Lokales

Holz für Weinfässer und Telefonbücher

Die Holzernte läuft auf Hochtouren: Seite an Seite mit einem Rückepferd beförderte eine hochmoderne Erntemaschine bereits tausende von Fichten aus dem Kirchheimer Stadtwald. Jetzt rücken die städtischen Waldarbeiter den Laubbäumen zuleibe vor allem den Eichen, denn deren dunkles Holz steht derzeit besonders hoch im Kurs.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM Waldarbeit mit Pferden? Das gibt es im Kirchheimer Forst auch heute noch. "Die historische Rücketechnik in Kombination mit modernster Technologie ist sehr rationell", sagt Kirchheims Revierförster Daniel Rittler. Im Talwald arbeitete sich ein Rückepferd acht Tage lang Seite an Seite mit einer rund 160 PS starken, hochmodernen "Harvester"-Holzerntemaschine durch 13 Hektar jungen Fichtenbestand. Er musste ausgedünnt werden, damit die guten Stämme mehr Platz haben, um sich besser zu entwickeln.

Obwohl die Vollerntemaschine die Nadelbäume in einem Arbeitsschritt fällt, entastet und absägt, haben die traditionellen Rückepferde noch immer einen besonderen Wert. "Die Rückegassen haben einen Abstand von 40 Metern", beschreibt Daniel Rittler die Infrastruktur im Forst. Nur auf diesen Gassen dürfen die schweren Maschinen fahren. "Der Boden würde sonst viel zu stark verdichtet." Von den Fahrspuren aus reicht der Arm der "Harvester" aber lediglich acht Meter weit in den Wald hinein. Um in dem dichten Fichtenbestand auch die Flächen bewirtschaften zu können, die nicht in Reichweite des Arms liegen, hat das Kirchheimer Forstrevier zusätzlich ein Pferd "engagiert". "Das Rücken mit dem Pferd ist so pfleglich wie sonst keine andere Methode", informiert der Revierförster. Zum einen verdichten die Pferdehufe den Boden weit weniger. Zum anderen sind die Vierbeiner wesentlich flexibler und wendiger als Seilwinden. Gerade für die hochsensiblen Fichten ist es nämlich wichtig, dass beim Transport der gefällten Stämme bestehende Bäume keine Verletzungen erleiden. "Fichten faulen bei Rückeschäden besonders schnell", sagt Daniel Rittler.

Gemeinsam vollbrachten Pferd und Maschine im Talwald eine beachtliche Leistung: "Innerhalb von acht Tagen haben wir 580 Festmeter Holz geerntet", berichtet Rittler und setzt die Zahl ins Verhältnis zu der gesamten Holzernte im Stadtwaldgebiet: "Das sind 12 Prozent des jährlichen Hiebsatzes."

Die stärkeren Fichtenstämme aus dem Kirchheimer Wald sind vor allem als Bauholz bestimmt für Decken, Kanthölzer oder Dachlatten. Spitzen und dünne Bäume unter 16 Zentimeter Durchmesser gelten als Papierholz. "Daraus werden beispielsweise Telefonbücher gemacht", berichtet Rittler.

Der Fichtenhieb im Talwald war jedoch nur der erste Streich. Während Pferd und Maschine ihren Erntezug in Dettingen und Neidlingen fortsetzen, hat mit dem November im Kirchheimer Forst nun auch die Laubholzernte begonnen. Buchen, Eichen und Co. dürfen die Waldarbeiter nur während der Wintermonate schlagen. "Die Bäume müssen außer Saft sein", begründet Rittler. Außerdem ist bei den dicken Bäumen noch Handarbeit nötig: Anstelle der Vollerntemaschine ist das städtische Waldarbeiterteam gefragt.

Laubhölzer sind es auch, die auf dem Markt viel Geld einbringen können. Kostet Fichten-Stammholz konstant zwischen 40 und 60 Euro pro Festmeter, schwanken die Eichenpreise je nach Qualität enorm. "Da ist alles drin von 35 bis 1000 Euro", so Rittler wobei Stämme an der oberen Grenze absolute Ausnahmen sind.

Während das Nadelholz vor allem Abnehmer im süddeutschen Raum findet, ist das Laubholz aus dem Kirchheimer Stadtwald weltweit gefragt. "50 Prozent gehen ins Ausland", schätzt Daniel Rittler. So reisen alljährlich Gäste aus Frankreich an, wenn die Stämme vom Fuße der Teck in Göppingen zur Versteigerung stehen. "Die Franzosen kaufen Kirchheimer Eichenholz für Barrique-Fässer", weiß Rittler. In Fässern aus hochwertigem Eichenholz lagern französische Weinhersteller ihre edlen Tropfen während der Gärung. Dass die westlichen Nachbarn die Eichen dafür in Deutschland kaufen, hat zwei Gründe: "In Frankreich gibt es nicht mehr so viele Eichen. Außerdem sind sie dort teurer", so Rittler.

Auch viele örtliche Sägebetriebe verkaufen dem Förster zufolge ins Ausland. "Für die Händler halten wir extra Sortimente bereit, die nach Italien oder Spanien gehen." Buchen aus dem Kirchheimer Wald sind indes in China gefragt auch wenn der Markt in Fernost in den vergangenen Jahren stark nachgelassen hat.

Was die Mode in Sachen Einrichtung angeht, sind Förster stets auf dem neuesten Stand: Trends in der Möbelbranche schlagen sich sofort in der Holznachfrage nieder. "Buche, Esche und Ahorn sind nicht mehr so gefragt", sagt Rittler. "Dunkle Möbel sind im Kommen." Eiche und Walnuss erlebten daher im Moment eine Renaissance. Glück für den Kirchheimer Forst, dass im Stadtwald jede Menge dicke, betagte Eichen stehen. "Viele von ihnen sind schon 150 Jahre alt", sagt Rittler. Oft an die 35 Meter lang, werden die gefällten Eichenstämme in zahlreiche einzelne Stücke mit unterschiedlichen Bestimmungen zerteilt: So ist das "Filetstück" für Furnierholz reserviert, minderwertige Parts sind später als Parkettfußböden wiederzufinden.

Sorge bereitet Rittler, dass den Laubhölzern immer mehr Gefahren drohen. Viele alte Buchen sterben aufgrund einer "Komplexkrankheit" ab: Witterung und Klima schwächen die Bäume und lassen sie empfindlicher für Schädlinge werden wie etwa für den Buchenborkenkäfer, der seit Neuestem sein Unwesen in den Wäldern treibt. Auch die Eichen bleiben nicht verschont: Frostspanner, Eichenwickler und Eichenprozessionsspinner setzen ihnen zu. "Insgesamt ist das eine echte Bedrohung", fürchtet der Revierförster sowohl für den Wald selbst als auch für die Waldwirtschaft.