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Hohe Hürden auf dem Weg zu einem Ausbildungsplatz

Mit Hauptschulabschluss eine Lehrstelle zu bekommen ist schwierig geworden. Was aber bleibt für Förderschüler übrig? Ohne gezielte Förderung sind sie auf dem Arbeitsmarkt nicht integrierbar, sagt Rainer Lippmann, Teamleiter berufliche Reha bei der Agentur für Arbeit. Das Thema Förderschule ist auch das Thema Migration. 60 Prozent Ausländeranteil ist normal, es gibt auch Klassen mit 100 Prozent Migrationshintergrund.

ROLAND KURZ

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KREIS ESSLINGEN Lehrerin M. ist schwer beschäftigt. Weniger mit Unterrichten, als darauf zu achten, dass sich nichts anbahnt zwischen Pavel aus Sibirien, vorne links, und Fatmir aus dem Kosovo, hinten rechts. Alle Schüler in ihrer Klasse 8 an der Lindenschule Ostfildern haben Migrationshintergrund, also Ausländer, Asylbewerber oder Aussiedler. Natürlich darf die Nationalität nicht den Ausschlag für die Aufnahme in eine Förderschule geben. Selbst Intelligenztests hält Uwe Maurer vom Kreis-Schulamt für begrenzt aussagekräftig: "Die Tests sind nicht wirklich wichtig, sondern, dass wir das Kind begleiten und einen Weg für es finden." Erst wenn die Grundschule keine Möglichkeit mehr sieht, ein Kind mit sonderpädagogischer Unterstützung zu halten, kommt es in die Förderschule.

Die Beweislast, dass es nicht geht, liegt bei den Grundschulen, betont Waltraud Schreiber, die im Schulamt für Frühförderung zuständig ist. Eltern beziehe man als Experten in den Entscheidungsprozess ein. Eltern aus anderen Kulturen zeigen nicht immer Verständnis für das System Förderschule, berichten dagegen Lehrer, die an Elternabenden beinahe allein sind.

Für die Aufnahme in die Förderschule liege, so Schreiber, oft eine Kombination von Faktoren vor: kognitive Schwäche, Arbeitshaltung, psychische Probleme, familiäre Belastung. Und die Sprache? "Normal begabte Kinder lernen unabhängig vom Elternhaus die deutsche Sprache," sagt Schreiber. Wenn ein Kind die Sprache nicht lerne, könne dies ein Hinweis auf eine Entwicklungsverzögerung sein. In einer deutschen Familie schaffe das schwächere Kind vielleicht noch die Hürde zur Grundschule, Migrantenkinder wachsen jedoch unter anderen Bedingungen auf, sagt Maurer. Ein Kind aus dem Kosovo habe gelernt, mit widrigen Umständen klar zu kommen, aber nicht wie man spielt und Zuwendung erhält. "Sie wachsen in einer Parallelgesellschaft auf," meint Arbeitsberaterin Birgit Ammann-Daiss und spricht von kulturbedingten Handicaps.

Auf dem Schulamt ist man voll des Lobes über das einfallsreiche System, mit dem Förderschüler unterstützt werden. Die Lehrer würden nicht nur von Schulsozialarbeitern unterstützt, sondern die Schule sei ins Gemeinwesen eingebunden: Vereine, Volkshochschule, Musikschule. In Schülerfirmen lernen die Jugendlichen, Verantwortung zu übernehmen und ihre Energie zu aktivieren. Durch die Kooperation mit dem Berufsausbildungszentrum Esslingen (BAZ) und der hauswirtschaftlichen Käthe-Kollwitz-Schule nähern sich die Förderschüler mehreren Berufsfeldern.

Dennoch haben Jugendliche am Ende der Förderschule fast keine Chance auf einen Ausbildungsplatz. Von etwa 500 Schulabgängern im Bezirk Esslingen/Göppingen erwischten 22 einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Weitere Förderung ist angesagt. 20,5 Millionen Euro steckt die Agentur für Arbeit im Bezirk Esslingen/Göppingen im Jahr 2006 in den Reha-Bereich, also für schwache Schulabgänger. Zwei Wege bietet die Agentur an. In den Sonderberufsfachschulen mit 33 Stunden Unterricht werden Berufsfelder erprobt. Die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BVB) ist eine elfmonatige überbetriebliche Ausbildung mit 38,5 Wochenstunden. Anschließend könnte die Tür zu einer theoriereduzierten Werker-Ausbildung aufgehen, zum Beispiel zum Metallfeinbearbeiter im Automobilbau. In diesen elf Monaten kümmern sich Sozialpädagogen um Handicaps und Persönlichkeitsbildung, so Ammann-Daiss.

Die Reha-Beraterin schildert die Defizite der Förderschüler drastisch. Neben Lernbehinderungen sieht sie zunehmende motorische Defizite durch TV-Konsum, depressive Verstimmungen, wenig Selbstwertgefühl, mangelnde soziale Kompetenz, Verhaltensauffälligkeiten, teilweise Neigung zu Gewalt. Ammann-Daiss: "Die jungen Leute nehmen wahr, was die Gesellschaft von ihnen hält, dass sie auf einer besonderen Schule sind und eigentlich einen sehr guten Hauptabschulschluss bräuchten."

Viel versprechen sich die Reha-Berater von neuen kooperativen Ausbildungsformen. Überbetriebliche Ausbildungsträger betreuen sozialpädagogisch und schulisch, die fachliche Ausbildung läuft in einem Betrieb. Durch Zuschüsse bekommt der Betrieb fast zwei Jahre Vergütung geschenkt. Lippmann setzt darauf, dass die Firmen ihren Azubi anschließend übernehmen. Entweder es gelingt über diesen Weg oder es wird noch schwieriger. Am Ende landen die Förderschüler dann dauerhaft beim Arbeitsamt.