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"Hunde müssen die besseren Menschen sein und alles lieben"

KIRCHHEIM Wer es wagt, Blackys Familie zu besuchen, muss zuerst einmal an ihm, dem pflichtbewussten Torwächter, vorbeikommen. Da der lebhafte Jack-Russel-Mischling lange Zeit der Auffassung war, der Chef im Hause zu sein, sah

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IRIS HÄFNER

er es folgerichtig als seine Aufgabe an, sein Rudel vor bösen Eindringlingen zu beschützen. Das macht man als relativ kleiner Hund vor allem mit großem Radau und entsprechender Gestik: nicht enden wollendes Gebell und Zähnefletschen. Dieses Gebaren ist zwar für viele eindrucksvoll, auf Dauer ging dies jedoch Blackys Frauchen gewaltig auf die Nerven.

Die Hundebesitzerin engagierte deshalb Ingrid Schwämmle, Dog-Scout aus Lindorf. Hunde-Lotsin so ähnlich könnte die Berufsbezeichnung übersetzt werden. Klare Regeln bestimmen nun den Alltag von Blacky, es gibt Rituale und ohne Konsequenz läuft gar nichts. "Ich hatte Schweißausbrüche, sobald die Glocke ging. Der Hund kläffte wie wild, rannte mit zur Tür und verbellte jeden, der mit mir sprechen wollte", erinnert sich Heidrun Schäufele. Blacky hatte vor dem Besuch der Hundetrainerin bei seiner Familie alle Freiheiten dieser Welt. Diese wurden ihm nun stark eingeschränkt und zudem klare Grenzen gesetzt. "Junge, jetzt läuft's anders das muss dem Hund klar sein", bringt Ingrid Schwämmle das Erziehungskonzept auf den Nenner. Wie es einen "Strafplatz" gibt, muss es auch eine Stelle im Haus geben, wo er sich wohl fühlen kann und seine Ruhe hat. Angst ist das Hauptproblem von Blacky. Um es in den Griff zu bekommen, werden angstmachende Situationen immer wieder herbeigeführt und daraufhin die Lösung eingeübt.

Blacky und seine Probleme sind kein Einzelfall. Immer häufiger treten Schwierigkeiten mit und zwischen Vierbeinern auf. Fernsehsendungen zu diesem Thema schießen fast schon wie Pilze aus dem Boden. Als eine Ursache nennt Dr. Ursula Breuer, Tierärztin und Tierverhaltenstherapeutin aus Ostfildern, die Entfremdung des Menschen von der Natur. "Der Besitzer muss einfach akzeptieren, dass der Hund ein Hund ist. Er kann keinen Partner, kein Kind ersetzen", stellt sie klar. Die Entfremdung mit der Natur macht Dr. Breuer auch für das entgegengesetzte Problem verantwortlich: dass viele Menschen Hunde total ablehnen. "Die Rettungshunde sind zwar die Guten, weil sie Menschen retten aber nur so lange sie als solche erkennbar sind", sagt die Expertin.

Zudem sind die Anforderungen an den Hund in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. "Die Hunde müssen die besseren Menschen sein. Sie müssen alles lieben: Katzen, Kinder oder fremde Leute, die in ihr Territorium eindringen. Außerdem müssen sie sich auch alles gefallen lassen", zeigt Ursula Breuer die Schwierigkeit auf.

Dabei verhält sich der Hund nur seinen Genen, seinen oft über jahrhunderte angezüchtete Rasseeigenschaften entsprechend. "Viele Rassen passen in unseren Lebensraum nicht rein. Einen türkischen Herdenschutzhund können sich nur solche Menschen halten, die wirklich am Ende der Welt wohnen", so Dr. Breuer. Beispielsweise ist der Modehund Border-Collie ihrer Meinung nach weit mehr als nur ein Familienhund. "Wenn ein Züchter behauptet, der Border sei der ideale Familienhund, ist das falsch", so ihre klare Aussage. Diese Tiere, regelrechte Vollblut-Hütehunde, müssen mehrere Stunden am Tag beschäftigt werden, um ihrem Temperament und ihrem Anspruch gerecht zu werden. Wer jetzt meint, mit einem kleinen Hund nichts falsch machen zu können, irrt sich gewaltig. "Wer sich einen Jack-Russel-Terrier zulegt muss wissen: das ist ein Rattenfänger und Fuchskiller", beschreibt Ursula Breuer diese Energiebündel.

Damit wird klar: Vieles ist bei Blacky rassebedingt, wobei nur eine Rasse klar definiert werden kann, da der Vater unbekannt ist: Jack-Russel-Terrier. "Das sind Solitärkämpfer von klein auf", charakterisiert Ingrid Schwämmle die Spezies. Diese Eigenschaft muss deshalb allen vier Familienmitgliedern Schäufele klar sein. "Wir erinnern uns: auch Blacky hat etwas rauere Umgangsformen", sagt die Hundetrainerin im Zusammenhang mit Erziehungsmethoden.

Bevor Ingrid Schwämmle jedoch Ratschläge erteilt, macht sie sich vor Ort ein Bild von der Situation und beobachtet das Verhalten von Tier und Besitzern. In einem Gespräch werden die wichtigsten Fragen geklärt, beispielsweise wie alt der Hund ist oder ob er aus dem Tierheim kommt. Einige Tage nach dem Besuch erhalten die Hundebesitzer dann einen Bericht. Die Probleme sind erörtert und es gibt konkrete Lösungsvorschläge.

"Es geht darum, sich als Mensch interessant zu machen interessanter als alles andere", sagt Ingrid Schwämmle. Bei diesem "Spiel" ist alles erlaubt, was hilft. "Ich bin immer mit Saitenwürstchen unterwegs, egal, ob ich zum Tierarzt gehe oder wandere", verrät Heidrun Schäufele. Andere Hundebesitzer haben dank eines Balles die volle Aufmerksamkeit ihres Tieres. Mit diesen Tricks entsteht eine enge Bindung zwischen beiden.

Doch nicht nur für den Jack-Russel-Mischling ist es wichtig, Aufgaben gestellt zu bekommen, die ihn auch geistig fordern. Alle Hunde sehnen sich nach Abwechslung und Aufgaben. Dies bieten auch die Hundesportvereine mit ihren ehrenamtlichen Mitgliedern sowie Hundeschulen. Hier erhalten die Besitzer wertvolle Tipps zur Erziehung ihres neuen Familienmitglieds.

Meist knüpfen Herrchen oder Frauchen erst dann Kontakte zu den Vereinen, wenn sie Probleme mit ihren Hunden haben. "Beim Kauf einer Waschmaschine oder einem Auto informieren sich die Leute lange im Vorfeld, holen Angeboten ein und prüfen sie. Beim Kauf eines Hundes ist dies erstaunlicherweise so gut wie nie der Fall und dabei handelt es sich um ein Lebenwesen", wundert sich Nelly Deuschle vom Verein für Deutsche Schäferhunde in Kirchheim, Ortsgruppe Jesingen. In vielen Fällen würden sich die Menschen spontan für einen Hund entscheiden, entweder, weil die Kinder diesen Wunsch äußern oder ihnen eine Rasse gefällt. "Nicht selten haben die Leute den Hund aus dem Tierheim oder bringen aus Mitleid einen aus dem Urlaub mit. Die Vorgeschichte ist bei diesen Tieren meistens nicht bekannt und zudem handelt es sich auch noch um den ersten Hund", so die Erfahrung von Nelly Deuschle. In solch einem Fall ist der Hund erstmal Nebensache. "Wir machen dann sozusagen Menschenkurse statt Hundeschule", beschreibt die Ausbilderin ihre Vorgehensweise. Während der ersten Stunden wird den Hundebesitzern erst einmal klar gemacht, welche Bedürfnisse ein Hund hat und mit welchen rassebedingten Eigenschaften man zu rechnen hat. "Manche Besitzer meinen doch tatsächlich, dass ein Hund genauso denkt wie ein Mensch", wundert sich Nelly Deuschle immer wieder aufs Neue. So soll sich beispielsweise ein Hund seinem Besitzer gegenüber dankbar zeigen, denn schließlich hat er ihn aus dem Tierheim befreit genau so funktioniert es aber nicht.

"Den Kasernenton gibt es bei uns auf dem Platz nicht", verspricht die Trainerin. Spielerisch sollen die Hunde in den Welpen- und Junghundekursen die Grundregeln der Erziehung lernen. Der Besitzer erhält dabei Tipps von den Ausbildern und kann sich mit Gleichgesinnten austauschen. Wer danach keine Lust auf die Begleithundeprüfung hat, kann sich mit seinem Hund beim Agility durch die Hindernisse bewegen oder bei Obedience körperliche und geistige Fitness des Hundes trainieren.

Ein Faktor darf in puncto Kurse zudem nicht unterschätzt werden: Die Vierbeiner können auf dem Platz freundschaftliche Kontakte zu ihren Artgenossen knüpfen und im Spiel artgerechtes Verhalten trainieren eine wichtige Grundlage für Mensch und Tier, damit der Hund das wird oder bleibt, was er schon seit der Steinzeit ist: der beste Freund des Menschen.