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Im Ernstfall geht es um den Schutz des Hausgeflügels

Das Vogelgrippe-Virus hat Deutschland erreicht. Das ist zwar noch lange kein Grund zur Panik, macht aber sorgfältige Prophylaxe notwendig. Für den Ernstfall gewappnet ist das Veterinäramt in Esslingen, das sich derzeit nicht nur um die 850 Geflügelhalter im Kreis kümmern muss, sondern auch um zahlreiche besorgte Anrufer.

BIANCA LÜTZ

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KIRCHHEIM Beim Veterinäramt in Esslingen laufen die Drähte heiß: Etliche besorgte Bürger folgen dem Aufruf von Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer und melden der Behörde, dass sie verendete Vögel in ihrer Umgebung aufgefunden haben. "Es ist aber nicht notwendig, jeden toten Singvogel bei uns zu melden", klärt Amtsleiter Dr. Gerhard Stehle auf. Tauben und Singvögel seien von dem gefährlichen asiatischen Vogelgrippevirus H5N1 nicht betroffen. "Wir sind vor allem an Informationen über Wassergeflügel interessiert." Wer also verendete Schwäne, Wild- oder Graugänse entdeckt, sollte auf jeden Fall das Veterinäramt oder die Polizei informieren und die Kadaver nicht berühren.

Gefahr für die Bevölkerung durch die Vogelgrippe sieht Gerhard Stehle im Moment nicht: "Der Mensch ist noch nicht empfänglich für das Virus", beruhigt er. Das Gleiche gelte auch für Haustiere wie Katzen oder Hunde, die sich an Vogelkot oder Vögeln vergreifen: Dass sie sich anstecken, sei kaum zu befürchten.

Verunsichert sind viele Verbraucher auch, was den Verzehr von Geflügelfleisch und Eiern angeht. Einen Einbruch können die meisten Metzger rund um die Teck zwar noch nicht verzeichnen, einige jedoch stellen fest, dass ihre Kunden zurückhaltender beim Kauf von Huhn oder Pute sind. "Um das Geflügel ist es ruhiger geworden", berichtet Hans-Jörg Weber, der einen Metzgereibetrieb in Owen führt. "Außerdem fragen viele Kunden genauer nach, wo das Geflügelfleisch herkommt." Auch Hans Justus hat festgestellt, dass Hähnchenschenkel und Putenschnitzel in seiner Metzgerei in Kirchheim seit Ausbruch der Vogelgrippe an Beliebtheit verloren haben: "Der Umsatz beim Geflügel ist um rund zehn Prozent zurückgegangen", sagt er. Dass die Nachfrage noch weiter sinkt, wenn die Geflügelpest näherrückt, können sich die meisten Metzger durchaus vorstellen. Große Sorgen bereitet ihnen die Aussicht aber nicht: "Geflügel macht bei uns nur einen geringen Anteil am Umsatz aus", sagt Ulrich Kübler, Vorstandsmitglied der Fleischerinnung Göppingen-Geislingen-Kirchheim. Sollte die Nachfrage tatsächlich einbrechen, so glauben die meisten Metzger, den Ausfall durch andere Produkte und Fleischarten problemlos ausgleichen zu können.

"Wenn Geflügelfleisch und Eier erhitzt werden, passiert überhaupt nichts", kann Dr. Gerhard Stehle verunsicherte Verbraucher beruhigen. Ohnehin: "Lebensmittel sind nicht das Problem", sagt der Amtstierarzt. "Für uns ist es entscheidend, dass im Ernstfall das Virus nicht auf das Hausgeflügel übergreift." Eine Maßnahme ist daher die Stallpflicht für Geflügel, die von heute an bis voraussichtlich Ende April wieder bundesweit gilt.

"Normalerweise haben unsere Tiere Freilauf", sagt Heidi Höpler, Vorsitzende des Kaninchen- und Geflügelzuchtvereins Kirchheim. Dass sie jetzt wieder in die Ställe verbannt werden, gefällt vielen Hühnern, Gänsen und Enten nicht. "Es könnte zum Beispiel bei der Befruchtung Probleme geben", sorgt sich die Fachfrau um die Nachkommenschaft. Auch Federpicken aus Langeweile sei ein Problem der Stallhaltung. Trotzdem legen die Kleintierzüchter Wert darauf, die Vorschriften strikt zu befolgen: "Wir tun alles, um vorzubeugen", betont Höpler. Viel schlimmer als die Stallpflicht wäre für die Züchter nämlich, wenn der Bestand gekeult werden müsste: Die Nachzucht der oftmals alten und seltenen Rassen würde dadurch gefährdet.

Ob Hobbyhalter oder Legebetrieb: Die rund 850 Geflügelhalter im Kreis Esslingen werden vom Veterinäramt in den kommenden Wochen stichprobenartig überprüft. Wer seine Tiere nicht in den Stall sperrt oder aber in einer überdachten, engmaschig umzäunten Voliere hält, muss mit einem Bußgeld rechnen. Solche Fälle kommen ihm zu Ohren, davon ist Stehle überzeugt: "Die soziale Kontrolle hat schon im Herbst gut funktioniert." Versäumnisse bei der Stallpflicht wurden meist schnell von Nachbarn oder Passanten angezeigt.

Dass die Geflügelpest in absehbarer Zeit auch den Kreis Esslingen erreicht, hält der Amtsleiter für durchaus denkbar: "Wir rechnen schon lange damit, dass die Vogelgrippe auch zu uns kommt." Dementsprechend gewappnet ist das Veterinäramt für den Ernstfall. "Wir sind gut vorbereitet und haben geübt", betont Gerhard Stehle. Schließlich sei die Tierseuchenbekämpfung die ureigenste Aufgabe seiner Behörde. Sobald im Kreis ein Verdachtsfall des H5N1-Virus auftritt, läuft die ausgeklügelte Maschinerie an. "Im Umkreis wird ein Sperrbezirk von drei Kilometern Durchmesser eingerichtet", beschreibt Stehle. Innerhalb dieses Bezirks gelten dann restriktive Maßnahmen: Keine Tiere dürfen dort Stall oder Gehege verlassen und Neuzugänge sind tabu. Erhärtet sich ein Verdacht, beginnen die Tötungsmaßnahmen. Betroffen sein können dann auch Geflügelhalter in der Nachbarschaft des Verdachtsfalls auch wenn es in ihrem Gehege noch keine erkrankten Tiere gibt.

Taucht ein Verdachtsfall in einem Geflügelbetrieb oder seinem nahen Umfeld auf, sind die Folgen wohl immens. "Das wäre der Super-Gau", sagt Daniel Ehmann, Verantwortlicher in einem großen Legehennenbetrieb in Neuhausen auf den Fildern. "Ich weiß nicht, ob wir so etwas wirtschaftlich überstehen können." Neben den Verlusten durch die Auslöschung des Hühnerbestands, könnte dem Betrieb insbesondere der Image- und Kundenverlust das Genick brechen.