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Im spannenden Finale sicherte sich Pierre drei Nüsse und den "Poeten-Pokal"

KIRCHHEIM Bereits die ersten Worte aus dem Mund von Moderator Justus "Juse Ju" zeigten, wo es an diesem Abend langgehen würde: Spitze Zungen, scharfe Kommentare und natürlich eine Menge Poesie. Die Bastion in Kirchheim hatte zum

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ÖMER SAVAS

ersten "Poetry Slam" in der Geschichte des Clubs geladen. Zuvor hatten die Mitglieder des Veranstaltungsteams Friederike Kenner, Sebastian Fleisch und Ömer Savas ein halbes Jahr lang nach Poeten aus allen Altersklassen und Reimsparten gesucht.

Schließlich fanden sich immerhin elf Verskünstler in der voll besetzten Bastion ein und wagten sich auf die Bretter der Bühne, um gegeneinander anzutreten. In einem dreistündigen Wettbewerb kristallisierten sich die besten "Slammer" Kirchheims heraus. Als erster Poet war Gregor Thomas Skopp alias "Tony" aus Nürtingen angetreten, der bereits eine gewisse "Slam-Erfahrung" mit auf die Bühne brachte. In seinem Werk zum Thema "Träumen" mochte so mancher Zuhörer seine Inspiration herausgehört haben: "Meine Inspiration bin ich mir selbst", meinte der junge Dichter.

Schwäbisch ging es mit dem Luft- und Raumfahrttechniker Hans-Jürgen Gaiser weiter. Der 54-Jährige erzählte passend zur Jahreszeit eine Familiengeschichte über die Verwirrungen eines kleinen Jungen, über den Opa, den Onkel und den Nikolaus.

Christina Ratna Dewi machte die Sprache selbst zum Thema ihres Vortrags und verwies mit spitzer Zunge auf die Regeln eines "Poetry Slams", der nur deutsche Gedichte zuließ. Die Theologiestudentin fand dann doch so manche "anglizistische" Lücke und philosophierte über die Welt, den Frieden und den Krieg.

Matthias Buchholz, geborener Roßwäldener, lebt heute in Stuttgart und war mit einem Gedicht angereist, das mit Wortspielereien das Publikum von einem Lacher zum nächsten mitriss.

Joachim Stolz trat unter seinem Pseudonym "Stolle" an und referierte über "M.", seine große Liebe, und die Vergeblichkeit derselben.

Die zweite Gruppe eröffnete Andreas Kenner, der seit seinem siebzehnten Lebensjahr Mitglied der Bastion ist. Situativ ließ er sich noch am Mittag zu seinem Vortrag inspirieren und wählte als Thema den Kirchheimer Weihnachtsmarkt, mit all seinen Glühweinständen und eventuell daraus resultierenden "Magenverstimmungen".

Die 26-jährige Alexandra Boger machte ihre ersten Erfahrungen mit dem Vierzeiler bereits im Kindergarten: nach einem "Total-Black-Out" auf der Bühne der Weihnachtsvorstellung brannte sich das Gedicht über die "Puppenhochzeit" bis heute in ihr Gedächtnis. Die gebürtige Kirchheimerin kehrte nach ihrem Studium in der Nähe von Ravensburg in die Teckstadt zurück. In ihrem von Francois Villons "Erdbeermund" inspirierten Gedicht zeigte sie die weibliche Perspektive und das Verlangen nach der "Erdbeerzunge".

Der 26-jährige Student Falko Rupprecht befasste sich mit einer besonderen Graffiti-Kunstform, dem sogenannten "tagging" und der Frage, wie viel davon überhaupt Kunst sei.

Der 21-jährige im Libanon geborene Pierre Jarawan begeisterte in seinem Gedicht mit tiefen Gedanken und starken Worten das Publikum: "Gedanken sind es, die mich leiten./ Die die Wege meiner Sehnsucht begleiten./ Die die Pfade meiner Wünsche erkunden;/ Und haben sie erst den rechten gefunden,/ Droht mir alles zu entgleisen./ Es ist, als wenn an hellen Frühlingstagen,/ Die ersten Knospen Blüten tragen,/ Als wenn die erste Blüte so unbefleckt,/ Ihr Antlitz der Sonne entgegenstreckt,/ Und die Erde an Schönheit und Form gewinnt. /Dann, wenn alles um einen blüht,/Und tanzt und lacht und sich vergnügt,/Wenn abends sich die Sonne senkt/Und den Himmel in blutrote Schönheit tränkt,/ Wenn sich der Tag zum Gehen wendet,/ Mit langen Schatten das Spielen beendet,/ wenn sich in leise flüsternden Tönen,/ Zum Klang der schleichenden Melodie,/ Blüte und Dunkelheit versöhnen,/ Beschleicht auch mich die Fantasie".

"Freiherr von Wondratsch aus dem Walde", mit bürgerlichem Namen Daniel Hughes, Gitarrist der gleichnamigen Band "Hughes the Blues", trug in seinem Gedicht eine Kritik an der Pseudomoral der Gesellschaft vor.

Als letzter im Bunde der zweiten Gruppe kam der langjährige Bastions-Vorsitzende und Hobby-Songtexter André Bauer auf die Bühne. Der 31-jährige gebürtige Sachse und selbsternannte "faule Essayist" erging sich ebenfalls in lyrischer Form in Kritik an der Gesellschaft.

Das Publikum entschied dann per Stimmzettel über das Weiterkommen der besten beiden jeder Gruppe. In den Pausen spielte die "Bastion Showband" mit Hannes Gottwald, Matteo Capreoli und Claudio Porcaro bekannte Ohrwürmer und Klassiker.

Im Halbfinale standen sich dann Alexandra Boger und Matthias Buchholz gegenüber, während aus der anderen Gruppe Joachim Stolz und Pierre Jarawan gegeneinander antraten. Nach einer von so manchem doch etwas zu wörtlich genommen "Poesie-Battle", zogen schließlich "Matze" Buchholz aus Stuttgart und Pierre Jarawan, Zivildienstleistender in der Kirchheimer Lebenshilfe, ins Finale ein. Am Ende siegte per Beifallsbarometer die "Märchenstunde" gegen "Hip-Hop-Rhymes". Als Preis gab es den größten Nussknacker und drei Nüsse für Pierre Jarawan, der mit minutenlangem Applaus als Sieger des ersten Kirchheimer Dichterwettkampfes gefeiert wurde. Zweiter Sieger wurde Matthias Buchholz und Alexandra Boger belegte den dritten Platz.

Im nächstes Jahr ist wieder ein vorweihnachtlicher Dichterwettbewerb geplant, bei dem Titelverteidiger Pierre Jarawan herauszufordern sein wird. Weitere Informationen dazu gibt es auf der Internetseite www.jufo-bastion.de.vu. Bewerbungen werden ab sofort unter der Adresse sturmaufdiebastion@web.de entgegengenommen.