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In den Pantoffeln ging es einst rathausintern "rüber zum Schaffen"

Wenn Dettingens Kämmerer Reinhard Schwahn zum Jahresende in den Ruhestand geht, tritt eine Institution von der öffentlichen Bühne ab. Bis dahin muss er aber noch den Haushaltsplan für das Jahr 2005 erstellen den 36., für den er im Dienst der Schlossberggemeinde zuständig ist.

ANDREAS VOLZ

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DETTINGEN

"Ein Leben ohne Haushaltspläne kann ich mir gut vorstellen", sagt Reinhard Schwahn über seinen bevorstehenden Ruhestand und versichert glaubhaft: "Ich werde meiner Frau keinen Haushaltsplan aufstellen und auch sonst nicht in ihre Organisation eingreifen." Überhaupt misst er dem Plan weitaus weniger Bedeutung zu, als von ihm, der das komplizierte Zahlenwerk ja schließlich zusammenstellt, zu erwarten wäre: "Der Haushaltsplan an sich ist nicht das wichtigste, sondern das Umsetzen und Erreichen der darin gesetzten Ziele. Der Plan ist dabei ein roter Faden, aber keine Bibel."

Weil er das Erreichen der Ziele 2005 nicht mehr im aktiven Dienst mitverfolgen wird, erstellt er den abschließenden Haushaltsplan seiner Karriere bereits gemeinsam mit seiner Kollegin Verena Wiedmann, die sich künftig auch um die Kämmerei kümmern wird. "Ich sage nicht: ,Nach mir die Sintflut'", meint Reinhard Schwahn dazu, "das ist nicht meine Art."

Auch wenn er sich auf den Ruhestand freut, geht er davon aus, dass ihn gemischte Gefühle beschleichen werden an seinem letzten Tag im Dettinger Rathaus. Schließlich hat er "gern geschafft" und denkt auch gern daran zurück, was sich alles getan hat, seit er im Februar 1969 sein Amt antrat.

Es gab Zeiten, in denen Schwahn dem Amt näher verbunden war als heute, was natürlich nur vollkommen wörtlich zu verstehen ist: Das war in jenen 17 Jahren, in denen er mit seiner Familie im Rathaus gewohnt hat, "wo heute der Feuerwehrübungsraum ist". Wenn es notwendig war, sei er damals noch in den Pantoffeln "rüber zum Schaffen" gegangen.

Immer wieder war es aus Sicht der Betroffenen dringend nötig, dass Reinhard Schwahn sich auch nach Feierabend noch einmal "auf die Socken" beziehungsweise auf den "kurzen Dienstweg" machte. So erinnert er sich an Fälle, als er Samstagabends gegen 19 Uhr noch kurzfristig die Polizeisperrstunde wegen Jahresfeiern verlängerte oder dazu beitrug, dass die zuständige Kollegin übers Wochenende ebenfalls noch schnell etwas verlängerte: abgelaufene Reisepässe. Den Bürokratismus hat Reinhard Schwahn für sich nicht zum obersten Grundsatz erklärt: "Wenn man jemandem helfen kann, sollte man sich nicht auf seine Zuständigkeiten zurückziehen."

Was die Zuständigkeiten betrifft, so gehörte die Kämmerei von Anfang an zu den Aufgaben des künftigen Pensionärs. Die Stelle war als solche ausgeschrieben. Dennoch bezeichnet er sein anfängliches Betätigungsfeld als das eines "Alleinunterhalters". Ob Baurecht, Standesamt, Personalwesen oder Steueramt, es gab kaum etwas, wofür Reinhard Schwahn damals nicht zuständig war und sei es auch nur in seiner Eigenschaft als verwaltungsinterner Stellvertreter des Bürgermeisters.

Hilfreich war für Reinhard Schwahn in dieser Zeit sicherlich seine Erfahrung aus dem vierten Ausbildungsjahr, das er in Großbettlingen verbrachte. Der dortige Bürgermeister übte dasselbe Amt zugleich auch noch in Neckartailfingen aus und war daher oft abwesend, sodass der junge "Stift" aus dem Unterland alles machen musste, was anfiel. "Da bin ich in den Schlappen reingekommen", erinnert er sich noch heute an eine lehrreiche Zeit, die ihn nach dem Motto "learning by doing" mit seinem Handwerkszeug vertraut machte.

Nach dem Abschluss, den Reinhard Schwahn zwei Jahre später an der Stuttgarter Verwaltungsschule ablegte, arbeitete er zunächst am Heilbronner Landratsamt, bevor er sich um die Stelle in Dettingen bewarb. Seine Motivation bestand da-rin, mehr "mit der Hand am Arm zu schaffen", wie er sagt, mehr mit der Realität konfrontiert zu sein und mehr Kontakt mit den Menschen zu haben. Als er dann 1969 mit seiner Frau aus dem gemeinsamen Heimatort Bad Friedrichshall an den Albrand übersiedelte, habe die Schwiegermutter gefragt, wie lange sie denn fortbleiben wollen. "Vier bis fünf Jahre werde ich schon bleiben", habe er damals gesagt, "und jetzt sind es 36 Jahre geworden." Seinen Wohn- und Dienstort betrachtet Reinhard Schwahn mittlerweile ebenso als Heimat wie das Unterland mit seinen vielen Weinbergen, auch wenn er scherzhaft sagt: "Dettinger kann man nicht werden, das muss man sein." Immerhin aber sei er vom "Reig'schmeckten" zum "Zugezogenen" aufgestiegen.

Als er im November 1968 zum Vorstellungsgespräch kam, machte Dettingen auf ihn den Eindruck einer "armen Gemeinde auf hohem Niveau". Vor allem die Entwicklungsmöglichkeiten reizten ihn, die Arbeit am Fuße der Teck aufzunehmen in einer Zeit, in der junge Verwaltungsfachleute noch unter vielen Stellenangeboten wählen konnten. "Dettingen hatte damals weniger als 4 000 Einwohner", tischt der scheidende Kämmerer Fakten auf, wobei er verschmitzt hinzufügt: "Ich habe auch mit zwei Kindern dazu beigetragen, dass es jetzt 5 500 sind."

Außer der Einwohnersteigerung und drei Bürgermeistern (Richard Käser, Günter Fischer und Rainer Haußmann) hat Reinhard Schwahn in Dettingen auch jede Menge Zeitgeschichte erlebt und teilweise sogar geprägt, etwa die Entwicklung der EDV. Angefangen habe es zunächst mit Lochkarten und einer Frühform von Outsourcing, stand das entscheidende Gerät doch in Weilheim, bei der Firma Faber und Becker. Als Ende der 70er-Jahre der erste Computer Einzug ins Dettinger Rathaus hielt, hatte er noch die Größe eines mittleren Aktenschranks. Aber bereits 1972 wurde der Zweckverband Kommunale Datenverarbeitung Region Stuttgart (damals noch Mittlerer Neckar) gegründet, und Reinhard Schwahn war von Anfang dabei, als Pilotanwender und Projektberater.

Nach der Wende hat er seine Erfahrungen auch an Kollegen aus einer Gemeinde in der Nähe von Leipzig weitergegeben. "Denen habe ich das Schaffen beigebracht", sagt er völlig vorurteilsfrei. Als fingierte Gemeinde habe er sie im Computersystem mitlaufen lassen, um einen Haushaltsplan zu erstellen. Von morgens neun bis nachts um zehn hätten die Gäste aus Sachsen gearbeitet, mit kurzen Essenspausen: "Die waren fix und fertig." Bis heute hat der Dettinger Kämmerer Kontakt zu jener Kollegin, die in ihrer Heimat dann als Multiplikatorin gewirkt hat.

Aber nicht nur mit dem Ende der DDR verknüpft Reinhard Schwahn persönliche Erinnerungen, sondern bereits mit dem Ende des "Dritten Reichs". Besonders ist ihm sein dritter Geburtstag im Gedächtnis haften geblieben: Die Wohnung in Bad Friedrichshall fiel genau an Heiligabend 1944 einem Bombenangriff zum Opfer. Er hat vor allem deshalb überlebt, "weil ich mit meiner neuen Holzeisenbahn unter dem Sofa gespielt habe".

Vielleicht liegt es an diesem frühkindlichen und lebenswichtigen Bezug zu öffentlichen Verkehrsmitteln, dass sich Reinhard Schwahn heute als "ÖPNV-Freak" bezeichnet. So ist er viel mit der Bahn unterwegs, um anschließend Städte, Hügel oder Wälder der Umgebung zu erwandern ein Hobby, dem er im Ruhestand sicher mehr Zeit widmen kann als seither, ebenso wie dem Musizieren, dem Lesen oder dem Radfahren.

Vor allem aber möchte Reinhard Schwahn, sobald er an Silvester eine Woche nach seinem 63. Geburtstag offiziell in den Ruhestand gegangen ist, das Dettinger Hallenbad häufiger besuchen als bisher. Einst hat er im Neckar das Schwimmen gelernt und sich auch im Kocher und in der Jagst getummelt. Das fehlte ihm anfangs in Dettingen sehr, und deshalb engagierte er sich auch im Förderverein für den Hallenbadbau. Demnächst könnte er sich wieder für einen solchen Verein in die Pflicht nehmen lassen. Doch Reinhard Schwahn signalisiert bereits: "Schaffen und helfen ist kein Problem aber von bürokratischen Aufgaben will ich erst mal nichts wissen."