Lokales

„Ich wollte etwas gestalten und verändern“

Aus der Frauengeschichtswerkstatt: Ursula Schenk für „Die Neuen“ im Gemeinderat

Ursula Schenk, geborene Schöllkopf, wurde für „Die Neuen“ im Jahr 1975 in den Kirchheimer Gemeinderat gewählt. Sie gehörte dem Gremium bis 1980 an. In einem Interview gibt sie ihre Erinnerungen an diese Zeit wieder.

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Renate schattel

Wer waren Die Neuen?

SCHENK: Die Anfänge der Neuen lagen zunächst im Umfeld des club bastion in den Jahren 1969/70. Die Bastion besuchte auch ich gerne. Damals ging es um die Überlassung der Räume in der Bastion für den politisch-literarischen Kreis. OB Kröning hatte dies sehr befürwortet. Als dann in der umstrittenen Eröffnungsveranstaltung mit dem Aktionskünstler Mühl Blut floss, hatte der Gemeinderat beschlossen, dem Club den Keller wieder wegzunehmen. Die Gruppe der Bastionsmitglieder prozessierte dagegen und gewann in zweiter Instanz. Daraufhin entschlossen sich die Mitglieder, selbst in den Gemeinderat zu kommen. Sie wollten Katalysator sein in der Zeit nach dem Aufbruch der revoltierenden 68er. Dr. Jörg Tangl, Arzt, E. O. Kröger, Apotheker, und Klaus Hirsch, Pfarrer, gehörten zu den zwölf Mitgliedern der ersten Stunde. 1971 schafften es Die Neuen mit zwei Mandaten in den Gemeinderat, Dr. Jörg Tangl und Pfarrer Klaus Hirsch. Sie waren angetreten, die verkrusteten Formen in der Kirchheimer Gesellschaft aufzubrechen, um Unruhe zu sein, die für eine positive Entwicklung notwendig ist. Und auch, um jüngere Leute in das veraltete Gremium zu bringen. Wir konnten als Bürgerbewegung unabhängig und ohne Autoritätshörigkeit sein. Wir wollten demokratisch in der Gemeinde mitarbeiten.

Was waren Ihre Beweggründe, zu kandidieren?

SCHENK: Ich war zunächst in der Kirche sehr engagiert, habe 1970 die Kirchheimer Amnesty-International-Gruppe mitbegründet und war im Ausländerausschuss als Beraterin tätig. Dann habe ich im club bastion von Anfang an mitgemacht. Ich wollte etwas gestalten und verändern. Aber wir wurden gerne in die extrem linke Ecke gestellt. Uns wurde großes Misstrauen entgegengebracht, auch durch unsere Bastion-Zugehörigkeit. Die Bastion war damals die „In-Szene“ der Protestbewegung.

1975 sind Sie in den Gemeinderat gewählt worden. Was wollten Sie verändern?

SCHENK: Wir traten an, die Kungelei im Gemeinderat aufzubrechen, denn es gab keinen großen Unterschied zwischen den Fraktionen. In den Parteien saßen jahrzehntelang dieselben Leute.

Haben Sie mit Ihrer Wahl gerechnet?

SCHENK: Der Name Schöllkopf ist in Kirchheim bekannt und traditionell. Eigentlich war das für Die Neuen unpassend. Er mag aber Wähler veranlasst haben, bei mir ihr Kreuzchen zu machen. Richtig gerechnet mit einem Wahlerfolg habe ich aber nicht.

Was sagten Ihre Eltern dazu?

SCHENK: Ich arbeitete damals im Betrieb meiner Eltern mit. Sie fürchteten zunächst um ihren guten Ruf, hatten Bedenken, in was ich da hineingeraten war. Aber als es dann um die Kandidatur und Wahl ging, wollte mein Vater, dass ich gewinne. Er hat seine Meinung revidiert, dass Die Neuen Chaoten waren. Wir haben in der Öffentlichkeit auch klar dargestellt, dass wir keine Vorteile haben, wenn wir im Gemeinderat sitzen.

Wie wurden Sie im Gemeinderat aufgenommen?

SCHENK: Die Alteingesessenen haben bei der ersten Wahl 1971 ziemlich gemauert. Da wurden gute Vorschläge und Meinungen von den Neuen totgeschwiegen und diese auch von wichtigen Informationen abgeschnitten. Als ich 1975 dazu kam, hatte sich die Aufregung gelegt. Für die Fraktion hatten wir viele fachkundige Leute als Berater, ebenso für die moralische Unterstützung. Ich wurde von Anfang an gut aufgenommen, besonders von den Frauen im Gemeinderat.

Wo haben Sie sich besonders eingebracht?

SCHENK: Jeder der vier Räte hatte Spezialpunkte zugeteilt bekommen, um zu recherchieren und sich kundig zu machen. Ich war im Sozialausschuss. Fraktionsübergreifend habe ich mich in die Fraueninitiative zum Thema Kinderspielplätze eingebracht. Frau Köber, Frau Maier, Frau Bodamer und ich haben, auf Initiative von Frau Köber, den Verein Grashopper gegründet. Die Kinderspielplätze waren damals in verheerendem Zustand oder fehlten gänzlich. Die Stadt hatte kein Geld, das zu ändern. Der Verein hat Geld gesammelt und konnte dann unter anderem die zwei Spielplätze am Dettinger Weg bauen lassen, zum Teil in Eigeninitiative. Später haben wir das Spielmobil für das Brückenhaus gekauft. Hauptthema im Gemeinderat war in dieser Legislaturperiode die Einrichtung der Fußgängerzone 1976/77 und die Entscheidung für das Teckcenter mit der Stadthalle. Ich war gegen die Kombination und hätte die Stadthalle gerne separat gehabt. Die Entscheidung für die jetzige Lösung ist mir sehr schwer gefallen.

Warum haben Sie bei der nächsten Wahl nicht mehr kandidiert?

SCHENK: Das hatte familiäre Gründe. Zudem arbeitete ich in dem mittelständischen Unternehmen meiner Eltern mit, das viel Zeit erforderte. Ich denke, Die Neuen haben viel angestoßen, aber mit vier Leuten waren die Einflussmöglichkeiten gering. Bahnbrechend angestoßen haben wir sicherlich die Bürgerbeteiligung, die dann beim Thema Nordwesttangente zum Tragen kam.