Lokales

„Ich will anderen Autisten helfen, dass man sie versteht“

Dietmar Zöllner aus Leinfelden-Echterdingen gibt in Büchern und Manuskripten Einblicke in seine abgeschottete Welt

Dietmar Zöller leidet unter einer schweren Form von Autismus. Der 38-Jährige, der in Leinfelden-Echterdingen lebt, hat in zahlreichen Büchern und Aufsätzen versucht, Einblicke in die abgeschottete Innenwelt autistischer Menschen zu geben.

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Ulrike Rapp-Hirrlinger

Leinfelden-Echterdingen. „Ich weiß manchmal nicht, wer ich bin, aber ich weiß, dass ich etwas zu sagen habe.“ Schreiben ist Dietmar Zöllers Fenster zur Welt: Er kann sich, wie viele Menschen mit autistischer Behinderung, mündlich kaum verständlich machen. Die gemurmelten Laute, die er spricht, versteht nur seine Mutter. In seinem gut bestückten Bücherregal stehen auch sechs eigene Bücher. 300 Seiten Tagebuch enthält sein Computer, zahlreiche Artikel sind von ihm erschienen und etliche Manuskripte warten darauf, gedruckt zu werden.

Dietmar Zöller ist schwer behindert. Ausgelöst wurde sein Autismus durch einen Atem-Kreislauf-Stillstand im Alter von viereinhalb Monaten. Eine Malaria-Erkrankung war in Indonesien, wo die Familie damals lebte, zu spät erkannt und dann mit einer Überdosis Resochin behandelt worden. „Es ist ein Wunder, dass er überhaupt überlebt hat,“ sagt seine Mutter Marlies Zöllner

Sie dolmetscht, was ihr Sohn erzählt. „Stammeln“ nennt er das selbst. Nach einer halben Stunde ist der 38-Jährige erschöpft, muss sich aufs Bett legen. „Das verbessert das Körpergefühl“, erklärt die Mutter. Im Liegen entstehen auch seine Texte. „Wenn ich schreibe, ist alles im Kopf schon fertig“, erzählt er.

Autismus kommt in vielfältigen Formen vor. Dietmar Zöllers Wahrnehmung ist in praktisch allen Bereichen gestört. „Ich kann mich oft nicht spüren und habe das Gefühl zu schweben“, beschreibt er. So wird jede kontrollierte Bewegung zu einem Kraftakt – auch die zum Sprechen nötigen Mundbewegungen. Auch heute noch fällt es ihm schwer, seinem Gegenüber ins Gesicht zu schauen. Zuweilen nehme er andere nur verzerrt oder schemenhaft wahr. Der Mensch zerfalle ihm dann in Stücke.

Die Medikamente, die jahrelang für Erleichterung sorgten, wirken inzwischen nicht mehr. Entspannung bringt der zweistündige stramme Fußmarsch, zu dem ihn Zivi Andreas Müller jeden Tag um 10 Uhr abholt.

„Nichts geht automatisch, deshalb ist alles so anstrengend“, erklärt Dietmar Zöller, dass er etwa beim Tippen auf dem Computer jede Bewegung des Arms und der Hand genau bedenken muss. Mehr als eine halbe Seite am Stück ist da nicht drin. Dass er inzwischen alleine am PC schreiben kann, macht ihn stolz. Beim Schreiben mit der Hand braucht er die Unterstützung seiner Mutter. Die Gymnasiallehrerin hat ihren Sohn schon früh im Schreiben gefördert. Als er die ersten selbstständig formulierten Gedanken aufschrieb, wurde ihr klar, dass ihr Sohn keineswegs geistig behindert ist, wie ursprünglich vermutet, sondern vielmehr eine große Begabung zum Schreiben und für Sprachen hat. Weil sie seine Tagebucheinträge tippte, erfuhr sie viel vom Seelen- und Gefühlsleben ihres Sohnes: „Sonst wäre ich lange im Dunkeln getappt.“

Was in der Schule nicht gelang, bewältigte Dietmar Zöller zu Hause. In Fernkursen eignete er sich den Stoff an, der die Voraussetzung für das ­Abitur gewesen wäre. Sein fotografisches Gedächtnis half ihm dabei. Auch ein Fernstudium in Literarischem Schreiben hat er absolviert und zurzeit paukt er Journalismus. „Ich weiß, es ist Beschäftigungstherapie“, gibt er ein wenig deprimiert zu. Zu selten ergibt sich die Gelegenheit, einen Artikel zu veröffentlichen. „Mein Ziel wäre es, Fachartikel über Behinderungen, soziale und ethische Fragen, aber auch Kurzgeschichten und Reisebeschreibungen zu schreiben.“

Den Traum, ein eigenständiges Leben zu führen, hat Dietmar Zöller begraben: „Ich habe mein Schicksal, die Unvollkommenheit meines Lebens, angenommen.“ Zu dem Bewusstsein, außerordentlich schwer behindert zu sein, kommt aber auch die Gewissheit, Begabungen zu haben: „Ich weiß, dass ich gut schreiben kann und auch etwas zu sagen habe, aber ich weiß auch, dass mich viele Menschen wegen meiner schweren Behinderung nicht ernst nehmen.“ Immer wieder reflektiert Dietmar Zöller sein Leben, seinen Alltag. Zwei Bände mit Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und Gedichten sind 1989 und 1992 im Scherz-Verlag und später als Taschenbücher bei dtv erschienen. Vier weitere Bücher und viele Fachartikel beschäftigen sich mit Autismus.

Darin sieht Dietmar Zöller seinen Beitrag für die Gesellschaft: Um Verständnis zu werben für Menschen mit Autismus und sachliche Erklärungen für deren oft ungewöhnliches Verhalten anzubieten. „Ich will anderen Autisten helfen, dass man sie besser versteht.“ Viele von ihnen seien nicht geistig behindert, könnten sich aber nicht äußern.

„Manchmal hadere ich mit meinem Schicksal, denke daran, was alles aus mir hätte werden können, wenn ich nicht behindert wäre“, sagt Dietmar Zöllner. Trotz der Zeiten, in denen ihn Depressionen überfallen, ist der 38-Jährige ein optimistischer Mensch geblieben: „Ich liebe mein Leben und sehe mehr Chancen als Einschränkungen.“