Lokales

Im Tierheim läuft das Telefon heiß

Hunde bellen, das Telefon schrillt, der Türöffner summt: Im Esslinger Tierheim herrscht zurzeit ein Betrieb wie im Taubenschlag. Allerdings kommen mehr Tiere rein als raus: Mit 180 Schützlingen, die zu versorgen sind, erreicht die Zuflucht auf der Neckarinsel in diesen Tagen einen traurigen Rekord.

KARIN AIT ATMANE

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ESSLINGEN Tierheimleiter Horst Theilinger legt den Hörer auf. Aus allen Wolken gefallen ist die Anruferin, als sie hörte, sie hätte ihr Tier für die Unterbringung in den Ferien anmelden sollen. Doch das Tierheim ist zum Platzen voll und ohnehin eher für "Fund- und Abgabe-Tiere" gedacht als für Pensionsgäste. Die machen nur rund 20 Prozent der Bewohner aus. "Wir versuchen trotzdem zu helfen, indem wir an private Adressen oder Pensionen vermitteln", sagt Theilinger. Manchem sei das aber zu teuer, wie selbst die Gebühr im Tierheim, die bei wenigen Euro pro Tag liegt. Kostendeckend ist das bei weitem nicht. Und das Tierheim ist auch keine öffentliche Einrichtung, sondern finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.

Jetzt im Sommer geht es richtig rund. Die erste Welle kommt zum Ferienanfang, wenn die Leute in Urlaub fahren. Die zweite Welle kommt danach, weil viele ihre lebenden Mitbringsel aus dem Urlaub doch nicht behalten wollen.

"Hier wird man eher zum Tierfreund, weniger zum Menschenfreund", sagt Tierpflegerin Cornelia Nickolai, die mit der Auszubildenden Dilay Sahin gerade die Kleintiere versorgt: momentan 20 Kaninchen, neun Meerschweinchen, jeweils rund 15 Mäuse und Hamster, außerdem Ratten, Frettchen, Chinchillas. Viel zu oft hat sie schon erlebt, wie leichtfertig mit Tieren umgegangen wird. Trotzdem sei es das Beste, sie im Notfall im Tierheim abzugeben, mit Unterlagen und Vorgeschichte nicht etwa nachts im Karton vor der Tür.

Den Tieren zuliebe wachsen Haupt- und Ehrenamtliche über sich hinaus. Sigrid Fading hat sieben Stunden lang das Katzenhaus geputzt. Kein Wunder, bei der Belegung. Jetzt blitzt es vor Sauberkeit, frische Handtücher liegen aus. Aber Fading ist noch nicht fertig: "Jetzt kommt noch meine Schmuserunde", sagt sie und beginnt bei zwei durch Krankheit einäugig gewordenen Kätzchen im Krankenzimmer. Später schlüpft sie in eine Box zu noch scheuen Kätzchen, die bei Annäherung fauchen: "So kann man die nicht abgeben", sagt die Ehrenamtliche. "Das braucht noch Zeit und Geduld."

Dasselbe gilt für Mike, ein sehr ängstlicher Schäferhund-Collie-Mischling. In ihn hat sich Michael Gussmann verguckt, heute macht er seine Freundin Nadine mit dem Hund bekannt. Zwei Stunden später melden sich die beiden bei Horst Theilinger. Sie wollen Mike und sind bereit, zunächst regelmäßig zu kommen und mit ihm Gassi zu gehen. Dass auch alle anderen Hunde ihren Auslauf bekommen, sogar über die "Spielwiese" hinaus, dafür sorgen die ehrenamtlichen "Gassi-Geher". Zuverlässige Helfer sind Gold wert. Leider gibt es auch andere: Die vom Gericht zu Strafstunden Verurteilten erschienen oft nur sporadisch, sagt der Tierheimleiter.

Er bleibt auch mitten im Trubel gelassen und locker. Obwohl er an diesem Nachmittag bestimmt noch nicht durchschnaufen konnte. In den vergangenen zwei Stunden hat er praktisch pausenlos den Türöffner für Besucher gedrückt, musste ständig ans Telefon: Interessenten für Kleintiere und Vögel haben sich gemeldet, ein neuer "Abgabehund" wurde angekündigt ein Pekinese, aus Italien mitgebracht, der jetzt doch nicht den Vorstellungen entspricht. Eine Frau hat vom Urlaub aus angerufen, weil der Betreuer ihres Hundes ausfällt.

Und jetzt bringt Besucherin Christel Ortlieb einen zerzausten Jungvogel herein. "Das ist eine Taube", sagt Theilinger mit geübtem Blick. "Die kann man aufziehen".

Info Wer gerne ein Tier aufnehmen möchte, zu den Öffnungszeiten des Esslinger Tierheims (montags, dienstags, donnerstags und freitags jeweils von 15 bis 18 Uhr sowie samstags zwischen 10 und 13 Uhr) direkt vorbeischauen, sich unter Telefon 07 11/31 17 33 melden, oder aber im Internet unter der Adresse: www.tierheim-esslingen.de nachschauen.