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Hüten, baden, scheren Schäfer sind keine "Schippenloiner"

"Du hättest Schäfer werden sollen, dann hättest du dich den ganzen Tag aufs Schäufele lehnen können." Dass dieser Vorschlag nicht der Wahrheit entspricht und Schäfer nicht als "Schippenloiner" ihr Dasein fristen, das bewiesen die Schäfertage im Freilichtmuseum. Schafe hüten, Schafe scheren und Schafe baden stand auf dem Programm Beschäftigungen, die kräftezehrend und zeitaufwändig sind und ganz bestimmte Fertigkeiten erfordern.

UTE FREIER

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BEUREN Mit geschicktem Griff packte Schäfermeister Dieter Hertler das große Schaf, sodass es lammfromm in seinem linken Arm hing, während er mit der rechten Hand die Schur durchführte. Vom Kopf abwärts befreite er das Tier mit Hilfe eines elektrischen Scherapparats von seiner schweren Wolle. Zuerst fiel die weniger wertvolle Kopfwolle, dann rollte das Vlies am Stück zu Boden. In wenigen Minuten war der Vorgang beendet, und das Schaf verließ nackt, aber unverletzt die Schurbank. Beim Scheren darf der Scherer nicht nervös werden, er muss "Tierverstand" besitzen, denn nur so kann er verhindern, dass das Tier zu zappeln beginnt oder gar die Flucht ergreift. Eine Erfahrung, die der Scherer erst nach jahrelanger Ausübung seines Handwerks besitzt, weshalb viele Schafhalter ihre Schafe nicht selber scheren, sondern eine Schurkolonne kommen lassen.

Eine Arbeit, die bei der Wanderschäferei das ganze Jahr über anfällt, ist das Hüten, wobei die Hütehunde eine wichtige Rolle spielen. "Lie down!" Aufs Wort folgten die schwarz-weißen Border Collies dem Befehl des Schäfers Erich Ruoss, warfen sich blitzschnell zu Boden, verharrten regungslos, ließen aber die Schafe keine Sekunde aus den Augen, jagten beim nächsten Befehl oder Pfiff wieder blitzschnell in großem Bogen um die Herde herum, die sie in einen Pferch zu treiben hatten. "Die Hunde sind daran gewöhnt, auf englische Anweisungen zu hören. Das haben sie bei der Ausbildung gelernt. Die Befehle können auch mit einer Schafpfeife gepfiffen werden", informierte Erich Ruoss die Zuschauer. So wissen die Hunde, dass sie sich bei "lie down" hinlegen, bei anderen Befehlen rechts oder links um die Herde herumkreisen müssen. Unbedingter Gehorsam der Hunde und eine spezielle Ausbildung sind Voraussetzungen dafür, dass ein Schäfer seine Hütehunde sinnvoll einsetzen kann.

Selbst Hand anlegen muss der Schäfer bei den Schafen allerdings beim jährlichen Baden, die in einer mobilen Badeanlage einmal untergetaucht werden. Schädlinge wie Läuse und Milben, die sich im Fell eingenistet haben und der Gesundheit der Schafe schaden, werden so beseitigt. Denn die Tiere vor Krankheiten zu schützen, ist ebenfalls eine wichtige Aufgabe des Schäfers.

Das Schneiden der Klauen kann beispielsweise die gefürchtete Moderhinke verhindern, für die allerdings nicht alle 280 Schafrassen, die es weltweit gibt, gleich anfällig sind. Denn "Schaf ist nicht gleich Schaf", erklärte Dr. Gerhard Fischer, ehemaliger Zuchtleiter des Landschaftszuchtverbands Baden-Württemberg, bei der Schafrassenschau. "Bergschafe sind sehr trittsicher und werden zweimal pro Jahr geschoren. Das Merinolandschaf aber hat härtere Klauen, ist sehr widerstandsfähig und dadurch für die Wanderschäferei ideal." Ein Grund, warum Merinolandschafe in Baden-Württemberg rund 70 Prozent des Gesamtbestandes ausmachen.

Wie diese Tiere aussehen und sich verhalten, konnten Besucher hautnah auf dem Gelände des Freilichtmuseums beobachten, wo mehr als 200 Merinolandschafe unter der Obhut ihres Besitzers Walter Hartlieb aus Balzholz weideten. Er ist einer der rund 4 500 Schafhalter, die in Baden-Württemberg die Schafzucht als Hobby betreiben, was bedeutet, dass sie nur wenige Tiere halten. "Ich habe mit einem Schaf angefangen", erzählte Walter Hartlieb, "heute habe ich 220 Muttertiere. Ich setze die Tiere als Landschaftspfleger ein beim Abweiden von Streuobstwiesen und halte sie wegen des Fleisches." Seit 1990 sind die Preise für Wolle so drastisch gefallen, dass der Gewinn aus dem Verkauf nur noch die Kosten für das Scheren deckt.

Dass dennoch Produkte aus Schafwolle hergestellt werden, zeigten die auf dem "Schäfermarkt" angebotenen Waren wie Pullover, Filzpantoffeln und Filzhüte. "Der hält Regen und Schnee ab", stellte der pensionierte Schäfer Wilfried Schuster aus Malmsheim die Vorzüge eines "Augsburger Schäferhuts" vor, der selbstverständlich aus gepresster Schafwolle besteht.

Ein weiteres unerlässliches "Accessoire" eines Schäfers konnte ebenfalls an seinem Stand erworben werden: die Schippe. Am unteren Ende eines langen Stiels, häufig aus Schwarzdorn oder Haselnuss, ist eine herzförmige kleine Schaufel mit Fanghaken angebracht. "Mit so einer Schippe kann man Disteln ausstechen auf den Weiden", erklärte Schuster. Denn Schafe fressen die stacheligen Disteln nicht; liegen die Disteln jedoch eine Zeitlang auf dem Boden, werden sie weicher und sind für die Tiere verträglicher. Außerdem wird die Schippe eingesetzt beim Einfangen von Tieren mit Hilfe des Fanghakens und beim Dirigieren der Tiere, die rechts und links des Wegs auf eingesäten Feldern nach Futter suchen: Man nimmt etwas Erde auf mit der Schaufel und wirft nach den Schafen. "Und man kann sich auf so einer Schippe abstützen beim Hüten", erläuterte Schuster.

Was ein Schäfer außerdem braucht, das zeigte die Musikgruppe "O'gwieß" aus Neidlingen: Gummistiefel gegen die Nässe, ein graues knielanges Hemd zum Schutz der Kleidung und früher, als es weder Handy noch CD-Player gab, Musikinstrumente zur Unterhaltung: Maultrommel, Schalmei, Drehleier und Sackpfeife, die auch als Dudelsack bezeichnet wird.

Gespielt wird dieses traditionsreiche Schäferinstrument heute noch bei den vier großen Schäferläufen in Baden-Württemberg in Markgröningen, Wildberg, Bad Urach und Heidenheim.