Lokales

Im Stadteil Ötlingen rührt sich bereits Unmut

Eichels Freud, vieler Bürger Leid. So könnte man die derzeitige Stimmung nach Einführung der Autobahn-Maut für Lastwagen wiedergeben. Der Finanzminister freut sich über 200 Millionen Euro, die im Januar in das Staatssäckel geflossen sind, aufgebrachte Bürger beschweren sich über die "Ausweichler". Dies sind Fahrer, die im Auftrag ihrer Spedition so gut es geht die Autobahnen meiden und sich verstärkt Schleichwege suchen.

RUDOLF STÄBLER

Anzeige

KIRCHHEIM Es ist eine kritische Entwicklung, die sich in den letzten Wochen immer mehr abzeichnete. Obwohl noch keine offiziellen Verkehrszählungen durchgeführt wurden, bekommen es die Bürger am eigenen Leib zu spüren. Immer mehr Lastwagen nehmen den Weg über die kostenfreien Bundes- oder Landesstraßen. Vor dem Mautstart wurden andere Prognosen gestellt: Schleichfahrten sollten sich angesichts des höheren Zeitaufwands für das Gewerbe nicht rechnen. Doch diese Prognosen scheinen wohl nicht viel Wert zu sein. Vor allem bei den osteuropäischen Speditionen, deren Fahrer mit Niedriglöhnen abgespeist werden, scheint der "Umweg" nicht unbedingt teurer zu werden.

Um auch "Schleichfahrer" zur Kasse zu bitten, müsste sich der Bund etwas einfallen lassen. Doch das wird wohl schwierig, denn Bundesstraßen können nicht so einfach bemautet werden. Die Ausdehnung auf andere Straßen ist nämlich nach den geltenden EU-Richtlinien noch nicht möglich. Trotzdem sieht das Mautgesetz in weiser Voraussicht schon die Möglichkeit vor, auch Ausweichstrecken mautpflichtig zu machen. Aber mit einer technischen Durchführung könnte auf keinen Fall vor dem Jahr 2006 gerechnet werden. Erst dann macht eine neue Software in den Lkw-Bordcomputern möglich, zusätzliche Strecken zu erfassen. In diesem Jahr können noch nicht einmal Neubauabschnitte der Autobahnen registriert werden. Ohne dieses Zugeständnis hätte der Maut-Betreiber Toll Collect das komplizierte System 2005 erst gar nicht in Gang gebracht.

Genaue Zahlen über den ansteigenden Lkw-Verkehr auf Bundes- oder Landesstraßen liegen allerdings noch in keinem Fall vor, doch viele Bürger sind der Meinung, dass sich in "ihrer" Gemeinde seit der Maut-Einführung "einfach etwas verändert hat." Es wurde Tag und Nacht lauter, das Gedränge auf der Straße noch enger. Verständlich eigentlich, dass die "Brummis" ausweichen, im Schnitt zwölf Cent pro Autobahnkilometer summieren sich schnell zu viel Geld, und das wollen die Spediteure einfach sparen.

Erster Protest regt sich auch im Kirchheimer Stadtteil Ötlingen. Dort hat sich in den letzten Wochen schon eine "Protestfront" aufgebaut, Unterschriftenlisten liegen in verschiedenen Geschäften aus und private Verkehrszählungen sollen den bisherigen bloßen Verdacht untermauern. Orstvorsteher Hermann Kick bringt dies auf den Nenner: "Wir sammeln zunächst einmal Zahlen, Daten und Fakten." Dabei ist sich der Orstvorsteher sicher, und das hat er auch den interessierten Bürgern gesagt, dass "morgen" noch nichts passieren kann.

In einem Schreiben an Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker und Bürgermeister Riemer schilderte Kick das bisher Geschehene im Stadtteil. So trafen sich Mitte Februar eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürger beim Ortsvorsteher. Mit dabei auch elf Damen und Herren des Ortschaftsrates aus drei Fraktionen. Vorgetragen wurde, dass seit Jahresbeginn 2005 eine starke Zunahme des Schwerlastverkehrs in der Stuttgarter Straße festgestellt wurde. Es wird sehr stark vermutet, dies wurde sowohl durch eigene Zählungen versucht nachzuweisen, wurde aber auch subjektiv so empfunden, dass Umgehungsverkehr von der Autobahn, vermutlich ausgelöst durch die Mautgebühr die eigentliche Ursache ist. Der Ortsvorsteher machte daraufhin die Betroffenen mit der allgemeinen Rechtslage bekannt und ging auch auf die Einwirkungsmöglichkeiten einer Kommune ein. Bei dem Gespräch wurden ferner auch noch außerparlamentarische Möglichkeiten beleuchtet.

Für Kick ist als Sofortmaßnahme eine umgehende Zählsystematik denkbar, eine solche habe der Ortschaftsrat auch bereits in seiner Sitzung am 14. Februar einstimmig beantragt. Ebenfalls könnten Abgas- und Geräuschmessungen kurzfristig angegangen werden, ebenfalls natürlich mit einer sinnvollen Systematik, um Vergleichbarkeit herzustellen. Klar gemacht wird in dem Schreiben an die Kirchheimer Verwaltungsspitze auch, das der "Kostenaspekt" bedeutend sei. Zwischenzeitlich sei ja bekannt, dass Schwerlastverkehr ein zigfaches an Zerstörung der Straßen gegenüber einem Personenwagen verursacht. Nach einem Gesprächstermin im Kirchheimer Rathaus hätte Kick durchaus nichts dagegen, wenn die gesamte Problematik in absehbarer Zeit auch im Kirchheimer Gemeinderat auf der Tagesordnung stünde. Im übrigen hat Hermann Kick auch mit seinen Kollegen in Jesingen, Lindorf und Nabern gesprochen. Dort allerdings gibt es, nach Aussage dieser Ortsvorsteher, zumindest zur jetzigen Zeit keine Klagen aus der Bevölkerung.