Lokales

„Im Pfarrhaus muss Licht brennen“

Drei evangelische Kirchengemeinden in Lenningen suchen einen Pfarrer

Drei evangelische Pfarrhäuser sind in Lenningen verwaist – zwei schon seit Monaten. Aufgefangen wird der Mangel durch viel ehrenamtliches Engagement der Gemeindeglieder, vor allem aber durch die unermüdliche Arbeit der verbliebenen zwei Pfarrerinnen und die Reaktivierung von Pfarrern im Ruhestand.

Gleich drei Kirchengemeinden sind in Lenningen ohne Pfarrer.Foto: Jörg Bächle
Gleich drei Kirchengemeinden sind in Lenningen ohne Pfarrer.Foto: Jörg Bächle

Lenningen. „Wir können es uns auch nicht erklären, warum kein Pfarrer nach Oberlenningen will. Wir sind eine intakte Gemeinde“, ist Klaus Kazmaier, Vorsitzender des Kirchengemeinderats, ratlos. Im Oktober vergangenen Jahres verließ Karlheinz Graf die Gemeinde, um in Zizishausen nochmals neu anzufangen. Bereits im Mai hatte sich Regina Stierlen aus dem Unterlenninger Pfarrhaus in Richtung Loßburg-Wittendorf im Schwarzwald verabschiedet. Seit wenigen Wochen ist nun mit dem Weggang von Pfarrerin Karin Goetz auch die Kirchengemeinde Erkenbrechtsweiler-Hochwang verwaist.

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„Wir sind in der Tat dabei, auf einen Pfarrermangel zuzusteuern“, ist sich Kirchheims Dekanin Renate Kath bewusst. Die Gründe dafür sind aus ihrer Sicht vielfältig. „Es gibt kaum einen Beruf, wo man so sehr sieben Tage die Woche dran ist“, nannte sie einen davon. Zum einen gebe es die Erwartung vonseiten der Gemeindeglieder, zum anderen den eigenen Idealismus. „Wenn die Mutter im Sterben liegt, zieht der Pfarrer den Mantel an und dreht nur noch mal um, um ein Päckchen Tempo zu holen“, sagt Renate Kath über das Selbstverständnis.

Ihrer Ansicht nach wirken für viele Theologen die großen, alten Pfarrhäuser abschreckend, was nicht allein an den steigenden Energiekosten liegt. „Die sehen zwar von außen schön aus, sind meist aber weit entfernt von Mietwohnungsstandards“, so die Dekanin. Als weiteren Grund nennt sie die Schul- und Familiensituation, die mit dem G 8 nicht einfacher geworden ist. „Die Pfarrfrauen – oder -männer – sind heute berufstätig. Bei einem Umzug muss die Situation auch für den Partner stimmen – ebenso die Fächerkombination für die Kinder“, weiß Renate Kath um die Nöte. Dieses Paket lässt sich in einer größeren Stadt einfacher schnüren als auf dem Land, wo die Kinder zudem weite Wege zu weiterführenden Schulen in Kauf nehmen müssen. Eine Zwangsversetzung ist nicht möglich – dies gibt das Dienstrecht nicht her. „Wenn niemand nach Erkenbrechtsweiler will, kann ich keinen zwingen“, sagt die Dekanin.

„Nicht zu vergessen ist, dass sich die Welt verändert hat. Früher haftete dem Dorfpfarrer etwas Idyllisches an – diese Zeiten sind vorbei“, sagt Renate Kath. Der gesellschaftliche Querschnitt ist auf dem Land genauso zu finden, wie in der Großstadt. Das Leben der Menschen habe sich ebenfalls geändert, was das Gemeindeleben nicht einfacher mache. „Wir müssen gemeinsam wieder eine Struktur finden“, wünscht sich die Dekanin in Zeiten der Individualisierung, wo jeder seiner Arbeit nachgeht oder als Mama-Taxi ständig unterwegs ist. „Ein Frauenkreis mit drei Teilnehmerinnen ist kein Kreis mehr“, verdeutlicht sie. Neue Wege seien deshalb gefragt. „Gewisse Dinge, etwa eine Krabbelgruppe, müssen vor Ort sein. Andere Angebote können zentral mit wechselnden Orten stattfinden“, so Renate Kath.

Über eine mögliche Veränderung der Kirchenstruktur im Lenninger Tal machen sich Margret Oberle, Pfarrerin in Brucken, und Frida Rothe, Pfarrerin in Schopfloch und Gutenberg, seit geraumer Zeit Gedanken. An den beiden Frauen hängt die Hauptlast der vakanten Pfarrhäuser: Gottesdienste, Konfirmandenunterricht, Beerdigungen, Taufen und vieles mehr. Allein die Organisation des Predigtplans ist eine zeitintensive Arbeit, denn sämtliche Prädikanten und Pfarrer im Ruhestand müssen angesprochen und die Termine koordiniert werden. Wo es möglich ist, gibt es einen Wechselgottesdienst, etwa in Erkenbrechtsweiler und Hochwang. Etwas entspannt hat sich die Lage seit April. Gerlinde Feine aus Tübingen greift mit einer 100-Prozent-Stelle den beiden Pfarrerinnen unter die Arme. Sie hält Gottesdienste und ist für Kasualien zuständig. Renate Kath übernimmt die beiden Konfirmationen in Erkenbrechtsweiler und Hochwang.

Trotzdem bleiben bei drei verwaisten Pfarrhäusern viele Dinge auf der Strecke, die beiden verbliebenen Pfarrerinnen wichtig sind. „Die Gemeindeglieder müssen Einschränkungen in Kauf nehmen“, bedauert Margret Oberle. Zu kurz kommen aus ihrer Sicht beispielsweise Seelsorge oder Krankenbesuche – Dinge, die für sie untrennbar mit dem Pfarrerdasein verbunden sind. Dazu komme, dass ständig fremde Gesichter auf der Kanzel stehen. Gleichzeitig lobt sie die Ehrenamtlichen. „Die wachsen zum Teil über sich hinaus und unsere Ruheständler sind Gold wert“, ist sich Margret Oberle bewusst – ebenso jedoch auch der Tatsache, dass dieses Engagement nicht endlos überbeansprucht werden darf. Im Hinblick auf die Kirchengemeinderatswahlen im Dezember macht sie sich schon ein wenig Sorgen.

Die Kirchengemeinden im Lenninger Tal haben sich für die nächsten Jahre viel vorgenommen. So gibt es „Fusionsgestaltungsgespräche“. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, welche Angebote in der jeweiligen Gemeinde bleiben sollen und welche gebündelt an einem zent­ralen oder wechselnden Ort stattfinden können. „Jede Gemeinde hat ihr eigenes Gepräge und bei den Sportvereinen sieht man auch, wie schwer sich die Mitglieder mit einer Fusion anfreunden können“, sagt Margret Oberle. Erste Anfänge sind jedoch schon gemacht, etwa mit einem zent­ralen Gottesdienst zum Weltgebetstag, für Senioren oder dem Jazzgottesdienst mit Ralf Sach am Pfingstmontag. „So können wir ein breiteres Gottesdienstangebot abdecken“, begründet die Pfarrerin diese Entscheidung.

Eine spürbare Änderung gibt es für die künftigen Konfirmanden. Der Unterricht wird zentral für alle stattfinden, gehalten von den drei Pfarrkolleginnen bei zwei zeitlich aufei­nanderfolgenden Terminen, Gruppenarbeiten sind eingeplant. „Das ist witziger und spannender für die Konfirmanden, denn sie sitzen dann nicht nur zu siebt vor der Pfarrerin, sondern als große Gruppe. Außerdem sind Jugendliche gewohnt zu fahren und kennen sich von der Schule“, sieht Margret Oberle dieser Neuerung gelassen entgegen.

Klaus Kazmaier hat gemischte Gefühle: „Wir spüren, dass der Pfarrer fehlt – vor allem als Ansprechpartner. Ehrenamtliche Organe ersetzen ihn nicht.“ Sollte die Pfarrstelle über eine längere Zeit verwaist sein, sieht er Schwierigkeiten auf die Gemeinde zukommen. Er bedauert, dass die pfarrerlose Zeit ausgerechnet in die Umstrukturierungsphase fällt. „Es ist ein guter Prozess im Gang. Dabei wäre es vorteilhaft, wenn ein Pfarrer diesen mitziehen würde. Wir machen jedoch auf jeden Fall weiter, auch wenn eine gewisse Unsicherheit besteht, ob der kommende Pfarrer diese Entscheidung auch so gefällt hätte“, sagt Klaus Kazmaier.

Oliver Hoesch, Sprecher der Evangelischen Landeskirche Württemberg, weiß um die Sorgen ländlicher Gemeinden. „Wir stellen jedes Jahr im Schnitt 46 neue Pfarrer ein“, sagt er. Die Zeiten seien vorbei, als bestens qualifizierte Bewerber nicht angestellt wurden. „Wer Theologie studiert und menschlich für diesen Beruf geeignet ist, hat gute Chancen, als Pfarrer zur Anstellung bei uns seinen Dienst antreten zu können“, so der Sprecher.

Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht braucht nicht viele Worte, um die Situation zu beschreiben: „Nicht gut.“ Er zollt den Pfarrerinnen großen Respekt, die sich derzeit für sämtliche Kirchengemeinden aufreiben und an ihre Grenzen gehen, ebenso den Ehrenamtlichen, die vieles auffangen müssen. Nicht nur für sie wünscht sich Michael Schlecht, dass die Vakanz so schell als möglich beendet ist. „Im Pfarrhaus muss Licht brennen“, so der Schultes, denn das Hauptamt sei die Stütze des Ehrenamts, der Fels in der Brandung. Zwei besetzte Pfarrstellen für sechs Kirchengemeinden hält er für ein schlechtes Signal. „Das animiert nicht unbedingt zum Herkommen – aber die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Michael Schlecht.