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Hungrige Habichte kreisten in der Luft

Wer nicht ein blütenreines Gewissen hat, sollte keinen Streit mit seinem Vermieter anfangen. Diese Erfahrung musste ein Ruheständler aus einer Kreisgemeinde machen. Er hatte es auf eine heftige Auseinandersetzung mit seinem Vermieter ankommen lassen. Der Streit endete damit, dass der Vermieter gegen den Mann Anzeige wegen Verstößen gegen das Natur- und Tierschutzgesetz erstattete.

GÜNTER SCHMITT

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NÜRTINGEN Er war seinem Mieter schon lange auf die verbotenen Schliche gekommen. Der Mann hatte mit einer selbst gebauten Falle Habichte gefangen, sie getötet, präpariert und ausgestopft. Damit das Federkleid der Greifvögel keinen Schaden litt, was bei der Präparation abträglich gewesen wäre, hatte er den Tieren mit eigener Faust die Luft abgeschnitten und sie so einen minutenlangen Todeskampf erleiden lassen.

In der Verhandlung des Falles am Nürtinger Amtsgericht lautete die Anklage auf Verstöße gegen das Naturschutz- und Tierschutzgesetz sowie auf Jagdwilderei in einem besonders schweren Fall. Habichte sind geschützt, weil es sie nicht mehr im Übermaß gibt und weil sie hier zu Lande einen natürlichen Teil der Umwelt bilden. Ganz anders beurteilte der Angeklagte die Situation. Der erfahrene Züchter und Halter von Kunstflugtauben hatte die Erfahrung machen müssen, dass immer mal wieder einzelne Exemplare seiner wertvollen Tauben nicht in den heimatlichen Schlag zurückkehrten. Er ging der Sache nach und hatte als Urheber seiner Verluste bald die Habichte ausgemacht, die im Vorfeld des Jusi ihre Kreise zogen. Federknäuel auf den Feldern ließen keine Zweifel daran, welchem Verhängnis seine schönen Tauben zum Opfer gefallen waren.

Der blutigen Reduzierung seiner Lieblinge wollte der 81-Jährige nicht tatenlos zusehen. Er bastelte sich eine so genannte Lebendfalle. In das eine Abteil setzte er eine seiner Kunstflugtauben, der andere Teil schnappte zu, sobald einer der Greifvögel versuchte, an den lebenden Köder heranzukommen. Das Schicksal der so gefangenen Vögel war, als ausgestopfte Trophäen eine Wand zu zieren.

Vor Gericht präsentierte sich der Angeklagte als verdienter Vogelexperte und Ornithologe. Nicht weniger als acht Jahre hindurch habe er jeden Urlaub auf der Vogelschutzwarte Radolfzell verbracht und dort ehrenamtlich zwischen 3000 und 4000 Vögel beringt. Im Nürtinger Raum habe er sich durch mindestens 200 Vogelführungen einen Namen gemacht. Für die Vogelwelt habe er weder Zeit noch Kosten gescheut. Zum Dank müsse er sich nun vor Gericht verantworten.

"Frau Vorsitzende", rief er empört in den Gerichtssaal, "wo bleibt denn da die Gerechtigkeit!" Das Wort Respekt kenne heutzutage offenbar niemand mehr. "Sie", rief er Richterin Sabine Lieberei zu, "Sie könnten doch meine Tochter sein!" An die 40 Tauben seien ihm abhanden gekommen, was ihn um 500 Euro ärmer gemacht habe. Allenfalls habe er mal mit Platzpatronen Habichte oder Wanderfalken verscheucht, wenn sie seinen Tauben zu nahe gekommen seien. Und die Falle habe erst recht zu nichts anderem als dem Ziel gedient, orientierungslose Tauben wieder einzufangen.

Nie im Leben habe er einen Hass gegen Greifvögel gehegt. Gewisse Verletzungen an seinen Händen rührten nicht von scharfen Habichtkrallen oder Schnäbeln, sondern von den Dornen einer Brombeerhecke, in die er bei der Bergung einer verirrten Taube habe greifen müssen. Doch die Aussagen der sechs Zeugen, die das Gericht hörte, wollten ganz und gar nicht dem Bild entsprechen, das der Angeklagte von sich selbst entworfen hatte. Sie machten zum Teil erheblich belastende Angaben. So habe sich der Angeklagte unter dem Decknamen "Schwarze Amsel" einmal telefonisch gebrüstet, sieben bis acht der auch durch EU-Recht geschützten Greifvögel getötet und in den Wald geworfen zu haben. Von einem anderen Zeugen war zu hören, er habe in vier Fällen je einen toten Habicht im Kofferraum des Angeklagten gesehen. Für den Besitzer eines Schlages voller Kunstflugtauben war das alles Lug und Trug. Man wolle ihm um jeden Preis eins reinwürgen. Hier sei Neid, Missgunst und Rache im Spiel. Man solle ihm einen einzigen Mann zeigen, der sich wie er um die Vogelwelt verdient gemacht habe.

Die Staatsanwältin fand die Beweislast erdrückend und beantragte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Die Verteidigerin verwies auf die Unbescholtenheit ihres Mandanten. (Er ist in seinem ganzen langen Leben nicht einmal straffällig geworden) und konnte sich gut vorstellen, dass der 81-Jährige mit seiner Falle tatsächlich nur seine eigenen Tauben wieder habe einfangen wollen.

Richterin Sabine Lieberei verurteilte den Mann zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und einer Geldbuße von 1000 Euro. Der Angeklagte habe mit seiner Bemerkung, dass man heutzutage "viel zu viel Raubzeug" gewähren lasse, indirekt selbst seine Schuld eingestanden. Der Mann ist mittlerweile umgezogen und wohnt jetzt in einer Gemeinde auf der Alb. Vielleicht kreisen dort weniger Habichte in der Luft und suchen nach leichter Beute.