Lokales

„Ich bin mit mir im Reinen“

Weilheim. Wenn die weißen Nebel durchs Tal ziehen und der junge Wein in den Fässern ruht, ist es in Weilheim guter Brauch, sich auf einen Schoppen zu treffen und das Jahr Revue passieren zu lassen. Bereits 1981 rief Bürgermeister Hermann Bauer in Anlehnung an einen alten Brauch den Zehntweintrunk

nicole mohn

ins Leben, um „Menschen zur Begegnung und zum Gespräch zusammenzuführen, die sich das Jahr über ehren- oder hauptamtlich für das Wohl, die Entwicklung und ein gutes Zusammenleben in unserer Stadt einsetzen.“ Am Freitagabend herrschte bei Weilheims Schultes jedoch etwas Wehmut: Zum letzten Mal begrüßte er als Gastgeber die Gäste in der Limburghalle.

Es war ein entspannter und gut gelaunter Hermann Bauer, der da zu seinem letzten Zehntweintrunk ans Rednerpult trat. „Ich bin mit mir im Reinen“, versicherte er den vielen Gästen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Ehrenamt, die zum geselligen Dämmerschoppen in die Halle geströmt waren. Abzutreten, solange man noch gesund und leistungsfähig ist – das sei immer sein Ziel gewesen. „Auch wenn der eine oder andere sagen wird, ein, zwei Jahre hätte er noch machen können“, so Bauer. Mit fast 37 Dienstjahren sei er zurzeit der dienstälteste Schultes im Landkreis und der insgesamt Dienstälteste der Nachkriegszeit im Altkreis Nürtingen: „Das langt“, meint Bauer und fügt verschmitzt hinzu: „Die USA haben in der gleichen Zeit acht Präsidenten verschlissen.“

Zwei potenzielle Nachfolger hatte der Weilheimer Bürgermeister zum Zehntweintrunk eingeladen: Der Jesinger Ortsvorsteher Johannes Züfle als auch der Ortsvorsteher der beiden Nürtinger Ortsteile Reudern und Raidwangen, Matthias Ruckh, haben ihre Bewerbung bereits in den Ring geworfen. „So haben sie gleich Gelegenheit, die beiden Bewerber schon einmal kennenzulernen“, meinte Bauer pragmatisch. Offizieller Bewerberschluss ist jedoch erst am 5. Januar. „Wir werden sehen, ob sich Weiteres entwickelt“, ist der scheidende Rathauschef gespannt.

Im letzten Dienstjahr hat das Stadtoberhaupt jedoch nicht in Erwartung der Pensionierung die Hände in den Schoß gelegt, sondern noch einmal kräftig angepackt. Wie schon in den Vorjahren hatte dabei das Thema Betreuung und Bildung erste Priorität. Bei den Kindergärten stieg die Zähringerstadt bereits vor acht Jahren in die Ganztagesbetreuung ein, nun sollen die Schulen folgen. An der Limburg-Grundschule sei man seit September mit einer Hortlösung gestartet, die Hauptschule befinde sich im zweiten Jahr eines Probelaufs, der sich gut anlasse. Weil das Thema von immer größerer Bedeutung werde und auch Standortfaktor für die Kommune sei, habe man in der Verwaltung zusammen mit Architekten und Schule im vergangenen halben Jahr „nochmals Gas gegeben“, so Bauer. Schon in der nächsten Woche will er im Gemeinderat die „Konzeption 2013“ einbringen mit einer Lösung für eine Ganztagsschule – von der Planung über den Bau bis zum Betrieb. Auch mit dem Bau der neuen großen Sporthalle und dem Sportplatz schaffe man Voraussetzungen für das Ganztagsschulkonzept, betonte der Schultes.

Zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht ist inzwischen die Sanierung der Stadtmitte. Mit der Erweiterung des Rathauses, der Sanierung des historischen Rathauses, der Umgestaltung des Bertoldsplatzes und die Aufwertung der Lindach habe das „Städtle“ deutlich gewonnen, so Bauers zufriedenes Resümee. Darüber hinaus will man in der Stadtmitte seniorengerechte Wohnungen anbieten.

Zusätzlicher Wohnraum entsteht derzeit auch auf der „Gänsweide“: 80 neue Bauplätze schafft Weilheim hier. „Ein echtes Konjunkturprogramm für Handwerk und Innenausbau“, kommentiert Bauer. Im neuen Wohngebiet „Egelsberg II“ stehen nach Abbruch der Geflügelschlachterei und Erschließung weitere 40 neue Grundstücke zur Bebauung bereit.

Zuwachs erhält auch das Gewerbegebiet. Mit dem Entwicklungsbereich der Firma „Tooltechnik“, die bisher Standorte in Wendlingen und Neidlingen unterhält, erhalte man ein „neues Leuchtturmprojekt“, erklärte Bauer. In punkto Tourismus erhofft sich der Schultes neue Impulse durch das neue Biosphärengebiet „Schwäbische Alb“.

Zu seinem Abschied werde er „ein ordentliches Haus“ hinterlassen, betonte der scheidende Bürgermeister. Sukzessive habe Weilheim seine Schulden abgebaut. Mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von nur 217 Euro liege die Zähringerstadt weit unter dem Landesdurchschnitt. Weilheim könne mit Zuversicht an die neuen Aufgaben herangehen.

In den Fokus rückte Bauer aber auch das vielfältige ehrenamtliche Wirken in der Zähringerstadt. Von der Feuerwehr über das DRK bis hin zu dem neu gegründeten Schulsozialverein, der Seniorenstube und der ehrenamtlichen Musikschule würdigte der Bürgermeister das breite Engagement der Bürger für die Stadt und die Gemeinschaft.

Zusammen mit den vielen Gästen, darunter Landrat Heinz Eininger mit Gattin, die Bundestagsabgeordneten Rainer Arnold und Michael Hennrich sowie die SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Fohler, stieß Bauer anschließend mit Wein aus Weilheim und vom Hohenneuffen an. In der herbstlich geschmückten Limburghalle wid­mete man sich den Rest des Abends, den die Weilheimer Stadtkapelle musikalisch umrahmte, lockeren Gesprä­chen. Als Überraschungsgast sorgte zudem „Pfarrer Brändle“ für schwäbische Comedy vom Feinsten.

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