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„Ich habe mich nicht verbiegen lassen“

Der langjährige Kirchheimer Bundestagsabgeordnete Dr. Anton Stark feiert morgen seinen 80. Geburtstag

Kirchheim. „Anton ist sehr begabt, aber sehr schwierig und schwer zu leiten“, schrieb der Dorfschullehrer dem Bauernsohn Anton Stark ins Abschlusszeugnis der Grundschule

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Frank Hoffmann

und hat damit schon sehr früh einen wesentlichen Charakterzug des späteren CDU-Politikers beschrieben. 25 Jahre vertrat der kantige Christdemokrat den Wahlkreis Kirchheim-Nürtingen im Bundestag und war aufgrund seiner Sachkenntnis allseits geschätzt, ob seiner überaus deutlichen Worte aber auch gefürchtet – beim politischen Gegner ebenso wie bei manchen Parteifreunden. War der promovierte Jurist erst mal in Fahrt, schreckte er auch vor den politischen Schwergewichten in den eigenen Reihen wie Helmut Kohl oder Franz-Josef Strauß nicht zurück. „Ich habe mich nicht verbiegen lassen, weder von oben noch von unten“, blickt Stark recht zufrieden auf sein Politikerleben zurück. Morgen feiert Dr. Anton Stark in Kirchheim seinen 80. Geburtstag.

Eigentlich wollte Stark, fünfzehntes Kind eines Bauern und Dorfbürgermeisters im Ostalbkreis, Pfarrer werden. Nach dem Krieg wechselte er deshalb aufs Gymnasium nach Rottweil und studierte anschließend in Tübingen katholische Theologie. „Nach drei Semestern war mir aber klar, dass ich als Pfarrer nicht geeignet bin“, erzählt Stark. Nach einem kurzen Intermezzo am päda­gogischen Institut in Schwäbisch Gmünd, studierte er in Tübingen und Bonn Jura und promovierte mit einer Arbeit über den Begriff des sozialen Rechtsstaats im Grundgesetz. Seine erste Arbeitsstelle führte ihn zum Landesbauernverband, wo er als Rechts- und Sozialreferent arbeitete. 1961 heiratete er Berta Jenninger, eine Schwester des CDU-Politikers Philipp Jenninger.

Politisch engagierte sich Stark im Ring Christlich-Demokratischer Studenten, später bei der Jungen Union. 1963 wurde er in den Landesvorstand der CDU-Nachwuchsorganisation gewählt und 1964 dann erstmals als Bundestagskandidat im damaligen Wahlkreis Nürtingen-Böblingen nominiert. Im September 1965 startete die bundespolitische Karriere Starks mit einem beeindruckenden Einstiegserfolg: Der damals 36-jährige Newcomer verbesserte das Erststimmenergebnis von 37,9 auf 50,0 Prozent. Insgesamt sieben Mal eroberte Stark das Direktmandat. „Bis auf ein einziges Mal immer mit einem Stimmenanteil von mindestens 50 Prozent“, erzählt er stolz.

25 Jahre und fünf Monate saß Stark für die CDU im Bundestag und hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. Politisches Taktieren war dem kantigen Juristen fremd. „Ich war immer etwas zu offen und zu ehrlich für einen Politiker“, sagt er. Neben der Rechtspolitik zählte die Familienpolitik für den Sohn einer überaus kinderreichen Bauernfamilie zu den Schwerpunktthemen. Stark erinnert sich noch gut an den heftigen Streit ums Kindergeld im März 1989. Vehement focht Stark gegen die eigene Fraktionsspitze und Kanzler Kohl für eine sofortige Erhöhung. Und als Kohl in der fraglichen Fraktionssitzung während Starks Rede missbilligend den Kopf schüttelte, kam der Kirchheimer so richtig in Fahrt: „Langsam wird mir die Arroganz der Macht zu viel“, wetterte Stark, „für den Jäger 90, für MBB und den Airbus und Erich Honecker ist Geld da, aber nicht für die Familie.“ Die Fraktion zeigte sich beeindruckt von Starks Rede: Das Kindergeld wurde erhöht. Und als der bayrische Ministerpräsident und Hobbyflieger Franz-Josef Strauß Mitte 1988 versuchte, Flugbenzin von der Steuer zu befreien, bezog Dr. Anton Stark auch gegen den mächtigen CSU-Politiker deutlich Stellung und bezeichnete später Strauß‘ Forderung als ein „Straußenei, das fast zur Sprengbombe wurde“.

Viele Jahre gehörte Stark dem Rechtsausschuss des Bundestags an, war dessen stellvertretender Vorsitzender und wurde 1983 einstimmig zum Ausschussvorsitzenden gewählt. Auch die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatte sich zuvor mit 206 von 220 Stimmen deutlich für den Schwaben ausgesprochen. „Drei Nein-Stimmen und acht Enthaltungen – das ist für einen, der andere Parteifreunde schon einmal einen ,Seckel‘ heißt, geradezu ein Traumergebnis“, schrieb damals eine Zeitung über Starks Wahl. Wäre Kurt Georg Kiesinger 1969 wieder Kanzler oder Rainer Barzel 1972 nicht mit seinem Misstrauensvotum gescheitert, hätte es vermutlich auch einen Staatssekretär Dr. Anton Stark gegeben.

Mit dem politischen Gegner ging Stark oft hart ins Gericht. Nicht immer blieb die Auseinandersetzung fair und sachlich, wenn er die Grünen etwa als „Schutzpatrone der Chaoten“ bezeichnete, anderseits nahm‘s der CDU-Abgeordnete auch niemanden krumm, wenn er hart angegangen wurde – weder auf der politischen Bühne, noch auf dem grünen Rasen: Der leidenschaftliche Hobbykicker Anton Stark gehörte über 20 Jahre zum festen Stamm der Bundestags-Fußballelf und stürmte auf Rechtsaußen für den FC Bundestag.

Dass Parteifreunde nicht immer Freunde sind, musste Stark gegen Ende seiner politischen Laufbahn erfahren. 1985 machte erstmals ein Gegenkandidat dem „Platzhirsch“ das Revier streitig. Dass mit Elmar Müller ausgerechnet ein Kirchheimer Weggefährte und Wahlkampfhelfer gegen ihn antrat, schmerzte ihn schon, „ist aber längst vergessen und abgehakt“. Bei der Nominierungsversammlung im März 1986 sprachen sich die CDU-Mitglieder für Dr. Anton Stark aus. Es wurde Starks letzte Legislaturperiode. Im März 1989 verkündete er beim Kreisparteitag der CDU seinen Verzicht auf eine weitere Kandidatur, und im Januar 1991 verabschiedete er sich aus der Bundespolitik.

Auch wenn ihm die Politik immer große Freude bereitet habe, sei ihm der Abschied doch relativ leicht gefallen, erzählt er heute. Es war für Stark ein endgültiger Rückzug. Er hat auch in der Partei keine Ämter mehr übernommen und sich voll auf Beruf, Familie und Hobbys konzent­riert. Erst vor vier Jahren hängte er den Anwaltsberuf endgültig an den Nagel. Auch heute noch spielt er einmal pro Woche Tennis, kümmert sich um den schmucken Garten, liest viel und trifft sich mit Freunden zur Skatrunde. „Meine Kinder machen mir ebenfalls große Freude“, sagt der stolze Papa. Die beiden Söhne sind Musiker, eine Tochter ist Juristin, die andere hat als Indologin eine Professur in Chicago.

Nach politischen Persönlichkeiten befragt, die ihn in dem Vierteljahrhundert Bonn besonders beeindruckt haben, nennt Stark Kurt Georg Kiesinger, Ludwig Erhard und Rainer Barzel, aber auch den Sozialdemokraten Herbert Wehner, „seine Offenheit und Klarheit habe ich sehr geschätzt“. Heute sei die Politik nach seinem Eindruck „unpersönlicher und kälter“. Der einzelne Abgeordnete habe deutlich weniger Einfluss. „Zudem hat die große Koalition die politische Lage für den Wähler schwer durchschaubar gemacht. Die einzelnen Parteien zeigen nicht genügend eigenes Profil“, sagt der politische Ruheständler und lehnt sich entspannt auf der Bank in seinem Garten zurück.

In dem großzügigen Garten wird morgen auch im Familien- und Freundeskreis der runde Geburtstag gefeiert.