Lokales

Im Namen Justitias vor der Kamera

KIRCHHEIM/STUTTGART 18.45 Uhr. Immer wieder dienstags um diese Uhrzeit verlässt Wolfgang Nau seine Anwaltskanzlei in Kirchheim und startet in seinen "Fernsehabend" den verbringt er jedoch keineswegs gemütlich auf dem heimischen Sofa, sondern als Akteur vor

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BIANCA LÜTZ

laufenden Kameras in einer Live-Sendung: Wolfgang Nau tritt als Rechtsexperte im so genannten Zuschauerfall des SWR-Wirtschaftsmagazins "Infomarkt" auf.

Dort steht der Weilheimer hilflosen Zuschauern als Fachmann in juristischen Fragen mit Recht und Rat zur Seite. "Manche bewerben sich bei uns, um Hilfe zu bekommen, andere treten auf, weil sie denken, dass ihr Fall auch für die Allgemeinheit interessant ist", nennt Nau die wichtigsten Beweggründe der Zuschauer, mit ihren Fällen im Fernsehen aufzutreten. Die Themen gehen laut Nau "quer durch das Gemüsebeet", wobei Verbraucherschutz und zivilrechtliche Fragen den Mammutteil ausmachen. Für den Juristen stehen damit meist Fälle an, die nicht unmittelbar sein Fachgebiet das Arbeitsrecht betreffen. "Leider", wie er findet. Dennoch: "Spannend ist eigentlich jeder Fall", sagt Wolfgang Nau. Oft seien die Probleme der Zuschauer "rechtlich unheimlich kompliziert". Gleichzeitig ist es aber wichtig, die Aussagen verbraucherfreundlich zu gestalten: "Man muss deshalb sehr vereinfachen", weiß er.

Immer noch Lampenfieber19.20 Uhr: Als Wolfgang Nau durch die Eingangstür des SWR-Studios im Villa-Berg-Park in Stuttgart schlendert, nickt der Pförter wissend mit dem Kopf und winkt ihn durch der Jurist ist beim SWR mittlerweile wohl bekannt: Seit zwölf Jahren tritt der heute 55-Jährige etwa alle drei Wochen als Rechtsexperte beim SWR auf. Seinen Schätzungen zufolge flimmerte sein Antlitz insgesamt rund 250 Mal über die deutschen Fernsehbildschirme. Zu seinem außergewöhnlichen Nebenjob war er im Mai 1993 durch Zufall gekommen: Ein Kollege fiel wegen Krankheit aus und Wolfgang Nau wurde von einem Bekannten als Ersatz empfohlen so kam seine "Fernsehkarriere" ins Rollen.

Obwohl er mittlerweile schon ein alter Hase im Fernsehgeschäft ist, packt den Juristen am Sendeabend stets die Nervosität: "Ich habe immer noch Lampenfieber", gesteht er frei heraus. Besonders groß sei die "Angst, sich zu verplappern". Bei einer Live-Sendung wie dem "Infomarkt" kann schließlich nichts kaschiert werden das heißt, fast nichts . . .

Puderquaste und Make-upEine junge Frau tupft mit einem Schwämmchen Make-up auf Wolfgang Naus Gesicht, Ohren und Hals und wedelt mit einer Puderquaste über seine Nase Augenringe, Fältchen und Hautunebenheiten werden in der Maske einfach wegkaschiert. Das richtige Make-up ist außerdem wichtig, "um zu vermeiden, dass uns während der Sendung Schweißperlen auf die Stirn treten", sagt Wolfgang Nau, der weiß, wie heiß es unter den Scheinwerfern im Studio werden kann. Etwa fünf Minuten dauert die Prozedur in der Maske, dann ist der Weilheimer bühnentauglich geschminkt.

Bis zum Sendebeginn bleiben Wolfgang Nau nun noch etwa einein-viertel Stunden, bis zu seinem Auftritt über eindreiviertel. "Herr Nau ist immer sehr pünktlich", weiß Sabine Gaschütz, die zusammen mit Michael Saunders den "Infomarkt" moderiert und die Wirtschaftsredaktion des SWR leitet. Die Wartezeit scheine den Juristen jedoch nie nervös zu machen, sondern eher zu beruhigen. "Ich bin immer der erste", bestätigt Wolfgang Nau. So gebe es in der Maske noch keinen Andrang und er selbst gerate erst gar nicht in Hektik. Seine frühe Ankunft ist auch an diesem Abend von Vorteil: Als Moderator Michael Saunders eintrifft, beraumt er noch schnell eine Zweierkonferenz auf dem Gang ein: "Herr Nau, können wir noch kurz über das Fazit sprechen?"

Keine AbsprachenDas Fazit ist laut Wolfgang Nau jedoch das einzig abgesprochene an seinem Auftritt, ansonsten verläuft das Gespräch vor den Kameras weitgehend spontan: "Ich habe zwar die Info, worum es geht, weiß aber nicht, was die Moderatoren konkret fragen", betont der Jurist. Die Hilfe suchenden Zuschauer bleiben bis zur Sendung völlig ahnungslos. "Ich darf vorher nicht verraten, wie es läuft, sonst ist die Luft raus", versichert Nau, dass es keine Absprachen gibt.

Um kurz vor acht herrscht noch Ruhe im Fernsehstudio. In den schalldichten, hohen Raum dringen keine Umgebungsgeräusche. Die vier Kameras warten am Rand auf ihren Einsatz und nur wenige Lichter leuchten aus dem Scheinwerferwald an der Decke des Studios. Nach und nach jedoch erwacht das Studio zum Leben: Der Scheinwerferhimmelblüht auf, Redakteur, Aufnahmeleiter, Kameramänner und Kabelträgernehmen ihre Arbeit auf, Sabine Gaschütz und Michael Saunders posi-tionieren sich für die Stellprobe, verfolgt von lautlos gleitenden Kameras.

Aus den Lautsprechern dringen plötzlich Stimmen die Soundprobe beschert einen Vorgriff auf einen Film, der in der Sendung ausgestrahlt werden soll. Wenig später treffen die beiden Besuchergruppen ein, eilen zu ihren Plätzen und beobachten gespannt die Vorgänge im Studio, in dem es erstaunlich ruhig und gelassen zugeht. "Hier ist es nie richtig hektisch", berichtet Wolfgang Nau aus seiner Erfahrung, während ihn ein SWR-Mitarbeiter mit einem Mikrofon ausstattet und verkabelt.

Je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr steht dann aber doch allen Beteiligten die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Sabine Gaschütz und Michael Saunders sprechen mit hoch konzentriertem Gesichtsausdruck ihre Texte vor sich her, Aufnahmeleiter Uli Bessler horcht in seine Kopfhörer hinein, eilt durch das Studio und blickt auf die Uhr.

Infomarkt geht "on Air"Auch Wolfgang Naus Zeit rückt näher. Äußerlich ist ihm die Aufregung kaum anzumerken, innerlich jedoch steigert sich seine Nervosität: "Je näher die Sendung kommt, desto weniger weiß ich", gesteht er. Während der Live-Aufnahme jedoch ist alles wieder präsent: Der Fall, die Paragrafen und die Ergebnisse aus den stundenlangen Vorbereitungen die Wolfgang Nau, wie er betont, allesamt in seiner Freizeit tätigt.

21 Uhr: Es geht "on Air" das heißt, die Live-Aufnahme beginnt. Während Sabine Gaschütz und Mi-chael Saunders durch das Programm führen, Experten interviewen und auf den Monitoren Filme zum Thema Baumärkte und Stromversorger eingespielt werden, betrachtet Wolfgang Nau das Geschehen aus der Distanz von einem Stehtisch aus.

Um halb zehn ist es dann so weit. In der Anmoderation des Zuschauerfalls schildert Michael Saunders kurz die Misere des Gastes: Als das Flachdach von Helmut Maierhofer saniertwird, wackeln offenbar die Wän-de: Er findet eines Tages eine Versteinerung, die bislang seine Wand zierte, auf dem Boden vor in etliche Teile zersprungen. Für den Schaden von etwa 300 Euro will jedoch weder die Dachdeckerfirma noch deren Versicherung aufkommen.

Dann wendet sich Michael Saunders an den Rechtsexperten. Wolfgang Naus Part beginnt. Zu den Nebenpflichten der Baufirma gehöre auch eine Warnpflicht, unterrichtet Nau. Das Versäumnis müsse eigent-lich die Versicherung des Unternehmens tragen. Andererseits gebe es auch die Argumentation, dass man "als Hauseigentümer etwas mitdenken" und Bilder sowie anderen Wandschmuck abhängen könne, wenn Sanierungen solcher Art anstehen. Knapp fünf Minuten dauert Naus Auftritt. Als die Kamera wegschwenkt, zieht er sich wieder in den Hintergrund an seinen Stehtisch zurück.

Um 21.45 Uhr läuft der Abspann des Infomarkts über die Bildschirme der Fernsehzuschauer, Sabine Gaschütz kündigt an: "Am nächsten Dienstag um 21 Uhr sind wir wieder für Sie da." Im Studio ertönt eine Stimme: "Wir sind aus der ,Luft' gelandet." In diesem Moment atmen sämtliche Beteiligten im Studio auf: Die Zuschauer unterhalten sich murmelnd mit ihren Nebensitzern, die Moderatoren rufen erleichtert zur Autogrammstunde und zahlreiche Fans drängen sich in die Studiomitte, um eine Unterschrift der Moderatoren zu ergattern.

Selbstkritische BeurteilungWolfgang Nau taucht wieder aus dem Hintergrund auf heute ist er nicht ganz zufrieden: "Ich hatte zwei kleine Versprecher", beurteilt er sich selbstkritisch. Größere Patzer sind ihm in seiner Fernsehzeit aber noch nicht unterlaufen. Lediglich einmal sei er versehentlich durch die laufenden Kameras marschiert.

Gegen 22.45 Uhr endet Wolfgang Naus "Fernsehabend" mit seiner Rückkehr in heimische Gefilde. Vier Stunden lang war der Jurist im Auftrag des Fernsehens unterwegs und das für einen gerade mal fünf Minuten langen Auftritt. Doch ungeachtet der Kürze erreicht der Fernsehbeitrag ein riesiges Publikum. Eine halbe Million Zuschauer sind gang und gäbe. Das Expertengespräch zum zerbrochenen Fisch wurde an diesem Abend sogar von besonders vielen verfolgt: Mit 750 000 Zuschauern erzielte die Sendung einen Rekord in diesem Jahr.

INFOWolfgang Nau tritt am Dienstag, 7. Juni, wieder als Experte beim "Infomarkt" im Südwestfernsehen auf. Die Sendung beginnt um 21 Uhr.