Lokales

Idealisten wirken in einem unwirtlichen Gebiet

Weilheimer zu Besuch bei Pater Martin und Schwester Bernardis, die von Karlsruhe aus nach Transkarpatien gegangen sind

Die Ukraine liegt mitten in Europa – rein geografisch gesehen. Von mitteleuropäischen Standards sind das Land und seine Bewohner aber größtenteils noch meilenweit entfernt. Die katholische Franziskusgemeinde aus Weilheim hat Verbindungen zu einer Gemeinde im Westen der Ukraine. Pfarrer Hermann Ehrensperger und Dr. Eberhard Groetschel haben das Land kürzlich bereist.

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Andreas Volz

Weilheim. Die Reise führte für fünf Tage in den Osten und versetzte die Teilnehmer um Jahrzehnte, teilweise sogar um Jahrhunderte in die Vergangenheit zurück. 1 250 Kilometer sind die Weilheimer mit dem Auto in östlicher Richtung gefahren – von Deutschland über Österreich und Ungarn in die Ukraine. Vor 100 Jahren hätte die Reise nur durch zwei Staaten geführt: durch das Deutsche Reich und durch die habsburgische Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Allerdings hätte die Fahrt einst auch länger gedauert als 15 Stunden. So aber gab es jetzt eine Grenze zu überqueren, die damals nicht existierte, als Transkarpatien noch eher unter der Bezeichnung Ruthenien bekannt war und zu Ungarn gehörte.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellt die Grenze zwischen Ungarn und der Ukraine eine gewaltige Zäsur dar. Eberhard Groetschel schildert seine Eindrücke: „In Ungarn ist alles schön. Die Häuser sind gestrichen, die Rasen gemäht. Aber in der Ukraine habe ich mich gefragt, wo ich da wohl gelandet bin.“ Als wirtschaftlich rückständig galt die Region schon immer. Schließlich war sie über Jahrhunderte hinweg ein Spielball verschiedener Mächte, die sich kaum jemals für ihre wirtschaftliche Stärkung interessierten.

Heute stießen die Besucher aus Weilheim immer noch auf große Armut, wie sie in Deutschland schon lange nicht mehr vorstellbar ist. Der erste Tag führte in ein Tuberkulose-Krankenhaus in der Hauptstadt ­Uzhorod. Hermann Ehrensperger hat dort Krankensalbungen vorgenommen und schon allein durch seine Anwesenheit Trost gespendet: „Die Menschen sind dankbar, wenn sie jemand berührt. Da geht es um menschliche Nähe.“ Die Zustände beschreibt der Pfarrer mit deutlichen Worten: „Die Menschen sterben, weil es an Medikamenten fehlt. Mangels Geld und Willen passiert nichts, und vielleicht auch wegen Korruption.“ Hermann Ehrensperger hatte sich vor der Reise mit Ärzten in Deutschland über die Ansteckungsgefahr unterhalten, die durchaus gegeben ist. Und Eberhard Groetschel gibt ehrlich zu: „Menschen mit offener Tb zu begegnen, das erfordert große Überwindung.“

Andererseits gibt es Menschen, die vormachen, dass sie sich sogar dauerhaft überwinden können. Der Kontakt der Weilheimer nach Transkarpatien ist über Pater Martin und Schwester Bernardis entstanden, die vor einigen Jahren vom Herz-Jesu-Stift in Karlsruhe aufgebrochen waren, um sich fortan in der Ukraine in den Dienst der Armen und Ärmsten zu stellen. Pfarrer Ehrensperger bewundert dieses Engagement, umso mehr, wenn er indirekt einräumt, dass er selbst sich das nicht dauerhaft vorstellen könnte: „Es gibt Idealisten, die sagen, sie gehen bewusst in ein unwirtliches Gebiet. Sie sind auf Bitte der Menschen dort, und nicht um zu missionieren.“ Religionen und Konfessionen sind in Transkarpatien ohnehin so bunt vermischt wie die Sprachen und die Nationen.

Hermann Ehrensperger hat unter anderem einen Gottesdienst in deutscher Sprache gehalten. Einige ältere Frauen hätten dabei sogar deutsche Kirchenlieder gesungen. Aber insgesamt gibt es immer weniger deutschstämmige Bewohner im einstigen Ruthenien. „Deutsche, Tschechen, Ungarn – sie alle gehen in ihre ursprünglichen Heimatländer zurück“, sagt Pfarrer Ehrensperger. Eberhard Groetschel sieht darin die besondere Tragik dieser Gegend, zumal auch die Ukrainer ihr Heil in der Auswanderung suchen: „Das Land blutet aus. Alles, was laufen kann, ist schon nach Ungarn oder nach Österreich gegangen.“ Zurück bleiben diejenigen, die nicht mehr fortkommen.

Die Weilheimer haben unter anderem ein Zigeunerdorf bei Uzherod besucht und sind auch dort auf große Armut gestoßen. Hermann Ehrens­perger berichtet von den „Wunschzetteln“ der Dorfbewohner: „Da steht Dachpappe drauf, ein Sack Zement, eine Tür. Andere wünschen sich Wolldecken, Bretter für den Fußboden oder 15 Steine.“ Gemeinsam mit Pater Martin und Schwester Bernardis versuchen die Weilheimer, einen Teil dieser Not zu lindern und solche materiellen Wünsche zu erfüllen. Bargeld dagegen wollen sie lieber nicht verteilen, höchstens wenn es konkret darum geht, einen Krankenhausaufenthalt oder eine medizinische Untersuchung zu bezahlen.

Manche Ursachen für die Armut sind auch in der Mentalität der Menschen zu suchen, haben die deutschen Besucher festgestellt. So sei der Alkoholismus ein großes Problem. Und selbst wenn es Arbeit gibt, dann fehlen mitunter doch die Arbeitskräfte. So habe ein großer Konzern eine Firma aufgebaut, berichtet Hermann Ehrensperger und fügt hinzu: „Aber viele Leute sind nicht willens oder in der Lage, acht Stunden am Tag zu arbeiten.“ Dafür aber sind die beiden Weilheimer auch weiterhin willens, den Menschen in Transkarpatien zu helfen und ihre Not nach Möglichkeit zu lindern, auch mit Unterstützung der Kirchengemeinde: Bereits im vergangenen Jahr waren Pater Martin und Schwester Bernardis zur Urlaubsvertretung für Pfarrer Ehrens­perger in Weilheim und haben zur Unterstützung ihrer Arbeit in der Ukraine Spendengelder erhalten. Am letzten Wochenende im August sind sie wieder in Weilheim und in Zell zu Besuch und berichten von ihrem Alltag mitten in Europa – im Westen der Ukraine.