Lokales

Im "Ulmer Winkel"

Die Landschaft zwischen Donau und Iller, der "Ulmer Winkel", seit den Zeiten Napoleons zu Bayern gehörend, war das Ziel eines Tagesausflugs des Schwäbischen Heimatbundes Kirchheim.

KIRCHHEIM Erste Station war das Städtchen Weißenhorn, landschaftlich reizvoll an dem Flüsschen Roth gelegen. Mit seinem geschlossenen mittelalterlichen Stadtbild gilt der zentrale Ort des Rothtales als schönster Ort im Landkreis Neu-Ulm. Die Führung begann im Historischen Stadttheater, dem kleinsten Theater Bayerns. Im ehemaligen Zehentstadel wurde im Jahr 1878 ein Theater eingebaut, das noch heute seine Besucher begeistert. Es ist gebaut im Stile eines Hoftheaters, mit reizvoller neoklassizistischer Dekorationsmalerei.

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Von dort ging es zum Schlossplatz, einem vom Neuffen-Schloss, vom Fugger-Schloss und vom Fuggerschen Bräuhaus umstandenen Platz, der durch Buchsbaumrabatte optisch aufgegliedert wird. Anhand dieser Gebäude, besonders auch der reizvoll gemalten Fensterumrahmungen des Fuggerschlosses, die in der unteren Fensterreihe die Wappen aller Ortsherren zeigen, konnte die Geschichte Weißenhorns bis zur Säkularisation erläutert werden.

Das Neuffen-Schloss erinnert an die Herren von Weißenhorn-Neuffen, ein Geschlecht, das im 14. Jahrhundert im Mannesstamm ausstarb und bis dahin die Ortsherrschaft ausübte. Danach kam Weißenhorn an Bayern und blieb bis 1505 bei Bayern-Landshut. Dann war es kurz beim habsburgischen Kaiser Maximilian I., der jedoch wegen seiner ständigen Geldnot den Herrschaftsbereich Kirchberg-Weißenhorn schon 1507 an die Fugger verpfändete. Durch die Fugger, die die Barchentweberei förderten, erreichte die Stadt im 16. Jahrhundert ihre höchste Blüte. 1806 kam die Weißenhorn dann endgültig an Bayern.

Der Schlossplatz geht durch ein dezent angebrachtes, zartes schmiedeeisernes Gitter in den Kirchplatz über, die höchste Erhebung Weißenhorns. Er wird dominiert durch die für eine Kleinstadt ungewöhnlich große Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt, einem bedeutenden Bau des Historismus. Sie hatte eine mittelalterliche Vorgängerkirche, die im Februar 1859 während einer Frühmesse einstürzte und zwölf Menschen unter sich begrub. Baumeister der Kirche, in der neuromanische Formen dominieren, war der Münchner Oberbaurat August von Voit, der auch den Glaspalast und die Neue Pinakothek in München gebaut hat. Einige Bilder der Kirche sind vom Vorgängerbau erhalten geblieben. Sie stammen von dem einheimischen Maler Konrad Huber.

Auf der anderen Seite wird der Kirchplatz vom arkadengeschmückten Neuen Rathaus, dem Oberen Tor und dem Waag- und Wollhaus eingefasst. In den beiden Letzteren ist jetzt das Heimatmuseum, das nächste Ziel der Reisegruppe, untergebracht. Dort wurde zuerst der alte Torturm bis zum fünf Stockwerke hoch gelegenen, ehemaligen Turmwächterzimmer bestiegen. Ein herrlicher Ausblick auf die romantische Altstadt, auf die Vorstadtviertel und das malerische Umland entschädigte für die Mühe des Aufstiegs. Außerdem war noch ein handwerklich hervorragend gefertigtes Modell der mittelalterlichen Altstadt zu bewundern.

Vom Torturm machten die Teilnehmer noch einem Abstecher in einige Abteilungen des Heimatmuseums, die im ehemaligen Waag- und Wollhaus untergebracht sind. Die Zeit reichte aber nur, um exemplarisch einige Themengruppen in Augenschein zu nehmen, beispielsweise Spiele um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, Freizeit in der vorindustriellen Zeit oder Bürgermöbel von der Barock- bis zur Biedermeierzeit.

Eine bedeutende Rolle spielte auch schon in der vorbayrischen Zeit in Weißenhorn das Bier. In der Hauptstraße zwischen Ober- und Untertor besaß in der frühen Neuzeit jedes zweite Haus das Braurecht, und noch im 19. Jahrhundert gab es in der Stadt 16 Brauereien. Leider sind diese Brauereien im Zuge der Konzentration im Braugewerbe mittlerweile alle verschwunden, die letzte vor zwei Jahren. Vorbei an Bürgerhäusern, deren Baustil sich vom 14. bis ins 19. Jahrhundert erstreckt, ging es zur Spitalkirche vom Heiligen Geist, einer kleinen, schmucken Barockkirche, die für die Bewohner des Spitals errichtet wurde und heute gerne als Hochzeitskirche verwendet wird.

Durch das Untere Tor führte der Rundgang anschließend in die Bahnhofstraße, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach der Eröffnung der Stichbahn von Senden nach Weißenhorn entstand und in der einige Villen aus der Gründerzeit zu bewundern waren. Am Prügelturm vorbei ging es dann zurück in die Altstadt.

Der Nachmittag führte die Reisegruppe nach kurzer Fahrt ins nahe gelegene Prämonstratenserkloster Roggenburg. Die Prämonstratenser sind nicht wie die Benediktiner oder Zisterzienser ein Mönchsorden, sondern Chorherren, die als geweihte Priester nach der Regel des heiligen Augustinus leben. Eine wichtige Aufgabe ist für sie die Seelsorge in den umliegenden Gemeinden. Das Kloster geht zurück auf eine Stiftung der Grafen von Bibereck aus dem Jahr 1126. Im Jahre 1144 zur Probstei erhoben, stieg es 1444 zur Abtei auf, und erlangte weitere 100 Jahre später als Reichsstift die vollständige Reichsunmittelbarkeit.

Im 18. Jahrhundert wurde die in die Jahre gekommene Anlage vollkommen neu aufgebaut, darunter auch ab 1752 die Klosterkirche. 1802 traf das Reichssstift wie alle anderen geistlichen Fürstentümer die Säkularisation. Das Land Bayern besetzte das kleine Territorium, und die Prämonstratenser wurden enteignet. 180 Jahre später begann, als die ersten Prämostratenser wieder zurückkehrten, die Wiederbesiedlung des Klosters. So wurden in den letzten Jahren ein Bildungszentrum, ein Klostergasthof und ein Klosterladen in Betrieb genommen.

Die Führung begann in der Klosterkirche Mariä Himmelfahrt, die von Simpert Kraemer, dem früheren Stiftsbaumeister Ottobeurens, entworfen wurde. Als dieser 1753 starb, wurde sein Sohn Hans Martin Kraemer mit der weiteren Ausführung des Baus betraut. Seine überwältigende Wirkung bezieht das Gotteshaus aus der verschwenderischen Ausstattung. Da ist zunächst der alles beherrschende Hochaltar, der die ganze Höhe und Breite der Apsis ausfüllt. Sein Altarblatt, die 1754 von dem Weißenhorner Maler Martin Kuen gemalte Himmelfahrt Mariens, wird von einer gewaltigen Säulenarchitektur flankiert.

Dieser prunkvollen Szenerie im Osten entspricht eine nicht minder eindrucksvolle im Westen: der gewaltige, weiß-goldene Orgelprospekt in schwingenden, musikalischen Formen eine der schönsten Rokoko-Orgeln in Süddeutschland. Zwischen diesen beiden Polen befinden sich vier Deckenfresken aus dem Marienleben. Das Hauptfresko ist, wie bei allen Prämonstratenserkirchen, die Geburt Jesu, weil das erste Gelübde nach der Ordensgründung im französischen Prémontré an einem Weihnachtstag abgelegt wurde.

Um zu zeigen, dass an der Verehrung des göttlichen Kindes der ganze Erdkreis teilnimmt, wurden die (damals bekannten) vier Erdteile als Stuckallegorien auf dem Gesims über dem Querhaus einfügt. Eine beiläufige Humoreske des Kirchenmalers: Beim Lager der Hirten befindet sich ein Bierfass, auf dessen Boden scharfe Augen die Initialen einer bekannten Münchner Brauerei entdecken können. Ein absoluter Höhepunkt der Führung durch die Abteikirche war, dass Klosterführerin Johanna Spengler zum Schluss auf die Orgelempore stieg und auf der "Großen Roggenburgerin", wie die Orgel von den Einheimischen genannt wird, durch drei Stücke von Händel, Mozart und Bach die Kirche sowohl als sakrales als auch sinnenfreudiges Gesamtkunstwerk vermittelte.

Die übrigen Klostergebäude sind der Allgemeinheit nur zum Teil zugänglich. Von der Kirche ging es über den Kreuzgang zum ehemaligen Refektorium, dessen sieben Fresken biblischen Inhalts zum Thema "Essen und Trinken" bei den Teilnehmern auf großes Interesse stießen. Bemerkenswert auch das Chronogramm über der Eingangstür mit dem verschlüsselten Hinweis auf das Baujahr 1765.

Die Führung endete im Bibliothekssaal, der in seiner architektonischen Form den Sälen von Ottobeuren und Wiblingen ähnlich ist. Er ist noch in Naturholz gehalten, da die Säkularisation die geplante Stuckfassung der Holzteile nicht mehr zur Ausführung kommen ließ. Ein einziges großes Deckenfresko zeigt die Bergpredigt als Inbegriff der neutestamentlichen Lehre.

Nach der eindrucksvollen Führung stärkte sich die Reisegruppe in einem ländlichen Gasthaus, bevor es durch den von der herbstlichen Abendsonne beschienen "Ulmer Winkel" wieder zurück über die Schwäbische Alb nach Kirchheim ging.

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