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Idee des Stadtgründers lag den Kirchheimer Gästen zu Füßen

Gleich zwei Ziele verfolgte die Regionalgruppe des Schwäbischen Heimatbundes bei einer Ganztagesexkursion nach Karlsruhe.

ERICH TRAIER

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KIRCHHEIM Zum einen lockte die Ausstellung "Imperium Romanum" mit dem Untertitel "Römer, Christen, Alamannen Die Spätantike am Oberrhein". Diese sollte als Fortsetzung der im Januar in Stuttgart besuchten Ausstellung die dortigen Erkenntnisse ergänzen und vertiefen. Da diese Ausstellung in den Räumen des Badischen Landesmuseums im Karlsruher Schloss stattfindet, lag es nahe, sich am Nachmittag mit dem Schloss selbst und der Geschichte des badischen Herrscherhauses zu befassen, zumal es dieses Jahr 200 Jahre her sind, dass Baden zum Großherzogtum erhoben wurde.

Die Führung in der Römerausstellung begann dort, wo die Stuttgarter Ausstellung aufgehört hatte, nämlich mit der Zeit der Völkerwanderung. Die Alamannen drangen nach mehreren Vorstößen im Jahr 260 n.Chr. endgültig über den obergermanisch-rätischen Limes und das Römerreich zog seine Grenzen auf die Linie Rhein Iller Donau zurück. Aus den nun folgenden unruhigen Zeiten fallen immer wieder Hortfunde an. Dies sind zum einen Angsthorte. Zum anderen sind es Beutehorte. Münzen aus diesen Hortfunden ermöglichen oft eine recht gute Datierung, Metallgegenstände des täglichen Gebrauchs lassen eine Rekonstruktion des damaligen Alltagslebens zu.

Die Alamannen fanden im Gebiet zwischen Oberrhein und Limes eine gut entwickelte römische Infrastruktur vor, die sie jedoch nicht eins zu eins übernahmen. Besonders die verbreiteten römischen Gutshöfe dienten ihnen eher als Stallung oder Scheunen denn als Bauernhaus. Auch mit der hoch entwickelten Badekultur konnten sie nicht viel anfangen.

Bereits aus dieser Zeit gibt es alamannische Gräberfunde, die durch die Grabbeigaben ein beredtes Zeugnis über die alamannische Kultur der Völkerwanderungszeit abgeben. Frauengräber enthielten vor allem Schmuck wie Nadeln und Fibeln, Armreifen, Glasperlen und Kämme, aber auch Gürtel, die mit Muscheln, Bernstein und Bergkristallen besetzt waren. Bei Fürstinnen gab es dann auch kostbare Ringe und Prunkschnallen. Bei den Männergräbern dominieren die Waffen und Ausrüstungsgegenstände wie Schwerter, Lanzen, Helme und die metallenen Schildbuckel des alamannischen Rundschildes.

Absoluter Höhepunkt der Ausstellung ist der Silberschatz von Kaiseraugst bei Basel. Er wurde vermutlich als Angsthort um das Jahr 350 angesichts eines wieder erfolgten Alamanneneinfalls von seinen Besitzern vergraben. Er umfasst einige Silberbarren, 186 Münzen und 84 Geschirrteile vom Essbesteck bis zu Schüsseln, Schalen und Platten, deren zum Teil feine Gravierungen und Ziselierungen vom hohen Stand des damaligen Silberschmiedehandwerks Kunde geben. Der Schatz wird erstmals außerhalb der Schweiz gezeigt.

Ein weiterer beachtlicher Teil der Ausstellungsräume ist der ehemaligen Kaiserresidenz in Trier gewidmet. Eindrucksvoll ist die Inszenierung der Deckenmalereien aus dem kaiserlichen Wohnpalast im römischen Trier. 15 Bilderfelder einer Kassettendecke zeigen in schachbrettartigem Wechsel fliegende Erotenpaare und lebensgroße Brustbilder, wobei die vier weiblichen Personen von einem Lichtkranz (Nimbus) umgeben sind. Die begehbare Nachbildung in Originalgröße macht die Pracht der Residenz Kaiser Konstantins erlebbar. Nicht minder beeindruckend ist das Bodenmosaik, das eine Huldigung an den Weingott Bacchus darstellt und ihn in einem Triumphzug auf seinem von Tigern gezogenen Wagen zeigt.

Mit den römischen Soldaten kamen auch neue Kulte an den Oberrhein, so neben dem Mithraskult und dem Isiskult auch das Christentum. Ein römischer Grabstein eines 37jährigen Mannes namens Memorius zeigt auf seiner Inschrift neben der Widmung seiner Gemahlin erstmals das Christusmonogramm im südwestdeutschen Raum. In den folgenden Jahrhunderten nahmen die Funde mit christlichen Symbolen und der Darstellung biblischer Szenen zu und zeigen damit die zunehmende Verbreitung des christlichen Glaubens in der Spätantike.

Nach der Mittagspause übernahm Jörg A. Mann die Führung der Kirchheimer Gruppe. Er führte sie zunächst an das Ende des Westflügels des Karlsruher Schlosses. Anhand einer großen Stammtafel erläuterte er die Familiengeschichte des Hauses Baden von seinen Anfängen als Seitenlinie der Zähringerherzöge bis zur Gegenwart, wo Prinz Bernhard die Geschäftsführung des badisch-markgräflichen Besitzes übernommen hat.

Wie bei vielen anderen Fürstenhäusern kam es auch im Hause Baden im Laufe der Geschichte zu einer Erbteilung. Die Linie Baden-Durlach wurde in der Reformationszeit lutherisch, die Linie Baden-Baden blieb katholisch. Als die Baden-Badener Linie 1771 erlosch, wurde die Markgrafschaft durch Erbvertrag wieder vereinigt.

Beide Markgrafschaften mussten im ausgehenden 17. Jahrhundert im Pfälzischen Erbfolgekrieg verheerende Ausplünderungen und Brandschatzungen durch die Truppen des französischen Generals Mélac erleiden. So war auch die Karlsburg in Durlach nicht mehr bewohnbar. Der Wiederaufbau in Durlach ging nur schleppend voran, einmal weil das Geld für die viel zu groß angelegte Vierflügelanlage zu knapp war, zum anderen auch weil die Durlacher Bürger von den Plänen einer Neuanlage der Stadt nach dem Vorbild von Rastatt nichts wissen wollten.

Diese Durlacher Schwierigkeiten erkannte sein Sohn und Nachfolger Karl Wilhelm, nachdem er 1709 an die Regierung kam sehr bald. Er entschloss sich 1715 im Hardtwald zwischen Durlach und Mühlburg nicht nur ein neues Schloss zu bauen, sondern seine ganze Hofhaltung und Landesverwaltung dorthin zu verlegen. Dazu wollte er zu seinem Schloss auch eine neue Stadt, sein "Carols Ruh" gründen. Zugrunde liegt die Idee eines Tiergartens: Schloss und Stadt, mitten im Jagdrevier gelegen, wurden demzufolge dem Grundriss eines Jagdgartens mit radialem System eingepasst. Zentrum der Anlage war das Schloss, aber nicht der Haupttrakt, sondern der dahinter gelegene, frei stehende achteckige Turm als Ausgangs- und Blickpunkt von 32 Alleen, deren neun südliche Schloss, Garten und Stadt umfassten, während die übrigen 23 den Tiergarten im Nordwesten und den Fasanengarten im Nordosten durchzogen. Bei der Begrenztheit der Mittel wurde das Schloss viel einfacher als das unter seinem Vater geplante neue Durlacher Schloss gebaut: als simpler Fachwerkbau.

Bemerkenswert der Aufruf Karl Wilhelms zur Anwerbung von Bürgern für seine neue Stadt. Er versprach Religionsfreiheit, Angehörige aller drei Konfessionen (lutherische, reformierte und katholische) durften sich hier niederlassen, und auch für ihre Gotteshäuser waren im Stadtplan drei Plätze reserviert. Dann wurden auch noch Steuerprivilegien ausgelobt, und die Bauwilligen bekamen kostenloses Baumaterial gestellt.

Karl Wilhelms Enkel und Nachfolger, Markgraf Karl Friedrich, hatte zunächst keinen persönlichen Bezug zum Karlsruher Schloss, da er von seiner Großmutter im alten Durlacher Schloss erzogen worden war. Zunächst dachte er sogar daran, die Residenz wieder nach Durlach zu verlegen, doch entschied er sich letztlich für Karlsruhe und ließ 1752 anstelle des Fachwerkschlosses einen Neubau aus Stein errichten, allerdings unter Erhaltung des Turmes und unter Einpassung des Neubaus in das vorhandene Fächersystem Karlsruhes. Gerade die geforderte Beibehaltung der Grundrisskonzeption erschwerte die Aufgabe der Planer.

Leopold Retti, ja sogar der alte Balthasar Neumann konnten mit mehreren Planentwürfen nicht das Wohlgefallen des Fürsten erreichen. Erst der neuernannte Herzoglich Württembergische Oberbaudirektor Philippe de La Gupière brachte das Schloss in die heutige Form. Da der Architekt in Stuttgart nicht abkömmlich war, übernahm sein Schüler Albrecht von Keßlau die örtliche Bauleitung.

Nach Besichtigung der Außenanlage und einiger Innenräume des Schlosses mit Gebrauchsgegenständen und Bildern der großherzoglichen Familie war die Besteigung des siebenstöckigen Turms der Höhepunkt des Nachmittags. Vom Umgang um die Turmlaterne gab es einen herrlichen Rundblick auf die Fächerstadt im Süden und den bis fast ans Schloss heranreichenden Hardtwald im Norden, die Industrieanlagen am Rhein mit dem Pfälzer Wald im Westen und die Neubauten der Universität mit dem Durlacher Turmberg im Hintergrund im Osten. Die Idee des Stadtgründers Karl Wilhelm, der sich in dem großartigen, ja fast festlichen Zuschnitt im Kern der Fächerstadt bis heute erhalten hat, lag den Kirchheimer Besuchern offensichtlich zu Füßen.