Lokales

„Ich habe immer gesagt: Bis 75 laufe ich“

Eine Stunde durch das Hohe Reisach – ein Lauf mit Kirchheims schneller Rentnerin Sybille Köber (12)

Kirchheim. „Wie lange ich schon laufe, das weiß ich selbst gar nicht genau“, lacht Sybille Köber bei der

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Irene Strifler

Frage nach den Anfängen ihres Hobbys: „35 Jahre dürften‘s schon sein.“ Damit prägt der Laufsport die Hälfte ihres bisherigen Lebens. „Beim 50. Geburtstag habe ich gesagt: Bis 75 laufe ich“, erinnert sie sich. Drei Jahrzehnte lief sie absolut verletzungsfrei. Erst seit Kurzem spielt das Knie nicht immer mit. – Ein Grund, weshalb sich Sybille Köber unter die Nordic Walker gemischt hat. „Stöckleslaufen, das war nie was für mich, aber jetzt weiß ich, was für eine enorme Entlastung Stöcke sein können“, sagt sie. Den zweistündigen Lauf am Sonntagmorgen mit Freundin tritt sie daher in jüngster Zeit immer mit Stöcken an.

Bei kürzeren Distanzen merkt man der routinierten Läuferin kein Problem an. Punkt 8 Uhr treffen wir uns bei ausgesprochen frischen Temperaturen am Wasserturm, um eine knapp einstündige Runde zu drehen. Besonders früh ist das für Sybille Köber nicht. Oft schnürt sie schon früh um halb 7 die Laufschuhe: „Dann habe ich den Wald für mich allein.“ Eng geht es im Wald auch später nicht zu: Bei unserem gemeinsamen Lauf treffen wir gerade mal eine Handvoll Sporttreibende. Los geht‘s übers Brückle ins Hohe Reisach, immer geradeaus, nach der großen Lichtung kurz nach rechts und dann wieder links, immer bergab Richtung Schlierbach. In der kühlen Morgenluft zeichnet sich unser Atem ab.

Sybille Köber kennt das Hohe Reisach wie ihre Westentasche. „Ich laufe immer hier“, sagt sie. Kein Wunder, – sie wohnt gleich nebenan und ist in ein paar Schritten im Wald. Dennoch kennt die gebürtige Kirchheimerin auch eine Menge Strecken über ganz Deutschland verteilt. Einmal im Jahr nimmt sie mit Freunden an einem Halbmarathon oder einem anderen besonderen Lauf irgendwo in dieser Republik teil. „Das ist ein schöner Anlass, ein gemeinsames Wochenende zu verbringen“, sagt sie. Besonders ansprechend war der Lauf rund um den Schluchsee, aber auch am Brombachsee hat‘s ihr gut gefallen. Wichtig ist ihr das Ambiente, nicht das Kräftemessen: „Ich bin kein Wettkampftyp“ sagt sie von sich.

Beim Lauf durchs Hohe Reisach ist das kaum zu glauben. In ausgesprochen gleichmäßigem Tempo ist Sybille Köber unterwegs, egal ob‘s rauf- oder runtergeht. Am tiefsten Punkt wenden wir uns nach links und laufen dann den Wiesenweg direkt am Wald entlang, leicht bergauf Richtung Wellingen. Nach rechts übersehen wir die Landschaft bis hin zu den Kaiserbergen. Von dort strahlt die Morgensonne zu uns und lässt das Thermometer um gefühlte fünf Grad steigen.

Wie kann man kein Wettkampftyp und trotzdem so fit sein? Ganz einfach: „Ich habe mich immer als Partnerin zur Verfügung gestellt, wenn eine Bekannte für einen Marathon trainiert hat. Dann habe ich mitgemacht“, erklärt Sybille Köber. Ein einziges Mal ließ sie sich dazu verleiten, selbst bei einem richtigen Marathon anzutreten. Das war in Freiburg. „Das ist einfach nichts für mich. Nach einer Runde habe ich mit dem Gedanken gespielt, auszusteigen“, winkt sie ab. Ausgestiegen ist sie natürlich nicht, und zudem hat sie ihr Ziel erreicht: Durchhalten und nicht länger als fünf Stunden brauchen. Durchhaltevermögen ist eine Eigenschaft, die das gesamte Leben der fünffachen Mutter prägt. Wie sonst hätte sich die Lauferei mit ihren Pflichten als Mutter, Mitarbeiterin im Familienbetrieb und engagierte Freie Wählerin im Stadt- und Kreisparlament vereinbaren lassen? – „Beim Laufen habe ich immer den Überblick über anstehende Probleme bekommen“, erinnert sie sich, weswegen sie die Familie gern ziehen ließ. Schließlich wussten sie, dass eine gut gelaunte Mutter zurückkehrt. Im Übrigen haben sich die anderen Familienmitglieder auch dem Sport verschrieben und zeigen Verständnis für Mutters Leidenschaft.

Wir erreichen den Wellinger Kopf und laufen über die Wiese Richtung Waldweg zurück zum Brückle kurz vor dem Wasserturm. Auf den letzten Metern treffen wir jetzt doch einige Leute, sowohl mit und ohne Walking-Stöcke, teils mit Hund.

Das war nicht immer so. Als Sybille Köber vor 35 Jahren mit dem Laufen begann, tat dies noch kaum jemand. „So manch einer hat sicher gedacht: Täte die richtig schaffen, müsste sie nicht im Wald rumrennen“, weiß sie wohl, dass sie mitunter für skeptisches Kopfschütteln gesorgt hat. Erst mit dem Lauftreff kam so richtig Bewegung in den Wald. „Heute kommen zu den regelmäßigen Treffen längst nicht mehr so viele, vor allem an jungen Leuten fehlt‘s“, stellt die lauferfahrene Rentnerin fest. Mag sein, dass heute lieber in Studios trainiert oder aber der Laufsport eher individuell betrieben wird. Sybille Köber hat jedoch selbst erfahren, dass nichts so motivierend ist wie eine Gruppe, mit der man sich fest verabredet: „Da kneift man nicht und drückt sich einfach, da überwindet man den inneren Schweinehund!“

Sie selbst braucht keinen inneren Schweinehund zu bekämpfen. Noch vor 9 Uhr sind wir wieder am Startpunkt zurück. „Jetzt geht der Tag los“, sagt sie. Üblicherweise läuft sie noch eineinhalb Stunden früher, ehe die Enkel zu Besuch kommen. Natürlich könnte sie stattdessen auch ein Stündchen länger im Bett liegen bleiben, räumt sie ein. Aber ein reiner Genuss wäre das nicht: „Da hätte ich ein schlechtes Gewissen.“ – Mit dieser Einstellung dürfte dem Weiterbetreiben des Hobbys Laufen weit über die 75 hinaus wahrlich nichts im Wege stehen.