altstadt Jerusalems, durch Bethlehem und durch den Norden des Landes: Befremden über Armut und wirtschaftliche Leere wegen des ausbleibenden Tourismus, militärische Macht gegen palästinensische Selbstbestimmung, Arbeitslosigkeit auf den Gassen Bethlehems, Gedenken an schlimme Attentate in den Straßen Jerusalems, Angst bei der Einreise vor unwillkommenen Gästen, Demütigung an der Grenze zwischen den selbstverwalteten Gebieten und Israel, ständige Erinnerung an den von Deutschen verursachten Holocaust, stummes Erschrecken in der Gedenkstätte Jad Washem über die Namen der verschwundenen jüdischen Gemeinden Württembergs und der wenigen Helfer, deren im Hain der Gerechten gedacht wird, Erstaunen über die Nähe der seit Jahrzehnten umstrittenen Golanhöhen, fragendes Zweifeln über das seit bald zwei Jahrtausenden währende Zusammenleben der verschiedensten christlichen Denominationen in der Altstadt von Jerusalem, Unverständnis und Respekt vor fremder Frömmigkeit, die in großem Freimut nebeneinander gelebt und gefeiert wird von Juden, Christen und Muslimen, Freundlichkeit und Stolz der jungen Palästinenser, Fassungslosigkeit angesichts der Plakate an den Wänden Bethlehems, die die "Märtyrer" der schrecklichen Attentate gegen Israelis feiern, und schließlich die furchtbare acht Meter hohe Mauer, die überwiegend auf palästinensischem Grund erbaut Menschen schützen soll, aber gleichzeitig ein Ausdruck von politischer Hilflosigkeit und Aggressivität ist.

Deutschland hat so der Eindruck der an der Reise Teilnehmenden den Fall der trennenden Mauer 1989 mit Freude erlebt: Hier wird wieder eine Mauer aufgebaut, zu der es tagespolitisch keine Alternative zu geben scheint. Langfristig hoffen alle Beteiligten auf ein friedliches Zusammen- und Nebeneinanderleben der beiden Völker Israels und Palästinas.

Die Gruppe der Lehrerinnen und Pfarrer hatte die Verhandlungen zwischen Präsident Abbas und Ministerpräsident Sharon in Sharm el Sheik an Fernsehen und Radio verfolgen und dabei die vielen wieder aufkeimenden Hoffnungen beider Seiten auf eine geordnete und einander würdigende Zukunft miterleben können. Durch diese überraschende Entwicklung wurde auch die Reise selbst, die für Außenstehende ursprünglich unter beängstigenden Zeichen stand und als solches ein Wagnis war, zum Hoffnungszeichen für die Teilnehmer.

cb