Lokales

Hymnen auf Kirchheim – unzensiert

Teilnehmer des vierten Kirchheimer „Jes“-Projekts wurden im Rathaus ausgezeichnet

Sie besingen schöne Gärten und kleine Gassen, die Landschaft oder die lokalen Festlichkeiten im Jahreslauf – und trotzdem geht es weder um mediterrane Gepflogenheiten noch um einen Folklorenachmittag für Senioren: Vielmehr handelt es sich um Jugendliche aus Kirchheim, die ihre Heimatstadt besingen. Dafür wurden sie nun im Rathaus ausgezeichnet.

Andreas Volz

Kirchheim. „Jugend engagiert sich“ oder kurz „Jes“ heißt die Initiative, die seit 2001 in ganz Baden-Württemberg rund 6 000 junge Menschen dazu gebracht hat, sich in kleineren, überschaubaren Projekten sozial, kulturell oder ökologisch einzusetzen. Die finanzielle Unterstützung kam von der Landesstiftung, die „Jes“ noch einmal bis 2008 verlängert hat. Inzwischen ist das gesamte Projekt zwar auf Landesebene ausgelaufen, aber drei Dutzend baden-württembergische Städte und Gemeinden wollen „Jes“ in Eigenregie weiterbetreiben. Diese Städte können sich seit Anfang Dezember als „Jes-Kommunen“ bezeichnen. Das entsprechende Schild prangt demnächst am Kirchheimer Rathaus.

Die Stadt Kirchheim hat nun auch ihrerseits zehn junge Kirchheimer ausgezeichnet, die sich am vierten „Jes“-Projekt in Kirchheim beteiligt hatten. Der Titel dieses Projekts lautete im zeitgemäß klingenden Jargon „My City – mein Lied für Kirchheim“. Zwei sehr unterschiedliche Gruppen von jungen Menschen im Alter von 13 bis 27 Jahren haben sich der Aufgabe gestellt, einen Text über Kirchheim zu verfassen, ihn anschließend unter Anleitung des schwäbisch-chilenischen Künstlers und Liedermachers Sergio Vesely zu vertonen und das ganze Lied schließlich noch im Tonstudio aufzunehmen.

Begleitet wurden die Gruppen von Bürgermentor Tilman Walther und Pastoralreferent Wolfgang Müller. Tilman Walther ist im Rückblick immer noch begeistert, wie aus anfänglichen Ideen tatsächlich Lieder wurden, die sich hören lassen können. Und besonders freut er sich darüber, dass völlig unerwartet noch ein drittes Lied zustande kam. Das Projekt hat also bereits seine Wirkung über das eigentliche Ziel hinaus entfaltet. Beim dritten Lied steht Kirchheim nämlich nicht mehr im Mittelpunkt. Vielmehr ist Kirchheim bei dieser sehnsuchtsvollen Ballade nur noch die Kulisse einer zu Ende gegangenen Liebesgeschichte, die allenfalls noch im Traum ihre Fortsetzung findet.

In den beiden anderen Liedern dagegen wird Kirchheim direkt besungen – im einen Fall von „Proud Mary“, der Jugendband der katholischen Kirchengemeinde Maria Königin, und im anderen Fall von einer Gruppe, die sich speziell zu diesem Zweck zusammengefunden hat. Die Jugendlichen vertreten unterschiedliche Schularten und kommen außerdem aus lauter unterschiedlichen Ländern: aus Deutschland, Portugal, der Türkei und dem Libanon. Für Pastoralreferent Wolfgang Müller ist die wesentliche Gemeinsamkeit dieser Jugendlichen ihre Heimatstadt Kirchheim, mit der sie sich identifizieren und die sie deshalb auch besingen.

Die Texte aller drei Lieder sind für Wolfgang Müller vor allem deshalb etwas Besonderes, weil sie „authentisch“ sind und unzensiert zum Ausdruck bringen, was Jugendliche denken, was sie bewegt und wie sie die Welt sehen. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker freut sich ebenfalls über diese Texte, auch oder gerade weil sie nicht unbedingt sämtliche Ideale der Tourismuswerbung berücksichtigen. So besingt das Lied „Biberschwanz und krumme Welt“ durchaus auch unangenehme Dinge wie schlechtes Wetter, Baustellen oder Hundehäufchen – letzteres sogar in drastischeren Worten. Und bei „Kirchheim lebt“ wird am Ende die günstige Verkehrsanbindung der Stadt gepriesen, weil sie den Vorteil bringt, dass man „schnell weg“ ist.

Alle drei Lieder sind auf einer CD zu hören, die es bislang aber nur in sehr begrenzter Auflage gibt. Live werden die „Lieder für Kirchheim“ übrigens am Samstag, 16. Mai, zum Präsentationstag „Ehrenamtliches Engagement“ gesungen.

Zwei frühere gelungene „Jes“-Projekte in Kirchheim waren 2004 das Fußball-Projekt „Mit Gott nie im Abseits“ sowie 2007 das Projekt „Fair Trade Point – Schülerweltladen“. Lediglich angedacht, aber nicht praktisch umgesetzt wurde 2006 ein Projekt „Schüler fördern ausländische Schüler“. Letztlich aber passt auch die Tatsache dieses „Scheiterns“ zu den Liedern des aktuellen Projekts: Auch in deren Texten soll ja nichts übertrieben beschönigt werden.

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