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Hohe Felstürme mussten für die neue Straße gesprengt werden

Am Anfang gab es nicht einmal einen Namen und auch in keiner Karte war sie zu finden: die Hochwangsteige. Vor 50 Jahren wurde die Albsteige, die streckenweise regelrecht aus dem Fels gesprengt werden musste, offiziell mit großem Bahnhof eingeweiht.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Große Dinge sind nach dem Krieg auf der Alb bei Erkenbrechtsweiler geschehen. Wegen der Wohnraumknappheit wurde nicht nur eine Siedlung aus dem Boden gestampft sondern auch gleich die dazugehörige Albsteige geplant und in die Tat umgesetzt. Nicht ganz unbeteiligt daran war die Oberlenninger Papierfabrik Scheufelen. Sie war daran interessiert, dass ihre Arbeiter und Angestellten günstig in der Nähe der Fabrik eigenen Wohnraum bauen konnten. Der entsprechende Grund und Boden dafür war im Tal jedoch nicht zu kaufen und so wurde die Idee des damaligen Betriebsratvorsitzenden Karl Bauer aus Erkenbrechtsweiler aufgegriffen, auf der Alb eine Siedlung entstehen zu lassen. Ihm war bekannt, dass seine Heimatgemeinde große Grundstücke im Gewann Auchtert besaß. Oberlenningen war daraufhin bereit, der Nachbargemeinde dieses Allmendgelände abzukaufen, das direkt an die eigene Markung anschloss. Dort entstand dann die Arbeitersiedlung Hochwang, allerdings hatte das arme Erkenbrechtsweiler nur ungern dieser Veränderung zugestimmt. "Die furchtbare Wohnungsnot zwang zu einer radikalen und weitsichtigen Lösung, die zwar viel Geld kosten würde, aber auf lange Sicht billiger war, als jede andere", so die damals vorherrschende Meinung. Der Oberlenninger Gemeinderat beschloss daher in einer denkwürdigen Sitzung im Mai 1951, Hochwang auf der Alb entstehen zu lassen.

Weil frühere Anträge, eine neue Steige zwischen Erkenbrechtsweiler und Unterlenningen zu bauen, an einer fehlenden Planung gescheitert waren, wurde daraufhin mit Hochdruck an einer solchen gearbeitet. Allein 200 bei der Firma Scheufelen beschäftige Arbeiter würden von diesem Bau profitieren. Sie konnten die überwiegende Mehrzahl damals noch mit dem Bus entweder über Grabenstetten oder über Owen ihre Arbeitsstätte erreichen. Die Entfernung von Unterlenningen nach Erkenbrechtsweiler schrumpfte nach dem Bau der Steige von zehn auf drei Fahrkilometer. "Ganz früher gingen die Arbeiter zu Fuß über den Weiler Steig morgens um 4 Uhr mit ihrem Rucksack ins Geschäft", erinnern sich heute noch die Lenninger.

Mit Interesse verfolgten die Anwohner im Tal und auf der Alb die Bauarbeiten. Mancher Sonntagsausflug wurde in Richtung der neuen Straße unternommen und der Fortschritt in Augenschein genommen. "Das war eine mords Sache" ist auch heute noch aus Lenninger Mund zu hören. Ungewohnte Laute drangen anfangs der 50er-Jahre an der Schwaben Ohr. Viele der Arbeiter, die mit Pickel und Schaufel bewaffnet die mühselige Hand-Arbeit verrichteten, stammten aus industriearmen Gegenden wie Mosbach oder Tauberbischofsheim. Als Notstandsarbeiter waren sie in Gasthäusern und Privatquartieren fernab der Familie untergebracht und verdienten einen eher spärlichen Lohn. Tag für Tag rasselten die Kipploren zu Tal und leerten ihre "breiten Mäuler" in die große Schlucht, deren Bach gefasst und die im Laufe der Zeit hoch aufgefüllt wurde.

Die Sprengungen waren weithin hörbar und manch ein Brocken lag wie ein Findling auf den Wiesen im Tal. "Es ist gut, wenn Augen und Ohren offen sind, damit das friedliche Werk kein Unglück hinter sich herzieht", war damals in der Zeitung zu lesen und es wurden immer wieder Warnmeldungen veröffentlicht. Nicht alle Lenninger waren jedoch glücklich über das Straßenbauprojekt, insbesondere diejenigen, die das damals noch wertvolle landwirtschaftliche Land hergeben mussten, entsprechend schwierig gestalteten sich daher teilweise die Vertragsverhandlungen mit den vielen Grundstückseigentümern. Doch es gab auch andere Stimmen: "Ein alter Rentner meinte schmunzelnd, dass er für seinen verwitterten Apfelbaum, der dran glauben musste, doch einen ganz hübschen Batzen Geld habe erstehen können", ist in einem Vermerk zu lesen.

Der Naturschutz hatte auch damals schon ein Wörtchen mitzureden. Nicht alles wurde von dieser Seite gut geheißen. Um das Landschaftsbild nicht zu zerstören, gab es von vielen Seiten die Überlegungen, Tunnels zu graben. Dies wurde jedoch rundweg abgelehnt. Zum einen sei die Festigkeit des Gesteins zu unterschiedlich und zum anderen würde diese Bauweise Millionen verschlingen. Wegen der Sprengarbeiten wurden weite Teile des Waldes völlig zerstört und der damalige Forstmeister Häußler erklärte, dass eine Aufforstung auf der Geröllhalde außerordentlich schwierig sei. Viele Menschen störte auch der nackte Fels, der nach den Sprengungen zu sehen war. Ein Fachmann konnte jedoch Entwarnung geben. Nach acht bis zehn Jahren würde wieder eine Patina entstanden sein. Der entsprechende Vor-Ort-Termin sei in dem 20 bis 30 Zentimeter hohen Schnee jedoch beinahe einer halsbrecherischen Hochgebirgspartie nahe gekommen.

Die Techniker mussten vielen Forderungen gerecht werden. An oberster Stelle stand die Sicherheit sowohl der Bauarbeiter als auch nachher der Verkehrsteilnehmer. Die Kosten durften dabei nicht aus den Augen verloren werden, weshalb mancher Wunsch seitens des Naturschutzes nicht berücksichtigt wurde. Mühselig trugen die Arbeiter den Fels ab. Das am Albhang auftretende Wasser, das bei starken Regenfällen und bei Schneeschmelze erhebliche Zerstörungen anrichten kann, musste gefasst und von der Straße abgeleitet werden. Geröllfänger am Klingelgraben und Kellental waren notwendig, um Überraschungen zu vermeiden. Die Böschungen und Hänge hatten vorschriftsmäßig gebaut zu werden, um der Straße den notwendigen Halt zu geben, was sich jedoch nicht bewahrheitete.

Wegen einiger unliebsamer Überraschungen verzögerte sich die Fertigstellung der Albsteige immer wieder. Am 26. Februar 1953 war in der Zeitung zu lesen: "Die Albsteige, die im Juli befahrbar sein sollte, wird nach der in der Gemeindeverwaltung von Erkenbrechtsweiler vertretenen Auffassung höchstens im Spätjahr, wenn überhaupt noch im Jahre 1953 fertiggestellt werden können." Schlussendlich verging mehr als ein Jahr bis zur Einweihung. Der Grund: Am Kammfelsen trafen die Arbeiter auf Gestein, das hart wie Granit war, weshalb umfangreiche Sprenungen notwendig wurden, die zudem nur in kleinen Mengen vorgenommen werden konnten. "Ferner spielt eine Rolle, dass die Notstandsarbeiter sich bei der ungewöhnlich harten und für viele von ihnen ungewohnten Arbeit sehr schwer tun", ist in einem Zeitungsartikel zu lesen. Den Männern 1953 waren rund 140 Arbeiter beschäftigt habe die notwendige Erfahrung gefehlt, die für den Bau einer so schwierigen Straße notwendig gewesen wäre.

Im Mai 1953 wurde vermeldet, dass in 25 000 Tagwerken 700 000 Mark verbaut wurden. Dieses Geld ist jedoch zum größten Teil vom Staat als verlorener Zuschuss beziehungsweise niederverzinsliches Darlehen über die Notstandsarbeiten zurückgeflossen. Im Zuge der neuen Steige musste auch in Unterlenningen über die Lauter eine Brücke gebaut werden, ihre Kosten lagen bei rund 50 000 Mark. Im Oktober desselben Jahres war die Steige bis auf einen Kilometer mitsamt dem Teerbelag fertiggestellt. Dieses Teilstück kostete jedoch noch eine gewaltige Anstrengung, denn die komplette Fahrbahn musste aus dem Fels gesprengt werden.

Immer wieder gab es während des Baus Besuche von Verwaltungsspitzen, die sich über den Fortgang der Arbeiten informierten. Vor allem Landrat Dr. Schaude und Dr. Frank vom Geologischen Landesamt waren häufig vor Ort, um sich der Probleme anzunehmen.

Nach zweieinhalbjähriger Bauzeit waren die Presslufthämmer und Detonationen verstummt und Musik schallte über den Berg. Die Werkskapelle der Papierfabrik Scheufelen sorgte bei der offiziellen Einweihung für die musikalische Unterhaltung. Der damalige Ministerpräsident Dr. Gebhard Müller durchschnitt das Band und gab unter Böllerschüssen und dem Beifall vieler Besucher die Hochwangsteige für den Verkehr frei. "Diese Straße verdankt ihre Entstehung dem positiven Miteinander privater Initiative und der Aufgeschlossenheit der öffentlichen Verwaltung für das Notwendige", sagte Gebhard Müller und hob vor allem die Initiative der beiden Fabrikanten Scheufelen und Leuze hervor. Als erfreulich bezeichnete der Ministerpräsident, dass sich auch hier im Kleinen die Verschmelzung der früheren Länder Baden und Württemberg zu einem Gemeinwesen bewährt habe, da ja die Arbeitskräfte, die nun wieder in den regulären Arbeitsprozess eingereiht werden sollten, aus den nordbadischen Förderbezirken stammten.

"Die Straße hat 250 Meter Höhenunterschied bezwingen müssen, um von Unterlenningen nach Überwindung des Kellentals und Klingengrabens schließlich am Hang entlang bis zum Kammfels geführt werden zu können. Hohe Felstürme haben durchbrochen werden müssen, bis die Straße schließlich die Albhochfläche auf 701 Meter Höhe erreichte", schilderte Baurat Schwarz, Leiter des Straßen- und Wasserbauamtes Kirchheim, während des Festaktes die Schwierigkeiten. Die Länge der damaligen Neubaustrecke bemisst sich auf 6,3 Kilometer, davon 4,4 Kilometer Aufstieg. "Die größte Steigung der Straße beträgt 6,5 Prozent mit dazwischenliegenden Erholungsstrecken von 2,5 bis 3,5 Prozent", so die weiteren Ausführungen. Insgesamt waren 100 000 Kubikmeter Erde zu bewegen gewesen, die Hälfte davon schwerer Sprengfels, wofür 13 000 Kilogramm Sprengstoff nötig war. Ursprünglich waren die Planungen von einer Bauzeit von rund einem Jahr ausgegangen. Wegen der Trassenverschiebungen, des Felsmassivdurchbruchs sowie Witterungserschwernissen kam es zu der über einjährigen Verzögerung.

Nach der offiziellen Einweihung fuhr die Wagenkolonne die Hochwangsteige hinunter nach Oberlenningen, das dem Anlass entsprechend mit bunten Fahnen geschmückt war. In der Turnhalle gab es noch weitere zahlreiche Festredner. So lobte beispielsweise Landrat Schaude, dass sich die jüngste Straße der Alb vortrefflich in die Landschaft einfüge. Durch den Bau der Straße hätten 1000 Arbeitslose beschäftigt werden können, erklärte der Präsident des Landesarbeitsamtes Dr. Heinz. Davon hätten die Firmen Scheufelen und Leuze sowie verschiedene Firmen in Kirchheim zahlreiche Notstandsarbeiter fest angestellt und ihnen damit eine neue Heimat gegeben. Die Eröffnung der Steige hatte jedoch nicht automatisch das Ende der Arbeiten zur Folge. Immer wieder gab es Erdrutsche und vor allem Steinschlag. Mühselig wurde jeder Stein, der aus der Erde hervorlugte abgeklopft. Männer hingen schon 1958 in Seilgurten über der Hochwangsteige und lösten Geröll von den Felsen. "Giganten des Straßenbaus", beispielsweise ein 65-Tonnen-Bagger, waren zwei Jahre später im Einsatz, weil der Berg einfach nicht zur Ruhe kommen wollte. Steine und Geröll kamen wieder in Massen auf die Fahrbahn. Sogar ein Bus wurde von einem größeren Stein getroffen. Dreieinhalb Monate musste erneut nachgebessert werden und es fanden wieder Sprengungen statt. Teilweise wurde bis zu drei Meter der Hang abgegraben, wodurch auch die eine oder andere Kurve übersichtlicher wurde. Arbeiter befestigten Eisenbahnschwellen zwischen Straße und Fels mit Eisenpfosten, um die Steine von der Fahrbahn fern zu halten.

Doch im Juni 1965 war die Steige schon wieder gesperrt. Der "laufende Berg" war nach einem langen Winter und starken Niederschlägen im Frühjahr in Bewegung geraten. Geröll und entwurzelte Bäume lagen auf der Fahrbahn und der Boden wies große Risse auf, in die das Wasser in Massen eindringen konnte. An einem Sonntag im Oktober 1974 wurde gegen 10 Uhr starker Steinschlag registriert. Große Felsbrocken hatten sich vom Hang gelöst und selbst die starke Holzabschrankung durchbrochen. Zentnerschwere Felsbrocken krachten auch am 30. Januar 1980 gegen 15 Uhr auf die Steige. Glücklicherweise kam auch dabei niemand zu Schaden, als die rund sieben Kubikmeter auf der Straße landeten. Dieser Vorfall sorgte für eine "Kleine Anfrage" im Landtag und für erneute Felssicherungsarbeiten. Beim "Hochwanger Törle" wurde auf 600 Metern Länge in mühseliger Kleinarbeit der Fels von Fachleuten überprüft und teilweise abgebrochen. Die Sisyphusarbeit, absturzgefährdete Felsbrocken rechtzeitig zu finden, ging auch die folgenden Jahre weiter und im April 1985 hofften die Fachleute, dass es bald keine Felsstürze mehr gibt ein frommer Wunsch, wie sich he-rausstellte. Immer wieder waren Sanierungen nötig und 1992 musste beispielsweise wieder eine Fels über der Steige gesprengt werden, weil zuvor ein 60-Tonnen-Felskoloss auf der Straße lag. Allein in den Jahren 1991 bis 1993 wurden fünf Millionen Mark in die Felssicherungen investiert. Die letzten größeren Sanierungsarbeiten dauerten rund zehn Monate in den Jahren 2001 und 2002. Handbreite Längsrisse im Unterbau kamen dabei zu Tage, weshalb die Talseite regelrecht verplompt wurde.

Die Hochwangsteige wird vermutlich weiterhin ein Sorgenkind bleiben. Als solches hatte sie der ehemaligen Lenninger Bürgermeisters Gerhard Schneider schon im Jahresrückblick 1967 bezeichnet. "Die Sache wird wohl nie ganz zu Ende gebracht werden können", vermutet Theo Rich vom Kirchheimer Straßenbauamt. Die Steige sei zwar weitgehend abgesichert, so dass sich die Felsbrocken in den Schutzvorrichtungen verfangen können, doch niemand könne ausschließen, dass nicht immer wieder nachgebessert werden müsse.