Lokales

„Hund und Katz“ bei Kindern sehr beliebt

Tag des Denkmals steht unter dem Titel „Historische Orte des Genusses“

Lenningen. Ein Tübinger Student wundert sich bei seinem Besuch in Oberlenningen: „So klein sind ,Hund und Katz‘?“ Zu einer Steinplastik auf

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Erika Hillegaart

der Garteneckmauer des ehemaligen Lehrerhauses am Heinrich-Scheufelen-Platz zog es ihn als kleinen Buben magisch hin. Seit einem Dreivierteljahrhundert ist das ein Lieblingsplätzle für Kinder.

„Historische Orte des Genusses“ ist heuer das Motto des Denkmaltags am kommenden Sonntag, 13. September. Vielfältige Möglichkeiten erschließen sich mit diesem Thema den Veranstaltern. In Lenningen lädt der Förderkreis Schlössle Jahr für Jahr ein, im „historisch gewachsenen Ortskern“ Gebäude, Brücken, Brunnen, Plätze, öffentliche Parkanlagen und Kleindenkmale neu zu sehen und so ein Gespür für ortsbildgerechte Erneuerungen zu bekommen.

Kinder sind entdeckungslustig und finden ihre Lieblingsplätze. Die nennen sie nicht „Orte des Genusses“, sondern gleich beim Namen. Sie wollen beim Schneckenbrunnen ins Wasser langen, beim Auwehr die Wassertreppe für die Fische sehen, die eingemauerte Ofenplatte beim Gang zum Schlössle bewundern oder den Reim bei der alten Steinbrücke zur Hofstraße hören. Und die „Dreikäsehochs“ wollen beim Heinrich-Scheufelen-Platz auf den Hund oder die Katze sitzen.

Vor rund 75 Jahren wurde das denkmalwürdige Architekturensemble mit der Turn- und Festhalle, dem Gemeindehaus in der Tobelstraße und den Albert-Eitel-Häusern um den großzügig angelegten Platz mit dem Lehrerhaus erweitert. „Kunst am Bau“ war dem Kunstkenner und Förderer Heinrich Scheufelen stets ein Anliegen. Er hatte den Stuttgarter Bildhauer Professor Josef Zeitler (1871 – 1958) gebeten, für die Eckmauer am Lehrerhaus eine Kleinplastik zu entwerfen. Einige Jahre zuvor hatte Zeitler die Gedenktafel für die Gefallenen des ersten Weltkrieges im Vorraum der Sankt-Martins-Kirche gestaltet. Hier an diesem Ort für „Sport und Spiel“ sollte es lustiger sein, so vergnüglich heiter wie das Sandsteinrelief über dem Eingangsportal des Gemeindehauses mit spielenden Kindern oder wie der „Hans-im-Glück-Brunnen“ in der Stuttgarter Altstadt. Die Kleinskulptur hatte 1 200 Reichsmark gekostet. Heinrich Scheufelen schrieb im Frühjahr 1936 an Josef Zeitler nach einem Atelierbesuch über die Plastik: „Sie ist sehr schön ausgefallen und macht viel Freude.“

Überall in Stuttgart „zieren seine Werke Schlachthaus, Staatstheater und Schulen, Kunstgebäude, Markthalle und Kirchen“, war anlässlich seines 50. Todestages in der Stuttgarter Zeitung zu lesen. In Württemberg und in ganz Deutschland sind seine Werke zu finden. Der Sohn eines Kunstschreiners hat das Schreinern und Drechseln gelernt; auch als Steinmetz und Bildhauer hat er sich handwerkliche Fähigkeiten erworben. In München erhielt er seinen ersten Auftrag von Sebastian Kneipp höchstpersönlich und machte sich danach auf die Wanderschaft nach Paris. Dort traf er den berühmten Bildhauer Auguste Rodin. In Berlin habe er ein Denkmal von Kaiser Wilhelm II. „mache dürfe“, sei dann nach Stuttgart gekommen und mit Aufträgen überhäuft worden. Von 1922 bis 1937 war Josef Zeitler Professor an der „Höheren Bauschule“, der heutigen Hochschule für Technik. Einer seiner Schüler war der Schwäbisch Haller Bildhauer Ulrich Henn. Dessen Frühwerk sind die spielenden Brunnenbuben auf dem Oberlenninger Rathausplatz. Im Krieg war Zeitler einige Jahre Vorsitzender des Stuttgarter Künstlerbundes. Als Architekturbildhauer wurde er häufig von dem Architekten und Städteplaner Theodor Fischer eingesetzt. Auf dem Degerlocher Waldfriedhof ist Josef Zeitler beerdigt worden. Dort steht sein Brunnen „Die Jungfrau mit den Tränenschalen“.

Josef Zeitler hat die Symbolsprache geliebt und sie in verständliche Bildwerke übertragen. „Hund und Katz“ spielen mit einem Ball. Viele Kinderhände haben über dessen Rund gestreichelt. Die einst helle Sandsteinplastik hat die Patina der Jahre bekommen; der Katze fehlt ein Ohr.

Der Student hebt seinen jüngsten Vetter auf die Katze, dann gehen beide über den gepflasterten Platz, der zum „historisch gewachsenen“ Ortskern gehört, vorbei an der denkmalwürdigen Turn-und Festhalle. Deren Giebelfront ist mit der Plastik „Die Wahrheit“ des Stuttgarter Bildhauers Ulfert Janssen (1878 – 1956) geschmückt. Dieses hehre Kleindenkmal haben die beiden nicht im Blick an diesem sommerlichen Tag. Sie gehen zu ihrem anderen Lieblingsort, dem danebenliegenden Freibad.

Der Student aber wird, nach Tübingen zurückgekehrt, aufmerksam den Bonatzbau der Universität mit den zwölf Porträt-Medaillons berühmter europäischer Geistesgrößen aufmerksamer betrachten. Denn der Professor für Architekturgestaltung, Ulfert Janssen, hat auch sie geschaffen, wie den Ceresbrunnen in Stuttgart und die Plastiken am Johannes-Kepler-Gymnasium in Bad Cannstatt. Das ist ein Eisenlohr-Bau wie die alte Oberlenninger Schule im Heerweg. Sie war sicher nicht für alle ein „Ort des Genusses“, wohl aber bis heute „ein Genuss des Ortes“.

Oberlenningen erinnert am „Tag des Denkmals“ auch an jene Baukunst der „Stuttgarter Schule“, die hier in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dank großzügigen Mäzenatentums entstanden ist. Der Förderkreis Schlössle lädt am Sonntag nicht nur zum Haus- und Museumsbesuch ein, sondern auch an diesem historischen Ort Kaffee und Kuchen zu genießen.