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"Ich konnte Abschied nehmen, obwohl wir uns nie gesehen haben"

Richard Haubenestel hat seinen Vater nie kennen gelernt. Als er im April 1945 in Dettingen geboren wurde, war sein Vater seit rund vier Monaten tot. Gefallen für "die Größe und Bestand unseres Volkes und Reichs", wie es in der Mitteilung aus dem Felde heißt. Der Sohn hat jetzt nach langen Nachforschungen seinen "sehnlichsten Wunsch" erfüllt. Er konnte das Grab seines Vaters im lettischen Saldus besuchen.

MANFRED GAISER

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DETTINGEN Es ist gewiss kein Einzelschicksal aus dem großen, sinnlosen Krieg, der die Welt in bislang unvorstellbares Elend und Not stürzte. Aber es ist eben ein ganz persönliches Schicksal. Eine Situation daher, die jeden Betroffenen ein ganzes Leben lang begleiten dürfte.

Die Nachricht vom 28. Dezember 1944, die Emma Haubenestel erhielt, war sicherlich ein Standardbrief. Ein Schreiben, das Millionen Väter, Mütter und Ehefrauen in den zu langen Tagen des Krieges in ähnlicher Form erhalten haben mussten: "Ich habe die Pflicht, Ihnen die traurige Mitteilung zu machen, daß Ihr Ehemann Richard Haubenestel am 27. Dezember 1944 auf dem Brückenkopf Kurland, in höchster soldatischer Pflichterfüllung, getreu seinem Fahneneide, den Heldentod fand."

Der Sohn gleichen Namens, ein grauer Mann von stabiler Figur ist ruhig und nachdenklich, wenn er von seinem "langen Weg" zum Grab seines Vaters spricht. "Als Kind konnte ich mir nie vorstellen, dass ich eines Tages an den Ort kommen könnte, an dem mein Vater beigesetzt ist." Als kleiner Bub hätte er das fehlende Elternteil nicht so sehr vermisst. Seine Mutter hat nicht mehr geheiratet. Eine Tatsache, auf die er heute noch "stolz" ist. Doch mit dem Älterwerden sei halt immer mehr durchgedrungen, dass es eine Lücke gibt. Vor allem, wenn später Kriegsteilnehmer aus der Gefangenschaft zurückkehrten. Und bei den jährlichen Gedenkfeiern zum Volkstrauertag am Mahnmal vor der Dettinger Sankt Georgskirche. "Aber viel geredet wurde darüber nicht."

Es wurde letztendlich der Herzenswunsch, nach dem Grab seines mit jungen 36 Jahren gefallenen Vaters zu suchen. "Es entwickelte sich geradezu ein richtiges Bedürfnis", umschreibt der Sohn seine Gefühlslage, nachdem ihm seine Mutter 1995 den Originalbrief aus dem Felde übergab. Er nahm daher Kontakt auf mit dem Verein Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Denn die in Kassel ansässige Organisation sucht immer noch nach Gräbern von Gefallenen aus dem "Jahrhundert der Weltkriege" und deren Idendität. Sie legte mit vielen Ehrenamtlichen Soldatenfriedhöfe an und pflegt die Gräber und die Anlagen mit erheblichem Aufwand.

Nach Schriftwechsel über mehrere Jahre hinweg führten die Nachforschungen des Volksbundes schließlich zum Erfolg. Richard Haubenestel erhielt die Nachricht über die Grablage seines Vaters in Saldus (Lettland). "Ich habe das mit Erleichterung aufgenommen", sagt der fast 60-Jährige. "Für mich und meine Frau war es dann selbstverständlich, dass wir hinfahren." Es sei in der Umsetzung zwar etwas schwierig gewesen, die Reise nach Lettland zu organisieren, doch der Wunsch wäre gewissermaßen die treibende Kraft gewesen.

Auf dem Soldatenfriedhof erwartete die Haubenestels eine "vorbildlich gepflegte Anlage". 20 000 Tote aus dem Zweiten Weltkrieg haben auf dem weitläufigen Areal ihre letzte Ruhe gefunden. "Wir waren alleine, und das war auch gut so", sagt Richard Haubenestel und wagt kaum seine Gefühle zu beschreiben, als er endlich am Grabstein seines Vaters stand: "Ich konnte nun endgültig Abschied von ihm nehmen. Obwohl wir uns nie gesehen haben."

Richard Haubenestel hat das gleiche Los wie Bundeskanzler Gerhard Schröder zu tragen. Auch dessen Vater ist vor seiner Geburt gefallen. Bis vor wenigen Monaten war nicht bekannt, wo er begraben liegt. In Rumänien wurde die Ruhestätte ausfindig gemacht. Wie die Haubenestels war auch der SPD-Politiker beim Besuch des Grabes ganz alleine. Er hatte sich jeglichen Presserummel verbeten. Doch, schmunzelt Richard Haubenestel, "für den war die Anreise sicherlich einfacher."

Für die Arbeit des Volksbundes ist der zwischenzeitlich in Brucken Lebende "außerordentlich dankbar". "Mich hat die Arbeit des Vereins zutiefst beeindruckt." Die Betreuung der Soldatenfriedhöfe sei hervorragend.

"Es ist gut zu wissen, dass mein Vater auf diesem wunderschönen Friedhof in würdiger Form seine letzte Ruhe gefunden hat". Vor 60 Jahren herausgerissen aus dem aktiven Leben. Ein junger Mann, der durch Befehl, durch Gewalt, durch einen sinnlosen, mörderischen Krieg mit einem Granatsplitter in die Brust hinweggerafft wurde.

INFOVolksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. Spendenkonto: Postbank Frankfurt, Konto 43 00 603, BLZ 500 100 60