Lokales

„Im Dialekt schlagen Herztöne an“

Mundartpoet Hans Riek reist in der Naberner Zehntscheuer mit dem Publikum durch die Kulturgeschichte des Dialekts

Kirchheim. Seit Johann Gottfried Herder sind die Menschen überzeugt: Der Dialekt und mit ihm die Mundart sind vom Aussterben bedroht. Dass dem nicht so ist und Regional- wie Lokalsprache vielmehr

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daniela haussmann

eine Renaissance erleben, bewies am vergangenen Freitag Hans Riek. Bereits zum zweiten Mal begeisterte der Weilheimer Mundartpoet, auf Einladung des Bürgervereins, mehr als 200 Gäste mit seinen schwäbischen Balladen für das Kulturgut jener Sprache, mit der die meisten Menschen in und um Nabern herum von Kindesbeinen an verwachsen sind.

Entschwinden sieht Hans Riek den Dialekt als Regional- und die Mundart als Lokalsprache nicht. Der ehemalige Lehrer nimmt aber Veränderungen wahr, die er im Wortschatz seiner Balladen aufgreift und mit charmant vokalem Zungenschlag umsetzt. „Der Dialekt stirbt nicht aus. Er verändert sich“, stellt der studierte Germanist und Anglizist fest. „Wörter geraten dabei in Vergessenheit und sterben somit teilweise aus.“ Bestes Beispiel für diesen Sachverhalt bieten Riek Begrifflichkeiten aus der Landwirtschaft. Die Industrialisierung und vor allem das Fernsehen haben aus seiner Sicht den Nahbereich der Menschen verändert und damit auch Regionalsprachen wie das Schwäbische.

Rieks dialektaler Sprachschatz hat damit eine kulturgeschichtliche Dimension. Seine Balladen verweisen auf veränderte Lebenswelten und machen den Anwesenden den Dialekt als Kulturgut bewusst, das sich von Generation zu Generation anders präsentiert. Grund: Der Alltag, in dem sich Dialektsprecher bewegen, hat sich verändert. Wohn- und Arbeitsplatz sind räumlich getrennt. Der direkte Bezug zum Dorf und seiner Gemeinschaft fehlt. Dinge, von denen der Weilheimer Dichter humorvoll auf der Bühne erzählt, wenn er von Schwaben berichtet, die nach Amerika auswanderten und bei der Rückkehr in die alte Heimat bemerken, dass auch hier die Zeit nicht stehen geblieben ist. Wie sehr der lebensweltliche Wandel den Wortschatz der Dialektsprecher verändert, verdeutlicht Riek auch, wenn er auf individuelle Biografien zurückgreift. Der Weilheimer spricht über den Wandel, der sich im Weltbild, aber auch dem gesprochenen Wort vollzieht, wenn Dialektsprecher ihr heimatliches Umfeld verlassen, als studierte Leute zurückkehren und sich fortan der Hochsprache bedienen. Mit bodenständigem Humor bringt er zum Ausdruck, was geschieht, wenn der Dialekt zur Sprachbarriere wird. Doch in Rieks Worten liegt auch tiefe Ernsthaftigkeit. Wenn er mit derartigen Balladen zwischen den Zeilen auf Standesunterschiede verweist, öffnet der Mundartpoet auch das Fenster in eine andere Zeit.

Bereits zu Beginn der Renaissance, also um 1400, bestand eine weit verbreitete Abneigung gegenüber dem Dialekt, da er hauptsächlich von Bauern gesprochen wurde, die gesellschaftlich niedriger positioniert sind als das aufstrebende Bürgertum. Mit der Bemühung um eine Normierung der deutschen Sprache, erreicht die Dialektverachtung schließlich im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt, da von nun an nur noch eine Form, die hochdeutsche Schriftsprache, Geltung besitzen soll. Dieser Allgemeinheitsanspruch schlägt sich schließlich 1765 in dem Urteil nieder, dass der Dialekt in Status und Qualität eine unedle, nachlässige und unbearbeitete Sprache des gemeinen Volkes sei. Erst um 1800 ruft die rigorose Dialektbekämpfung die mundartlichen Verteidiger auf den Plan, die einerseits befürchten, der Dialekt sterbe aus und andererseits der Ansicht sind, dass der dialektale Wortschatz weitaus mehr Möglichkeiten für ihre Darstellungsabsichten biete.

Ausdrucksmöglichkeiten, die sich auch Hans Riek zunutze macht. Mit mundartlichen Neologismen, also Neuwortschöpfungen, schlägt der Weilheimer generationenübergreifende Brücken und passt seine Balladen so der Gegenwart an, ohne ihre historische und kulturelle Dimension dabei zu vernachlässigen. Mit Anglizismen, die er mit dem Schwäbischen verbindet wie „Ami-Kämp“, „Vämb“ oder „Hennafarm“, bringt Riek die Mundartdichtung auch jungen Menschen nahe. Der Tübinger Volkskundler und Dialektforscher Hermann Bausinger sagte einmal: „Im Dialekt schlagen Herztöne an.“ Ein Satz, dem Hans Riek beipflichtet. „Viele Dinge sind im Dialekt viel besser auszudrücken als in der Hochsprache“, so der Pensionär. „Es sind Zwischentöne möglich, die im Hochdeutschen in einem Wort nicht auf den Punkt gebracht werden können, im Dialekt aber schon. Darin kommt natürlich dann eine gebietsartige Verbindung zum Ausdruck.“ Und das bemerkt auch das Publikum in der Zehntscheuer, das dem Weilheimer Balladendichter mit lautstarkem Applaus Anerkennung zollte.

Begeistert zeigte sich die Zuhörerschaft aber auch vom Teck-Jazz-Quintett. Obwohl sich die fünf Musiker Rolf Ebinger, Walter Riedlinger, Walter Langer, Günter Olbert und Sandra Schöne vor zehn Jahren zum gemeinsamen musizieren zusammengefunden haben, feierten sie in der Zehntscheuer Premiere. Für sie war es der erste öffentliche Auftritt vor großem Publikum. Mit groovigem Jazz rissen sie das Auditorium in Nabern begeistert mit. Für Eckard Brosig vom Bürgerverein stand damit fest, dass dieser Abend einer weiteren Wiederholung bedürfe.