Lokales

"Ich kam in meinem Leben einfach nicht vor"

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Al-Anon ist eine weltweite Gemeinschaft von Verwandten und Freunden von Alkoholikern. In Meetings sprechen sie über die Probleme des Alkoholismus und ihre Erfahrungen. Seit 40 Jahren gibt es nun Al-Anon in Deutschland.

Die Kirchheimer Gruppe besteht seit 20 Jahren. Jeden Mittwoch um 20 Uhr treffen sich rund ein Dutzend Betroffene, überwiegend Frauen, in der Kreuzkirche. Viele von ihnen haben mehrere Anläufe gebraucht, um den Weg zu Al-Anon zu finden. "Alkoholismus hat viel mit Geheimhaltung zu tun", erklärt Dunja. Das trifft auf allen Ebenen zu: Alkoholiker gestehen sich selbst ihre Sucht lange nicht ein, ganze Familien versuchen, das Problem unter der Decke zu halten, bewusst oder unbewusst.

Wer zu Al-Anon geht, hat schon einen wesentlichen Schritt geschafft. "Man muss bereit sein, Hilfe in Anspruch zu nehmen, das gilt nicht nur für den Alkoholiker, sondern auch für den Angehörigen", sagt Stefanie. Bei ihren Treffen können die Anwesenden Klartext reden. "Wir sind sicher hier", erläutert Dunja, "denn wir wissen: alles bleibt unter uns und wird nicht weitergeredet." Beruf oder gesellschaftliche Stellung spielen dabei keine Rolle, so wie auch der Alkoholismus in allen Schichten verbreitet ist. Um die Anonymität zu gewährleisten, aber gleichzeitig Vertrauen auszudrücken, sprechen sich die Gruppenteilnehmer ausschließlich mit Vornamen an. Natürlich ist es nicht so, dass außerhalb der Treffen keinerlei Kontakte bestehen. Oft ist die Zeit bis zum nächsten Treffen so lang, dass die Telefondrähte während der Woche heiß laufen.

Das Programm bei Al-Anon basiert auf zwölf Schritten, die von den Gruppen der Anonymen Alkoholiker (AA) übernommen wurden. Sie werden Schritt für Schritt, einen Tag nach dem anderen, angewandt. Gleichzeitig helfen erprobte Slogans wie "Leben und leben lassen" auf dem Weg zur Gelassenheit.

Erzählen und vor allem Zuhören ist bei den Treffen besonders wichtig. "Wir erteilen keine Ratschläge", nennt Anni einen ganz wichtigen Grundsatz. Denn der Drang, zu helfen und Verantwortung zu übernehmen, ist Teil des Problems der Al-Anon-Leute. Das hat sogar schon Isi erfahren, der Teenager in der Runde. Auch sie fühlt sich immer zuständig, wenn beispielsweise Freundinnen in der Patsche sitzen.

Gegen diesen Helferdrang kämpfen die Al-Anons an. "Man muss lernen: Ich bin selbst der Wichtigste in meinem Leben", betont Dunja. Dazu gehört auch die schwierige Lektion, eben wirklich nur für sich selbst verantwortlich zu sein.

Wer zu Al-Anon geht, verändert sich. "Für den Alkoholiker im Haus wird's zunächst unbequemer", erinnert sich Anni an ihre ersten Kontakte zur Gruppe, die sie heimlich knüpfte. Das Prinzip ist "Hilfe durch Nichthilfe". "Wenn wir als Familie nicht mehr mitspielen, verschieben sich zu Hause die Zahnräder", berichtet Dunja. So bringt man keine Weinflasche mehr vom Einkauf mit, deckt nicht mehr Vergehen, die im Rausch entstanden. Zunächst geht es meist bergab. Dunja berichtet, wie sie ihren trinkenden Pflegesohn vor die Tür setzen und quasi verstoßen musste. Dann kam die Wende. Heute ist der junge Mann trocken, das Verhältnis zwischen den beiden ist gut.

Annis Tiefpunkt bestand rückblickend im Auszug aus dem gemeinsamen Schlafzimmer. "Ganz wichtig ist das Loslassen und das Lernen von Gelassenheit", erklärt sie. Gelassenheit als Lebensprogramm vermitteln die Al-Anons, und sie strahlen auch eine Menge Zuversicht aus.

Wer seinen Weg gefunden hat, weiß, dass der Alkoholismus ganze Familien zerstört, aber auch, dass auch ein umgekehrter Weg möglich ist: "Die Genesung zieht ebenfalls große Kreise", betonen die Betroffenen. "Genesung ist, nicht mehr auf eine bessere Vergangenheit zu hoffen", nennt Anni einen wichtigen Al-Anon-Grundsatz. Alle sind sich sicher: Nicht jeder in der Gruppe hat Heilung erfahren, aber Besserung. Typisch für sie scheint auch, dass sich die meisten noch in den bestehenden Partnerschaften befinden. Ziel ist also meist nicht, einen radikalen Schlussstrich zu ziehen, sondern eine Verbesserung für alle zu bewirken. "Dabei muss man viel aushalten", warnt Anni vor überzogenen Erwartungen.

Ideal ist aus Sicht der Betroffenen, wenn eine Familie komplett Hilfe sucht. Der Alkoholiker kann sich an die Anonymen Alkoholiker wenden, der Partner an Al-Anon und die Kinder an Alateen. Isi stammt aus solch einer Familie, der auf verschiedenen Ebenen geholfen wurde. Sie selbst ist bei Alateen aktiv, der Jugendorganisation von Al-Anon. Seit 1957 gibt es Alateen weltweit, seit zwei Jahren in Kirchheim. Die Gruppe ist kleiner als die der Erwachsenen und trifft sich seltener. Das liegt oft daran, dass viele Eltern den Kindern die Kontaktaufnahme verbieten, meist aus Angst. "Wenn Kinder stärker werden, bedroht das die Eltern", erklärt Dunja. Wenn es den Kindern möglich ist, Hilfe zu suchen, sind sie meist dankbar für den Gedankenaustausch. Grundsätzlich dürfen sie auch an den Al-Anon-Treffen teilnehmen und sind nicht auf Alateen-Gruppen angewiesen.

INFOWer sich über Hilfe vor Ort informieren will, der ist beim Informationsmeeting der Kirchheimer Gruppen am Samstag, 15. September, um 15 Uhr in der Kreuzkirche in der Limburgstraße 65 willkommen. Die Al-Anon-Treffen finden außerdem dort jeden Mittwoch um 20 Uhr statt. Das Kontakttelefon lautet 0 70 21/8 58 59. Der Anrufbeantworter nimmt Anrufe entgegen, Rückrufe erfolgen allerdings erst nach den Pfingstferien ab 10. Juni.