Lokales

In der Schule Deutscher und auf der Straße Türke

Fatih Öztürk ist in beiden Kulturen groß geworden, musste lernen sich durchzusetzen und ist heute selbstständiger Immobilienmakler. Über die Prediger in den Moscheen hat er seine eigene Meinung.

KREIS ESSLINGEN Geboren ist der 26-jährige Jungunternehmer in Deutschland. Den Besuch des Kindergartens und der Grundschule in Esslingen fand er als normal. Außergewöhnlicher war dann schon, dass er damals als einziger männlicher Türke das Theodor-Heuss-Gymnasium besuchte und das Abitur gemacht hat. Fatih Öztürk ist das, was man einen Selfmademan nennt. In der Türkei wollten sie ihn später einmal als Fahnenflüchtigen verhaften, weil er vergessen hatte mitzuteilen, dass er hier den Zivildienst abgeleistet hatte. In der Schule hat er sich der deutschen Pingeligkeit angepasst. Seine Freunde auf der Straße waren Türken, Italiener, Albaner. Kontakt mit deutschen Jugendlichen hatte er nur in der Schule. Als "relativ in Ordnung" bezeichnet er die Beziehungen dort. Wenn es allerdings Konflikte gab, "hatten sie Angst, dass ich sie mit meinen Kumpanen irgendwann nachts einmal aufsuchen würde." Den Respekt, den sie ihm entgegenbrachten, bezeichnet er als "Angstrespekt". Das galt auch für die Lehrer.

Anzeige

Von seiner damaligen Clique, etwa zwanzig Freunde, sind nur noch wenige auf freiem Fuß, einige sind auch gestorben. Er hat schon frühzeitig gelernt, sich irgendwie durchzumogeln und hatte das Glück, seine schulischen Leistungen nicht vernachlässigen zu müssen. Natürlich war er auch clever, konnte gut seine Eloquenz einsetzen.

Ausgesprochenes Glück ist für ihn auch, dass seine deutschen Sprachkenntnisse so gut waren und dass er aufs Gymnasium gehen konnte. "Wäre ich auf eine Hauptschule gegangen, wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin." Er meint, dass er die Hälfte seiner Schulzeit vor der Tür verbracht hat. Auch wenn das etwas übertrieben sein mag, viel nachlernen musste er bestimmt. Er war alles andere als brav und angepasst, manchmal auch etwas durchtrieben und immer mit Chuzpe.

Seine Schulleiterin Christa Vossschulte genießt bei ihm allerhöchstes Ansehen. Er weiß wohl, dass er es ohne ihre Mithilfe niemals geschafft hätte. Und natürlich spielt auch Conny Schehle vom Esslinger Jugendbüro eine nicht ganz unbedeutende Rolle. Auch sie hat ihm einmal in einer etwas schwierigen Situation sehr geholfen.

Es scheint so, dass ihm auf seinem Lebensweg immer zur rechten Zeit die richtigen Menschen begegnen.

Über die Integration von Ausländern hat der deutsche Türke so seine eigene Meinung. Er glaubt, dass die Zugewanderten sich erst einmal ändern müssen, die müssten toleranter werden. Aber auch die Wohnumgebung hat für ihn ganz wesentliche Einflüsse: "Ich bin in einer Straße aufgewachsen, da hat fast kein Deutscher gewohnt und wenn er Deutscher war, dann war er Sozialhilfeempfänger." Und natürlich soll ein deutscher Pass erst dann erteilt werden, wenn die Sprachkenntnisse ausreichend sind.

Fatih Öztürk kam mit elf oder zwölf Jahren zum ersten Mal ins Jugendhaus und von da an, bis er seinen Führerschein bekommen hat, praktisch täglich. Vor allem die Einrichtung in Oberesslingen war sein Treffpunkt. Dort saßen er und seine Freunde rum, haben Billard gespielt und sind auch weiter gezogen auf Basketballplätze. Auf die Frage, ob das irgendwie zur Integration beigetragen habe, antwortet er: "Nein, absolut nicht. Wenn ich im Theodor-Heuss-Gymnasium gesagt habe, ich gehe ins Jugendhaus, da ist keiner mitgekommen. Das hatte so einen negativen Ruf, es hieß, da seien nur üble Typen. Ins Jugendhaus Oberesslingen ist man nur gegangen, wenn man halt dort dazu gehört hat. Bei uns waren sehr wenige Deutsche dort, und wenn welche dort waren, dann wurden sie halb ausgelacht, weil es waren dann irgendwelche Deutschen, die wie Ausländer sein wollten, also richtig paradox eigentlich."

Der Vater eines vierjährigen Kindes wohnt inzwischen in Plieningen und hält es natürlich für möglich, auch wieder zurück in die Türkei zu gehen. Das will er von den Geschäften abhängig machen. Hier wählt er CDU. Als Geschäftsmann findet er, dass die Partei mehr für ihn macht. Er ist auch nicht für den Anschluss der Türkei in die Europäische Union. So kann er sich durchaus vorstellen, dass auch einmal Deutsche in die Türkei auswandern, um dort zu arbeiten. Natürlich ist er auch dafür, dass eine Muslimin, wenn sie als Lehrerin in der Schule unterrichten will, kein Kopftuch tragen darf. Auch über die Prediger in den Moscheen hat er seine eigene Meinung und oft genug hat er ihnen gegenüber sein Missfallen zum Ausdruck gebracht. Sympathien hat ihm das keine eingebracht.

Fatih Öztürk ist sicher kein typisches Beispiel von einem Türken, der hier aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, einen deutschen Pass erworben hat und hier als Unternehmer seine Steuern zahlt. Er hat einfach auch Glück gehabt. Oft genug hat er auf Risiko gespielt. Manchmal hätte es ganz anders ausgehen können. Und mit der Religion geht er sehr pragmatisch um: "Tu ich was Gutes bekomm' ich was Gutes, tu ich was Böses, bekomm' ich was Böses". Diese einfache Gleichung hat er von seinem Physiklehrer vermittelt bekommen, ganz einfach Aktion und Reaktion.

tb