Lokales

Holzklötzchen umwerfen macht Spaß

In der ersten Bissinger U 3-Gruppe nimmt Diana Volz die fünf Kleinen bei der Hand

Bissingen. Der zweijährige Jakob sitzt am Kindertischchen mit der laubfroschgrünen Platte und lässt sich die Brezel schmecken. Morgendliche Vesperzeit in der U 3-Gruppe des Bissinger Kindergartens in der Pfarrstraße. Auch Marlene, die

richard umstadt

bald drei Jahre alt wird, der zweijährige Gil, Fabius mit zweieinhalb und Felix, zwei Jahre jung, vervollständigen die Frühstücksrunde. Sie alle haben ein rotes Plastiktellerchen mit Brezeln oder Brot und Joghurt darin und einen roten Plastikbecher vor sich stehen und mampfen. Das Mädchen und die Buben gehören der ersten U 3-Gruppe in einem Bissinger und Ochsenwanger Kindergarten an.

Im Juni gab der Gemeinderat der Seegemeinde nach einer Bedarfserhebung unter den Eltern grünes Licht für das neue Betreuungsprojekt. Im September begrüßte Erzieherin Diana Volz ihre ersten beiden Schützlinge, Marlene und Fabius. Inzwischen ist die Gruppe auf fünf Kinder angewachsen. Da ab dem neuen Jahr weitere hinzukommen, stellt die Gemeinde Diana Volz eine Kollegin zur Seite. Im Mai 2009 ist die U 3-Gruppe mit zwölf Kindern voll belegt und ab Juni wechseln dann die Dreijährigen in die Kindergartengruppe nebenan.

Die drei Vormittage, montags, mittwochs und freitags, laufen in der Regel gleich ab. Die Kinder starten mit einem Lied in den Morgen. Anschließend ist ein Fingerspiel an der Reihe, dann sitzen alle um den Tisch und frühstücken. Danach bleibt es nicht aus, dass auch mal was´ in die Windeln geht. Also, wechselt Diana Volz den Kleinen die Pampers und der Tag ist gerettet. Das Spielzeugparadies in der großen Puppenecke wartet. Gil kommt gleich her und zeigt dem Notizblock-„Onkel“ mit dem Schreibstift seinen Spielzeugquirl und den bunten Kunststoffwasserkessel. Jakob hat sich derweil einen Puppenwagen geschnappt und schiebt diesen durch den Raum. Jetzt bringt Gil aus der Holzkiste ein Kinderbuch und fordert den Besucher auf: „Angucken, angucken !“ „Die Kinder lieben Bilderbücher“, sagt die Erzieherin, die bereits seit 1986 im Kindergarten Pfarrstraße Ersatzmamma für die Kiddies ist.

Bevor die kleinen Mädchen und Buben das erste Mal in die neue Betreuungsgruppe kommen, spricht Diana Volz mit deren Eltern über ihre Erwartungen und die Vorlieben und Besonderheiten ihrer Sprösslinge. Außerdem ist sie mit den Müttern in ständigem Meinungsaustausch. Die Erzieherin erhält so manch wertvollen Tipp. Wie sie sagt, legen die Eltern großen Wert auf die sozialen Kontakte ihrer Kinder, sie sollen Erfahrungen in der Gruppe mit Gleichaltrigen sammeln, die ersten kleinen Schritte zur Selbstständigkeit gehen, aber auch Grenzen kennenlernen. Die erfahrene Kindergärtnerin ist überzeugt, dass dies in einer reinen U 3-Gruppe leichter möglich ist, als in einer gemischten Regelgruppe. „Ich kann mich hier besser auf die Kleinen konzentrieren und auch das Spielmaterial ist speziell auf dieses Alter unter drei Jahren zugeschnitten. Die Bedürfnisse und Ansprüche der Kleinkinder unterscheiden sich doch sehr von denen der älteren.“ Alle Handlungen müssen sprachlich begleitet und kommentiert werden. Ihr Wortschatz erweitert sich so im Dialog mit den Erwachsenen. Sie suchen Erklärungen und brauchen unzählige Wiederholungen.

Gil greift in der Puppenecke zum Hörer des Holztelefons und ruft „Hallo, hallo!“ Mit wem er wohl telefoniert? Jakob stellt eine Holzschachtel auf den kindgerechten Tisch und räumt sie aus – und wieder ein. Marlene kennt den Inhalt bereits. Es ist ein Bärenpuzzle, das sie ohne Probleme zusammensetzt.

„Es ist erstaunlich, was die Kinder in der kurzen Zeit, in der sie hier sind, gelernt haben“, sagt die Erzieherin. Das geschieht deshalb so rasch, weil die Kleinen voneinander lernen. Was der eine hat, will der andere auch, und was der eine kann, will der andere auch können. „Marlene konnte bereits auf die Toilette gehen. Ihr Spielkamerad hat das gesehen und schwuppdiwupp war auch er ,sauber‘“, berichtet die Erzieherin der unter Dreijährigen.

Gil kommt mit einem Holzklötzchen angerannt und zieht den Notizblock-„Onkel“ vom Kinderstühlchen hoch und zerrt ihn in die Bauecke. Der Holzturm zu Babel entsteht und wird von Jakob wieder umgeworfen. Das Spiel begeistert die Jungs. Es könnte ewig so weitergehen, wenn der grauhaarige Spielverderber nicht umdisponiert hätte und anstatt Türme jetzt Straßen aus den flachen Klötzchen bauen würde. Marlene macht dem Spuk ein Ende und räumt die hölzernen Baumaterialien kurzerhand wieder in die große Kiste. Ordnung muss sein.

Nach dem Kindertagesbetreuungsgesetz soll die Gemeinde bis Ende 2008 14 Prozent der Kindergartenplätze für die unter Dreijährigen eingerichtet haben. Dieses Soll haben die Bissinger bereits erfüllt. Bis zum Jahr 2013 müssen die Kommunen die vom Bund und den Ländern vereinbarte Betreuungsquote von 34 Prozent anbieten. Deshalb will die Seegemeinde, je nach Bedarf, eine weitere U 3-Gruppe einrichten. Dass ein solches Angebot der Kommune nicht zum Nachteil gereichen muss, weiß die Erzieherin aus Gesprächen mit Städtern, die aufs Land ziehen wollen. „Die fragen dann in den einzelnen Gemeinden nach, wo es für ihre Kinder entsprechende Betreuungsplätze gibt.“

Gils Geheul schreckt alle auf. Er ist mit einem Stuhl umgefallen und hat sich dabei den Finger leicht gequetscht. Diana Volz setzt den Kleinen auf ihr Knie und bläst das Händchen. „Heile, heile, Segen, . . .“ und wie durch ein Wunder verfliegt der Schmerz. Die alten Zauberformeln wirken immer noch.

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